Die unbestimmte Kränkung

Eine Replik auf Sascha Lobos "Abschied von der Utopie"

Das Internet ist kaputt, sagt Sascha Lobo, und gibt Snowdens NSA-Aufdeckungen als Grund dafür an. Und er spricht von einer tiefen und irreparablen Kränkung, die er als Deutschlands populärster Internet-Fürsprecher erfahren hat.

Aber je näher ich den Text ansehe, desto verschwommener schaut er zurück. (Die einen Tag später nachgeschobene Erläuterung im SpOn-Blog ändert daran auch nichts.)

Was heißt hier „kaputt“? Was ist mit „das Internet“ gemeint? Worin genau besteht die Kränkung: die Kränkung Lobos, die Kränkung der fortschrittsoptimistischen Menschheit? Was genau hat die NSA damit zu tun? Und was haben „wir“, also alle Exponenten und Apologeten von „das Internet“, jetzt zurückzunehmen?

 

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Zuerst zur öffentlichen Figur „Sascha Lobo“, weil sie die Diskussion zuallererst überhaupt ermöglicht, dann aber in gewisser Hinsicht auch im Weg steht: Ich mag sie. Ich mag diese Mischung aus Selbstversuch, Selbstzweifel und Selbstbewusstsein. Schon immer höre ich hinter der Medienfigur mit den saulustigen und intelligenten Soundbites eine sehr ernsthafte, nachdenkliche, eigentlich ja ganz unverstellte Stimme heraus. In meiner Nische verteidige ich Lobo immer neu gegen die reflexhaften aggressiv-abfälligen Bemerkungen einer Netzgemeinde, die sich in ihrer Rechthaberecke wohlfühlt, die Medienfigur mit „egozentrischer Rampensau und Schaumschläger“ gleichsetzt und dann gar nicht mehr genauer hinhört.

Dabei ist es ganz wunderbar, dass einer die Kraft und die Position hat, um überhaupt solche Debatten auszulösen: also synchrones öffentliches Nachdenken über „das Netz“. Niemand außer ihm kann das im deutschsprachigen Raum mit einem gut positionierten Text bewirken: sowohl bei der Netzgemeinde, also uns etwa 30.000 verstreuten digitalen Sonderlingen da draußen, als auch zumindest bei Teilen des Mainstreams. Es nervt mich, wenn lauter selbst ernannte Netz-Leitartikler sich dann gleich berufen fühlen, ihr Drübersteher-Größenselbst mit Hilfe von müdem, pseudoironischem Lobo-Gewitzel aufzupäppeln.

Und ich habe auch kein Problem mit dem FAZ-Feuilleton als Veröffentlichungsort: Wo denn eigentlich sonst? Das ist doch der einzige Ort, an dem überhaupt eine ernsthafte, große gesellschaftliche Debatte über „das Digitale“ und (etwas weniger) „das Netz“ stattfindet. (Übrigens auch über die Wirtschaftskrise.) Morozov, Gelernter, Kurz/Rieger: Das ist alles ernst zu nehmen und oft hochinteressant. Und es stimmt zwar, dass die düsteren Menetekel überwiegen, aber auch bei Frank Schirrmacher selbst ist die Einschätzung des digitalen Klimawandels nicht einfach nur negativ und dystopisch.

 

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Was ist eigentlich die Kernbotschaft? Ich habe mir das jetzt so zusammengereimt:

  • Seit wir wissen, dass die NSA und angeschlossene Geheimdienste an allen Datenknoten jederzeit sämtliche Daten abzapfen, erscheint das Internet selbst in seiner Wurzel vergiftet. Alles ist kontaminiert, was damit zu tun hat. Also auch die alltägliche Webkommunikation. Eigentlich auch diese Debatte hier, noch dazu, wenn ich sie über Google+ und Twitter führe.
  • „Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht“, hat er getwittert. Wörtlich genommen heißt das: Wir brauchen ein grundsätzlich neues Netz, also etwas anderes als das Internet, das ja überhaupt erst um 1994 zur Infrastruktur der digitalen Vernetzung wurde, durchaus zur Überraschung und zum Missvergnügen der politisch und wirtschaftlich Mächtigen.

    Das Internet ist eine unordentliche, verteilte Netz-Technologie, die zentrale Kontrolle eigentlich massiv erschwert. Mit Big-Data-Kapazitäten und -Methoden kann man das aber anscheinend seit ein paar Jahren kompensieren, wie die NSA und die gigantischen US-Netzkonzerne vorführen. Aber was das für ein neues Netz sein kann, neben dem Internet, und wer es betreiben und bauen soll, ist mir völlig schleierhaft. (Wirklich die EU, mit ihren angeschlossenen nationalen Geheimdiensten?) Manchmal klingt es bei Lobo aber auch so, als sei nur ein anderes Internet damit gemeint, also mit zusätzlicher antizentralistischer Technologie und mehr demokratischer Transparenz und Kontrolle.

  • „Wir brauchen einen neuen Internet-Optimismus, der alte ist defekt.“ (Der andere Tweet.) Also doch einen Optimismus, der sich auf ein neues, verbessertes Internet bezieht?

    Das verstehe ich vor dem Hintergrund der Lobo-Statements der letzten ein, zwei Jahre so: Wir brauchen überhaupt erst mal einen positiv besetzten Begriff von „das Netz“ im deutschsprachigen Diskurs, der eben nicht von unserer Nischenbewohner-Perspektive ausgeht. Das Netz wird unsere Welt prägen und umbauen, aber der normale Mensch in meiner Reihenhaussiedlung verbindet praktisch nichts damit, außer: irgendwie Google, Facebook, Amazon, und jetzt eben auch NSA. Etwas Übermächtiges, Grusliges, schon auch faszinierend, aber den Alltagshorizont bei weitem sprengend. Und irgendwie bedeutet es eher nichts Gutes für die deutsche Wirtschaft, die deutsche Bildung, die deutsche Politik.

 

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Ich selbst teile vor allem den etwas kleinlaut angefügten Ruf nach einem neuen, oder überhaupt erst einem gescheiten „Internet-Optimismus“, also einem positiven Entwurf, den man dann zum Ausgangspunkt für politisches und gesellschaftliches Engagement nehmen kann. Diesen positiven Begriff vom „Netz“ haben wir nicht genug entwickelt, verbreitet und ihm nicht öffentlich Gehör verschafft. Das ist in den USA teilweise anders, obwohl es natürlich auch da das Problem gibt, dass die kommerziellen Silicon-Valley-Investoren (Peter Thiel u.v.a.) und neoliberalen Wortführer (Gingrich, Friedman) ständig die emanzipatorischen Ideen übernehmen und umdrehen, um ganz eigene Interessen zu verfolgen.

Aber es gibt schon breitenwirksame Netz-Intellektuelle wie Doc Searls, David Weinberger, Clay Shirky, Steven B. Johnson, Tim O’Reilly, Howard Rheingold, Kevin Kelly, u.a. Und es gibt einen reichhaltigen Diskurs rund um die „Web 2.0″-Welle, insbesondere viele bloggende Entwickler und Designer, dazu auch Unternehmensberater (z.B. Stowe Boyd, David Gray), und sogar sehr nachdenkliche Venture-Kapitalisten wie Paul Graham, Fred Wilson und Albert Wenger.

 

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Aber wieso „Das Internet ist kaputt“ drüber schreiben, wenn es um anderen, besseren Internet-Optimismus geht? Und eine Saulus/Paulus-Wende inszenieren? Auf unnötige Weise den Defätisten in die Karten spielen? „Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung.“ Ja, wann denn? Ich habe keine solchen naiv-utopischen Lobo-Texte im Netz gefunden, und verlinkt hat er sie auch nicht.

Und wer sonst hat das überhaupt so vertreten? Morozov behauptet immer pauschal: die oben genannten US-Intellektuellen, aber das ist ein Schmarren. Ich bin weiß Gott selber Netz-Enthusiast und „Internet-Zentrist“. Ich glaube, dass „das Netz“ (als Internet, aber v.a. auch als das World Wide Web) eine neue Kulturtechnik ist, die unsere Welt von Grund auf verändert und viele neue emanzipatorische Möglichkeiten eröffnet. Ich selbst habe mich 2009 vorsichtig-optimistisch zum demokratischen Potenzial des Netzes auch im deutschsprachigen Raum geäußert. Aber so naiv behauptet das wirklich niemand. Noch nicht einmal das legendäre InternetManifest von J.P. Barlow von 1996, wenn man es genau liest.

 

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Die Folgerung, die m.E. aus der NSA-Affäre zu ziehen ist, bringt Thomas Stadler auf die Formel: „Nicht das Internet ist kaputt, sondern die Demokratie.“ Auch die Demokratie verändert ja alle paar Jahre ihre Gestalt und muss permanent neu erfunden und behauptet werden.

Wir hatten immer schon Geheimdienste und Überwachungsgelüste und Law & Order-Rhetorik und eine gewollt intransparente Exekutive, aber gerade jetzt lässt die Kraft des repräsentativen Parteisystems stark nach, die zumindest zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren insgesamt eher positiv gewirkt hat. Der Emanzipationsschub hat nachgelassen, und wir sind eingetreten in das Zeitalter der Postdemokratie.

Eigentlich brauchen wir ein neues 1968 aus dem Geist des Netzes, und vor ein paar Jahren fühlte sich das wirklich ein bisschen so an, aber derzeit ist die Luft raus. Diese Desillusion spüre ich schon auch, aber das ist ja nur eine kleine Atempause des Weltgeistes. Der Umbruch geht derweil weiter. Ob das gut oder schlecht wird, ist vor allem eine Sache des politischen Kampfes für eine erneuerte Idee von Demokratie.

 

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Aber sonst? Was ich mir 2009 vom Netz versprochen habe (d.h., eigentlich ja vor allem vom Web), ist ja weiterhin wirksam:
 

„Die Parteien funktionieren nicht mehr. Aber auf der Straße findet der politische Diskurs auch nicht statt. Wenn Leute überhaupt noch über Politik sprechen, witzeln sie müde über Oberflächlichkeiten, über Dienstwagenaffären und Kandidatendarsteller. Kaum jemand würde noch sagen „Ich bin ein politischer Mensch“. […]

Die alten Medien haben die Funktion eingebüßt, das auszusprechen, was die Gesellschaft umtreibt. Aber trotzdem reden und denken die Leute ja unaufhörlich. Jeden Tag muss ja die Welt mit Worten neu hergestellt werden. Wo ist also der gegenwärtige Raum für lebendige Öffentlichkeit? Für das angeregte Stimmengewirr, für das kollektive Selbstgespräch? Und zur Zeit ist die einzige Antwort darauf eben: Im Netz. […]

Aber was ist das: „das Netz“? Das Netz besteht nicht aus Botschaften, es besteht aus Impulsen und Kettenreaktionen. Es ist kein überdimensionales Archiv von „Webseiten“, es ist eher wie das große Murmeln auf einer gigantischen Stehparty. Es ist ein neuartiger Sprachraum, ein Raum für menschliche Äußerungen und menschliche Stimmen. […]

Und weil das vor allem in schriftlicher Form geschieht, ist das Netz zugleich ein offener, unendlicher, sich ständig wandelnder Text.“

(Reboot-D, Digitale Demokratie – Alles auf Anfang, PDF)

 
Und so weiter.

Wenn ich mir da gerade konkrete Sorgen mache, dann, weil das offene Hyperlink-Web von dem „anderen Netz“ bedroht wird, dem App-Netz, das die kommerziellen Internet-Unternehmen aufbauen, und das hat natürlich schon auch Wechselwirkungen mit den NSA-Aktivitäten. Dagegen entstehen gerade viele neue Graswurzel-Initiativen wie etwa #Reclaimopen und #IndieWeb (ja, die sind klein, aber nicht kleiner als die der Web 2.0-Pioniere).

Ich hoffe da nicht auf Petitionen, sondern tatsächlich vor allem auf demokratische Technologien, politische Hacks sozusagen, die dann wiederum neue Vernetzungen von Menschen und Ideen ermöglichen, wie es etwa Wikis, Blogs und Twitter getan haben. (Und ursprünglich eben das WWW selbst.)

Mit der NSA hat das nichts zu tun, weil die Dynamiken, die mich interessieren, auf einer ganz anderen Ebene wirksam sind als auf der politischen. Hier verändern sich der Fluss der Ideen, die Intensität des Austauschs, die Vernetzung von bisher unvernetzten Akteuren.

Ich kann nicht sehen, dass das beeinträchtigt wurde. Aber ich habe mich auch nie mit dem technischen Großsystem Internet identifiziert, dem ja auch die Hacker immer schon recht distanziert gegenüber standen, sondern mit der subversiven, schmutzigen, unordentlichen Popkultur-Dimension: lauter kleine Rock’n’Roll-Bands und Folksänger sozusagen, die auf Platten mit Mini-Auflage und in Piratenradios kollektiv ihre eigene Stimme hören und finden, obwohl natürlich das System beherrscht wird von ausbeuterischen Managern und Musik-Multis.

Das ist nicht gut, aber die Entwicklung geht trotzdem in die richtige Richtung. Die Einzelnen und Ohnmächtigen überall sind weniger isoliert, sie können sich viel weiter und besser Gehör verschaffen. Um diese Ermächtigung geht es. Wenn sich diese Dynamik umkehrt, dann mache ich mir richtig Sorgen.

 

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Was also jetzt nötig ist, ist zuerst einmal auch eine sprachliche Neuerfindung von „das Netz“. Das Netz ist ja eigentlich in unserem Internet-Entwicklungsland immer noch gar kein ernstgenommenes Thema: nicht gesellschaftlich, nicht politisch, nicht ökonomisch. Und wir Digerati haben ja selber noch nicht genau verstanden, was das wirklich ist, es ist ja wirklich #Neuland.

Die Lobo-Desillusion bezieht sich sehr stark auf den massenmedialen Charakter und die „Abhörsicherheit“ eines Massenkommunikations-Netzwerks. Aber das Netz ist eben nicht nur, nicht mal vor allem, ein neues Massenmedium und Kommunikationswerkzeug, es ist tatsächlich ein neuer Kulturraum.

Ich habe vor kurzem ganz verblüfft festgestellt, dass nicht mal unter den Netz-Nerds anerkannt und klar ist, dass das Web nicht einfach dasselbe ist wie „das Internet“, und das ist wiederum nicht einfach dasselbe wie „die digitalen Datenströme“, von denen Lobo spricht. Nur wenn wir diese ingenieurstechnischen und kulturtechnischen Unterschiede uns selbst und zugleich der verunsicherten Öffentlichkeit klarmachen, haben wir auch eine politische Chance.

Am Montag sagte ich dazu in einer ersten, spontanen Reaktion:
 

„Wir brauchen viel mehr Empirie und Selbstversuche, viel weniger pauschale Weltrettungs- und Weltuntergangshypothesen.“

 
Dabei bleibe ich. Und ich weiß, dass ja gerade Sascha Lobo das selbst praktiziert. (Noch bei der letzten re:publica hat er dazu ausdrücklich aufgerufen.) Dass er jetzt öffentlich widerruft und Abbitte leistet, erkläre ich mir tatsächlich als emotionale Reaktion. Ich kann die große Kränkung selber nicht nachvollziehen, aber ich glaube ihm, dass er das so dramatisch erlebt.
 
Dieser Text erschien zuerst auf Martin Lindners Google+-Account