KommPol 2014 · Spiegeln Onlinekommentare die öffentliche Meinung wider?

Die Verfasser von Online-Leserkommentaren sehen sich selbst als Sprachrohr für die Leserschaft, unterscheiden sich in Punkten wie der politischen Einstellung jedoch von der restlichen Leserschaft.

Was bedeutet das für die öffentliche Meinung, und sollten Onlineleserkommentare deshalb stärker kontrolliert und reguliert werden?

Die Onlineangebote von Tageszeitungen haben sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Kanal politischer Informationen entwickelt. Zur aktiven Beteiligung der Leser stehen Funktionen des Weiterleitens, Likens, Bewertens und Kommentierens zur Verfügung. Insbesondere die Kommentarfunktion wird dabei rege genutzt und hat auch einen unmittelbar wahrnehmbaren Einfluss auf die online verfügbaren Inhalte bzw. Meinungen.

Die Kommentarfunktion bei Onlineartikeln bewirkt, dass nicht mehr nur die Zeitungsredaktionen und Journalisten, sondern eben auch die Bürger selbst zu Wort kommen. Dabei erreichen die Verfasser von Onlinekommentaren mit ihren Beiträgen oftmals ein größeres Publikum als beispielsweise über Blogs und andere Bereiche der Social Media, da sie die Öffentlichkeit des Artikels für sich nutzen können.

Diese neu geschaffene Möglichkeit, persönliche Meinungen und Ansichten einem größeren Publikum zugänglich zu machen, erscheint jedoch nicht ganz unproblematisch. So werden bei Themen mit einem Bezug zu Migration, wie jüngst das Schiffsunglück vor Lampedusa[1], fremdenfeindliche und rassistische Kommentare in einem Umfang publiziert, der sowohl Redaktionen wie auch Politiker überrascht und neue gesellschaftliche Fragen aufwirft.

 

Kommentare mit problematischen Aussagen

Ziel einer Umfrage von Kommentarlesern und -schreibern bei mehreren Schweizer Onlinezeitungen war es deshalb, zu klären, ob es Unterschiede zwischen den Lesern und Verfassern von Onlineleserkommentaren gibt, und ob über solche Kommentare Einfluss auf die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung genommen werden kann.[2]

Die statistische Analyse zeigt, dass sich die Kommentatoren unter anderem hinsichtlich ihrer politischen Einstellung signifikant von den Lesern unterscheiden. Die Schreiber sind im Vergleich zu den Lesern eher rechts-konservativ einzuordnen und geben an, weniger Vertrauen in den Staat und staatliche Institutionen zu haben.

Zudem kann festgestellt werden, dass die Leser auf der Basis der Kommentare Rückschlüsse auf die Meinung der übrigen Leserschaft ziehen, bzw. die Kommentare gar als Hinweis auf die Meinung der gesamten Bevölkerung betrachtet werden. Auch wenn dieses Phänomen bei den Kommentarschreibern etwas ausgeprägter ist als bei den Lesern, deutet es auf ein nicht zu unterschätzendes Wirkungspotential hin, das von den Leserkommentaren ausgeht.

Die gesellschaftliche Brisanz geht also vor allem davon aus, dass die Kommentarschreiber signifikant von den Lesern abweichen. Dies führt zu einem verzerrten Meinungsbild innerhalb der Kommentare und nimmt somit auch Einfluss auf die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung. Es scheint gar so, als ob Kommentare unter Umständen nicht mehr als Einzelmeinung, sondern eher als Mehrheitsmeinung wahrgenommen werden.

Doch welche Konsequenzen können und sollen zur Regulierung solcher oftmals rechtsorientierten Kommentare ergriffen werden, und wie werden die Kommentare inhaltlich bewertet?

In den Studienergebnissen zeigt sich, dass die Kommentarleser im Gegensatz zu den Kommentarschreibern die Beiträge eher als unsachlich und destruktiv einstufen. Insbesondere die Leser fordern zwar eine verstärkte Kontrolle und Regulierung der Kommentare durch die Redaktionen, betonen jedoch auch ihre Eigenverantwortung: Sie wollen störende Kommentare selbst kontrollieren und melden. Einige Zeitungen haben hier bereits reagiert und positionieren Melde- oder Bewertungs-Buttons an den Kommentaren, sodass von den Lesern als unpassend bewertete Beiträge der Redaktion gemeldet bzw. die eigene Meinung zum Kommentar abgegeben werden kann. Auch ein Verhaltenskodex, das Schließen der Kommentarfunktion nach einiger Zeit oder das Nennen seines richtigen Namens sind als Regulierungsmechanismen in diesem Zusammenhang möglich.

Dabei muss man sich jedoch bewusst sein, dass insbesondere die Bewertungsfunktion nicht zwingend nach den normativen Vorstellungen der Redaktion genutzt werden muss, sondern evtl. gar einen gegenteiligen Effekt erzielt, indem besonders pointierte Beiträge zusätzliche Aufmerksamkeit erlangen. Ob eine Selbstregulierung der Kommentarfunktion möglich ist, scheint somit letzten Endes weniger von den technischen Möglichkeiten, sondern vielmehr von den Lesern und Nutzern der Kommentarfunktion abhängig zu sein.
 


 
[1] Siehe hierzu beispielsweise die Kommentare auf www.20minuten.ch (2013): Ansichten totschweigen ist keine Lösung. Online verfügbar unter  http://www.20min.ch/community/stories/story/25023782
(Stand: 16.10.2013; letzter Zugriff am 13.01.2014)


[2] Erste veröffentliche Auszüge unter: Büsser, Bettina (2013): Wie ticken Onlinekommentierer politisch? Online verfügbar unter: http://www.edito.ch/de/2013/04/15/wie-ticken-onlinekommetierer-politisch/ (Stand: 15.04.2013; letzter Zugriff: 13.01.2014)
 

Im Vorlauf der Tagung sind bereits die für Carta aufbereiteten Texte von Martin Emmer, “Medienpolitische Herausforderungen in Deutschland” und Corinne Schweizers „Wenn Zeitungen über Öffentlich-Rechtliche schreiben“ als Schlaglicht vorab veröffentlicht worden.

Abstracts zu den einzelnen Vorträgen finden Sie im Tagungsprogramm.

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