Pofallas Bärendienst für Gabriels Mariechen

So viel Verständnis der Politik für „Familie“ war selten

Der ehemalige Bundesminister und Chef des Bundeskanzleramts überraschte Mitte Dezember 2013 mit der Ankündigung, dass er eine Familie gründen wolle und deshalb nicht mehr für einen aufreibenden Spitzenjob in der Bundesregierung zur Verfügung stehe. Damals stand allerdings – wie wir heute wissen – im vertraulichen Gespräch mit der Bundeskanzlerin als eine mögliche berufliche Option schon längst fest, wo die Reise des Bundesministers a.D. hingehen sollte: in den wenig aufreibenden und ausreichend Familienzeit versprechenden Job eines Bahn-Vorstands.

Heute klingt die damalige Ankündigung Pofallas selbst für Parteifreunde in seinem Wahlkreis wie blanker Hohn.

Christoph Andreas, Straelener CDU-Ratsherr, ließ laut Rheinischer Post seinen Bundestagsabgeordneten jedenfalls mit deutlichen Worten per E-Mail wissen, was er von einem möglichen Wechsel in den Bahnvorstand hält: „… Ungezählte CDU-Wahlkämpfer haben nicht nur für ihre Partei, sondern auch für Dich großen Einsatz im Wahlkampf gezeigt – alles für die Katz …“ Pofalla hätte die Wähler und die CDU im Kreis Kleve jämmerlich im Stich gelassen.

Ronald Pofalla ist nicht der Einzige, der mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf argumentiert. So hat der ehemalige EZB-Direktor und neue Staatssekretär im Bundarbeitsministerium, Jörg Asmussen, im stern-Interview seine Töchter als Grund für den Verzicht auf den lukrativen Europäischen-Zentralbank-Job genannt.

Die Mütter und Ministerinnen, Manuela Schwesig und Ursula von der Leyen, werden auch im neuen Amt das tun, was schon bislang für sie Praxis war: Immer wieder auch im Home Office arbeiten, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Dem will der Vizekanzler und junge Vater Sigmar Gabriel in nichts nachstehen. Via Bild-Zeitung teilte er mit:
 

“Meine Frau ist berufstätig und mittwochs bin ich mit dem Abholen aus der Kita dran. Und darauf freue ich mich auch.“

 
Die aktuelle Ausgabe des stern fragt deshalb auf dem Titel: „Der Vizekanzler macht wegen seiner Tochter Teilzeit. Darf er das?“. Die Antwort von Hans-Ulrich Jörges ist eindeutig: Ja, unbedingt, und Beifall für den Beginn eines Kulturwandels.

Für Gabriels Bekenntnis gab es – aber nicht nur – (das erwartete?) öffentliche Lob.

Kritisch merkt der Berliner Tagesspiegel an, dass das Töchterchen von Gabriel nicht zum ersten Mal medial vermarktet werde. Der Kommentator will wissen, ob der Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler seinen beruflichen Anforderungen so tatsächlich gerecht werden kann.

Familienministerin Schwesig nutzt die Diskussion für den Vorschlag einer Neuordnung der Regelarbeitszeit für Familien: Vollzeit mit 32 Stunden statt bislang 40 Stunden Wochenarbeitszeit für Eltern mit kleinen Kindern. Die zu erwartende Ablehnung der Idee durch die Arbeitgeber folgte prompt.

Nach all diesen öffentlichen Bekenntnissen für die Familie fragt man sich, ob die „Vereinbarkeit“ jetzt wirklich auch bei den Spitzenjobs der Politik angekommen ist.

Was den Politikerinnen von der Öffentlichkeit längst abgenommen wird, gilt für ihre männlichen Kollegen noch lange nicht. Das liegt auch an der Art ihres Bekenntnisses. Immer ein wenig zu laut, zu schulterklopfend, zu sehr auf die „Nachricht“ bedacht.

Natürlich lässt sich die Vereinbarkeit mit dem Gehalt eines Ministers oder Staatssekretärs auch einfacher organisieren. So darf man ein paar Fragezeichen hinter die lautstarken öffentlichen Bekenntnisse setzen, wenn es um die politischen Spitzenjobs geht. Da kommt schnell das böse Wort von den „Public Relations in eigener Sache“ auf. Denn das Thema Familie ist positiv besetzt. Nachfragen dazu hat kaum jemand zu befürchten – jedenfalls jetzt noch nicht.

Wie schnell es einen allerdings öffentlich negativ einholt, wenn man das Familienthema instrumentalisiert, demonstriert gerade Ronald Pofalla. Dass er daneben den Männern in der Politik einen Bärendienst erweist, die gerade den richtigen Weg suchen, Spitzenämter in der Politik und Familie zu vereinbaren, ist verkraftbar. Bitter wird es dann, wenn man es Mariechens Papa nicht mehr abnimmt, dass er tatsächlich allein ihretwegen am Mittwochnachmittag in Goslar vor der Kita steht, um sie abzuholen.