Das gemeine „sich gemein Machen“

Hanns-Joachim Friedrichs und der Kategorienfehler

„Wenn kein Journalist neutral ist, sind dann nicht alle Journalisten auch Aktivisten?“ – diese rhetorische Frage Glenn Greenwalds kollidiert scheinbar mit Hanns-Joachim Friedrichs viel zitiertem Bonmot, wonach ein guter Journalist sich mit keiner, auch keiner guten Sache gemein mache.

Tatsächlich ist Friedrichs Leitsatz nicht zu relativieren, sein Anwendungsbereich jedoch klarer zu fassen. Er kann im Grunde nur für Journalisten gelten, die in einer rein reportierenden Funktion sind. Schon für Kommentatorinnen, Redakteure und Moderatorinnen kann die Devise kaum gelten.

Wer kommentiert, macht sich per Definition mit einer Position gemein – das ist banal. Redaktion machen wiederum heißt vor allem auch: zwischen Themen und Aspekten zu entscheiden und somit Relevanzen zu gewichten. Die Auswahl zwischen „wichtig“ und „unwichtig“ bewegt sich aber auf einer logisch anderen Ebene als die Entscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“. Hinter jeder Relevanz-Entscheidung steckt nun mal eine persönliche Haltung (es sei denn, man definiert Relevanz rein populistisch durch Quote oder Absatzzahlen).

Es gibt zwar Kriterien wie „Aktualität“, „Gesprächswert“, „Zahl der von einem Ereignis betroffenen Menschen“, „Interesse der vermeintlichen Zielgruppe“, aber über Letzteres kann man immer nur mutmaßen, und die anderen Kriterien stehen oft genug in Konkurrenz zueinander.

Grundsätzlich gibt es kein brauchbares Werkzeug, um objektiv zum Ergebnis zu kommen, dass im Zweifel das Schicksal syrischer Flüchtlinge berichtenswerter ist als ein Auffahrunfall auf der Autobahn, dass der ifo-Geschäftsklimaindex relevanter wäre als die neue Waffenexportbilanz.

Wer immer entscheidet, dass Thema A wichtiger ist als B; dass das Thema C viel zu breitgetreten wird, während D mehr Beachtung verdient, ergreift eine Position zugunsten von Themen. Es ist deshalb nicht per se unjournalistisch, sich als Journalist dafür zu engagieren, dass Menschenrechtsfragen, ökologische Themen, das Ausspähen durch Geheimdienste oder was auch immer als Themen stärker aufgegriffen werden.

Erst bei der Umsetzung dieser Themen – eben der Berichterstattung – ist Friedrichs Satz ein brauchbarer Ratgeber: sich nicht gemein machen, keine Fakten verdrehen oder „der guten Sache zuliebe“ verschweigen. Abstrakt gesprochen, kann Friedrichs Postulat nur für das journalistische Beantworten einer Frage gelten, die bereits gestellt ist. Doch gute Journalisten erkennt man mindestens ebenso daran, dass sie gute Fragen überhaupt erst stellen – ganz allgemein an die Welt, oder ganz konkret an Gesprächspartner.

Jede Frage aber ist bereits ein Statement über Relevanzen. Ob die taz im Interview mit Philipp Rösler auf seinem asiatischen Aussehen herumreitet oder Marietta Slomka im „Gespräch“ mit Gabriel auf juristischen Außenseitermeinungen zum SPD-Mitgliederentscheid, jede Frage enthält die Aussage: „Was ich dich frage, halte ich für wichtiger als andere Fragen, die ich stellen könnte.“

Slomka hat sich – nur um Gabriel etwas entgegenhalten zu können – sich nach außen hin „gemein“ gemacht mit einer abwegigen Gegenposition. Doch nicht das Gegenhalten oder das scheinbare „sich gemein Machen“ war das Problem, sondern, dass sie diese Gegenposition breitergetreten hat, als es angemessen gewesen wäre. Was man bei Slomka vermisst hat, war ein Stück Selberdenken, das selbstkritische Prüfen ihrer eigenen Argumente. Sie hat, so gesehen, nicht zu viel Haltung gezeigt, sondern zu wenig.

Test: Welche (nicht prominenten, sondern) „guten Journalisten“ fallen Ihnen spontan ein? Und fallen sie Ihnen wirklich deshalb ein, weil sie sich mit nichts gemein machen? Oder vielleicht doch eher deshalb, weil sie es schaffen, Ihnen bestimmte Themen nahezubringen? Mit Journalistenpreisen jedenfalls werden in der Regel diejenigen belohnt, die es schaffen, relevante Fragen aufzugreifen und mit einer packenden Darstellung auf neue Themen aufmerksam zu machen. Seriosität und Unabhängigkeit bei der Umsetzung sind Grundvoraussetzungen, aber nie das ausschlaggebende Kriterium.

Interessant an der ganzen Debatte ist auch, dass sie sich selbst bestätigt: Die Journalisten, die hier über „den Journalismus“ sprechen, haben von diesem oft ein sehr enges Bild. Sie denken meist an den politischen Journalismus, an einen Journalismus, der „die Mächtigen kontrolliert“, wie auch Glenn Greenwald es wieder formulierte. Dieser Journalismus ist wichtig, aber es ist nun wirklich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, wofür Journalisten gut sind.

Wenn ich mich als Wissenschaftsjournalist zum Beispiel entscheide, über eine neue Technologie zu berichten, dann geht es sicher auch um Machtfragen: darum, welche Interessen dahinter stecken, oder wie viel Geld in eine scheinbar nutzlose Forschung fließt.

Aber oft geht es einfach nur darum, Techniken erst einmal nur zu erklären, ihre möglichen Chancen und Risiken zu beleuchten – kurz: sie als mögliche Optionen überhaupt erst bekannt zu machen. Und im Hintergrund vielleicht sogar darum, Interesse und Verständnis für Technik zu wecken.

Das sieht manchmal so aus, als würden wir Wissenschaftsjournalisten uns mit den Protagonisten dieser Technik gemein machen. Womit wir uns aber in Wahrheit gemein machen, ist allenfalls die Idee, dass Forschung helfen kann, Probleme zu lösen; dass es gut ist, über technische Alternativen zu informieren – und natürlich, dass es gut ist, eine Gesellschaft auf technische Entwicklungen vorzubereiten und Diskurse anzuregen.

Bei aller gebotenen kritischen Distanz machen Wissenschaftsjournalisten sich zwangsläufig mit einer Sache gemein: nicht mit der institutionalisierten Wissenschaft, sondern mit der Idee der Wissenschaft als Methode, um gesellschaftlich vernünftige Entscheidungen zu treffen; mit der Überzeugung, dass Wissenschaft besser ist als Esoterik oder pure Behauptungen. Damit machen wir uns gemein.

Noch interessanter wird es im Kulturjournalismus. Während der deutsche Wissenschaftsjournalismus inzwischen institutionalisierte Kanäle der Selbstreflexion gefunden hat – etwa auf der jährlichen „Wissenswerte“, wo über solche Fragen diskutiert wird –, scheint im Kulturjournalismus etwas Vergleichbares völlig zu fehlen. Es gibt, wenn ich es richtig sehe, keinen Berufsverband der Kulturjournalisten analog zur „Wissenschaftspressekonferenz“, und eben keine fachjournalistischen Veranstaltungen.

Als ich mit einem Kollegen unserer Kulturredaktion kürzlich darüber sprach, meinte er: Der Unterschied zum Wissenschaftsjournalismus sei eben, dass Kulturjournalismus letztlich „total subjektiv“ ist.

In Kulturredaktionen stellen sich zum Beispiel Fragen wie: Verstehen wir uns als Dienstleister für unser Publikum oder als distanzierte Kritiker des Kulturbetriebs? Das mündet dann in Fragen wie: Berichten wir auch über schlechte Filme oder misslungene Premieren? Oder sollten wir unsere Hörer in der knappen Sendezeit nicht lieber vor allem mit gelungenen Werken behelligen – ihnen also letztlich Kulturtipps geben? Und berichten wir über einen mittelmäßigen Roman, über den wir normalerweise nicht berichten würden, am Ende doch, weil nun mal die Autorin durch Harry Potter berühmt geworden ist?

In der Summe ist die Kulturberichterstattung – nicht nur im Rundfunk, ebenso im Printjournalismus – tendenziell wohlwollend. CD-Tipps, Buchtipps, Konzert-Tipps: Schlechtes wird vor allem kritisiert, wenn es von Promis kommt – das andere wird ja gar nicht erst erwähnt. Und im Radio wird natürlich die Musik, die läuft, positiv konnotiert. „Hmm, so ein kuschelig schöner Song am Sonntag Abend…“ – totales sich gemein Machen.

Nicht nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk, auch die Kulturredaktionen vieler Zeitungen sehen es darüber hinaus als ihre Aufgabe, Kulturschaffenden einen Raum zu geben. In einer senderinternen Diskussionsveranstaltung fiel kürzlich der Satz eines Kulturredakteurs: „Wir wollen ja auch dazu beitragen, die Kulturlandschaft in unserem Sendegebiet zu pflegen“. Ist das nun schlecht und unjournalistisch? Wenn ich es richtig sehe, gibt es hier absolut keinen Konsens, was „guter“ Kulturjournalismus ist.

Einen guten Journalisten erkennt man jedenfalls nicht an fehlendem Engagement. Es geht nicht um Entweder-oder, darum, ob Hanns-Joachim Friedrichs Recht hatte oder nicht, sondern nur darum, wo sein Satz zur Anwendung kommt – nämlich vor allem auf der Ebene der wahrhaftigen Berichterstattung, nicht dagegen auf der Ebene der Relevanz-Entscheidungen.

Dennoch würde es wohl helfen, in seinem Leitsatz das Wort Sache durch „Partei“ oder „Interessengruppe“ zu ersetzen – schon allein, weil jede Partei, jede NGO, jede Organisation eigene Erhaltungsinteressen hat. Eine/n gute/n Journalisten/in (auch) daran zu erkennen, „dass er/sie sich mit keiner Partei gemein macht“ – damit könnten sich doch alle engagierten Journalisten gemein machen!