Die schöne neue Welt des Wissens

Entscheidet sich das Schicksal einer Nation wirklich am Wühltisch der Information?

„Wissen ist Macht.“ Seit Generationen glauben wir an dieses Diktum von Francis Bacon. Wir gehen davon aus, dass Wissen eine Voraussetzung zur Schaffung jener Fakten ist, die beispielsweise dazu dienen, die Natur zu beherrschen und uns Menschen Wohlstand zu bescheren.

Unsere gesamte Wissensgesellschaft baut auf diesem Glauben auf, der das Wissen als die bedeutendste Produktivkraft ansieht. Mit Hilfe von Wissen können wir unsere Technologien verfeinern, die Effizienz unserer Prozesse steigern, ausgeklügelte Logistikketten steuern und das Allerletze aus den begrenzten Rohstoffen der Erde pressen.

So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass ausgerechnet dort, wo all diese Entwicklungen einmal ihren Höhepunkt erreicht haben, ein unbändiger Durst nach Information aufgekommen ist. Blindwütig werden in den USA Abermillionen von Daten gesammelt und aufbewahrt. Vordergründig geht es dabei um die viel beschworene Sicherheit der Nation.

Gibt es aber auf einer symbolischen Ebene nicht auch eine andere Erklärung dafür, dass scheinbar wahllos jegliche Information als Rohstoff eines möglichen Wissens erachtet wird? Ist das Wissen gar bereits zu einem Selbstzweck geworden?

So, wie sich zuvor die Finanzwelt von der Realität entkoppelt hat und über die Spekulation Macht über die Menschen ausübt, so droht in der Cyberwelt mittlerweile auch das Wissen an Bodenhaftung zu verlieren und sich von jener Kultur, in die sie eingebettet ist, loszulösen. Wo die pure Gier das Kommando übernommen hat, entsteht Wissen nicht mehr aus Neugier und zielgerichtetem Interesse, sondern durch ungezügelten Raubbau.

Wissen ist nicht bloß ein Weg, um Macht zu erlangen und zu erhalten, sondern mittlerweile zum Ausdruck von Macht an sich geworden. Wissen dient in der Cyberwelt nicht mehr dazu, um etwas in Kombination mit Tugenden und Fähigkeiten möglich zu machen, sondern um direkte Macht und Kontrolle auszuüben.

Entgegen den Grundsätzen einer Wissensgesellschaft ist das Wissen dadurch auch kein gesellschaftliches Allgemeingut, sondern verkörpert vielmehr etwas Exklusives, das aus jedem von uns extrahiert wurde und gegen jeden Einzelnen von uns einmal beliebig eingesetzt werden könnte. Denn es bedarf lediglich eines Dogmas, um aus einer Fülle an bloßen Daten plötzlich solche Informationen herauszulesen, die uns belasten. Selbst ein extrem angepasster Lebensstil könnte als eine Form subversiver Überakzeptanz, als Teil einer Verschwörung, als eine Art terroristischer Akt, interpretiert werden.

Die Dauer der Speicherung der Daten verweist dabei auf das Wesen von Instantprodukten und deren lange Haltbarkeit. Wie bei etwas Schockgefrorenem lässt sich im Handumdrehen etwas daraus zubereiten. Jede Anschuldigung wird somit potenziell haltbar. Aus den gesammelten Daten formiert sich daher zunehmend ein outgesourctes Gewissen, das noch besser als ein Mitwissen (conscientia) zu bezeichnen wäre, weil es in seiner Halbfertigkeit gegenüber den meisten von uns noch keinen moralischen Anspruch verfolgt.

Gerade aus dieser Beliebigkeit des womöglich Kommenden kann allerdings auf sublimste Art und Weise Macht ausgeübt werden. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es auch eine Erklärung dafür, warum völlig wahllos und ohne bestehenden Verdacht Informationen abgesaugt werden. Die so erlangte Mitwisserschaft alleine konstituiert lediglich ein umfangreiches Bild. Erst aufgrund der Schaffung von Prämissen können dann jene Schlussfolgerungen gezogen werden, welche die Verdachtsmomente gegen ein Individuum ins Leben rufen.

Es findet also jene Umkehrung des Diktums von Bacon statt, wie sie bereits von Michel Foucault formuliert wurde: Die Macht bringt ihr eigenes Wissen hervor, wobei das „Eigene“ nicht mehr als eine besondere Qualität, sondern als Quantität von Besitz angesehen werden kann, um flächendeckend wirksam zu werden, bzw. Omnipräsenz zu erlangen.

Wie wir aus den Beispielen der Geschichte wissen, waren solche Systeme der absoluten Kontrolle jedoch stets zum Untergang verurteilt, weil ihr Wissen mit der Zeit keinerlei produktive Kraft mehr entfalten konnte. Zu sehr war man damit befasst, Informationen akribisch zu sammeln und auszuwerten, dass solche Systeme kollabierten.

Der Aufwand des Sammelns dürfte heute aber kein Problem mehr darstellen. Denn einerseits ist im Zeitalter des Disney-Kapitalismus, des Glaubens an den bloßen Markenwert, der Spekulation und der totalen Instrumentalisierung der freien Zeit der Stellenwert produktiver Kraft ohnehin längst im Schwinden begriffen.

Andererseits sind die freien Zugänge zu allen Formen des Konsums ohnehin technisch so angelegt, dass sie automatisch zur Mitwisserschaft beitragen. Wir leben sogar im Glauben daran, dass es eben diese Omnipräsenz ist, die uns überhaupt die Freuden des Konsums unbeschwert und sicher genießen lässt. Die totale Kontrolle wird bloß als legitime Bedingung eines Tauschverhältnisses begriffen.