Datenvisualisierung ist noch lange kein Datenjournalismus

Daten werden häufig in simplen Linien-, Balken- oder Tortengrafiken dargestellt. Dabei kann man mit ihnen sogar Geschichten erzählen.

Am Donnerstag veröffentlichte das Statistische Bundesamt die diesjährige Todesursachenstatistik. Darin enthalten sind auch die Daten zu drogenbedingten Sterbefällen, unter anderem fallen darunter laut Definition (Indikator 14 der ECHI-Shortlist) auch Sterbefälle, die in direktem Zusammenhang kurz nach dem Konsum illegaler Drogen eintreten. Nicht gemeint sind demnach zum Beispiel Personen, die unter Drogeneinfluss einen Verkehrsunfall haben. Auch Todesfälle durch legale Drogen wie Alkohol fallen nicht in die Statistik.
 

statista/ZEITonline, CC BY-ND

 
Für ein Infobild von Zeit Online und Statista habe ich mich mit den Daten auseinandergesetzt. Denn in den Daten stecken deutlich mehr Geschichten, als ein statisches Bild sie ausdrücken kann. Das zeigt in meinen Augen einmal mehr, warum sich (Online-) Redaktionen intensiver mit Datenjournalismus und interaktiver Datenvisualisierung auseinandersetzen sollten – auch abseits der großen “Leuchtturm-Projekte”, mit denen die Grimme Online Awards gewonnen werden. Bereits kostenlose Tools bieten einen Mehrwert gegenüber an strenge Styleguides gebundenen, statischen Illustrationen.

Ich habe einige der interessantesten Datensätze aus der Statistik in Datawrapper eingepflegt. Nun kann man in einem Dropdown-Menü zum Beispiel das Jahr oder die Bevölkerungsgruppe auswählen, die Bundesländer werden automatisch in der Grafik angeordnet. Vor allem kann sich der Leser aktiv mit den Daten beschäftigen: Er kann etwa sofort sehen, wie zum Beispiel der hohe Wert für Berlin von 2002 zu 2012 nach unten rutscht – also in den Bereich von weniger Drogentoten.

Auf gleichen Raum können zudem viel mehr Informationen untergebracht werden, weil mehrere Datensätze als Auswahl angezeigt werden können, oder konkrete Werte nur bei Mouseover.
 

 
Hier einige Punkte aus den Daten, die besonders herausstechen, und die alle eine eigene Geschichte wert sein könnten, wenn eine Redaktion als Team mit weiterer Recherche den Fakten auf den Grund ginge:

  • Die Zahl der männlichen Opfer ist fast immer deutlich höher als die der weiblichen (Deutschland: 2,10 zu 0,61), in einigen Bundesländern ist dieser Split besonders hoch (z.B. Bremen: 5,57 zu 0,89), in einigen wenigen aber auch anders herum (Mecklenburg-Vorpommern: 0,25 zu 0,36)
  • 2002 war der Wert bei den 15- bis 40-Jährigen noch durchgängig höher als bei der Gesamtbevölkerung. 2012 ist dies nicht mehr in allen Bundesländern der Fall, vor allen nicht in den Stadtstaaten
  • Bei den 15- bis 40-Jährigen gibt es statistisch die meisten Fälle, wo zumindest ich sie nicht erwartet hätte: in Bayern. In der Kategorie männlich, 15-40 Jahre, liegt der Wert in Bayern bei 6,31, das ist der höchste in der 2012er-Statistik. Tendenziell ist der deutsche Drogentote also unter 40 und wohnt in Bayern.
  • In den alten Bundesländern sind die Zahlen der drogenbedingten Sterbefälle deutlich höher als im Osten
  • Auffällig ist zudem, wie bereits erwähnt, wie stark der Wert in Berlin seit 2002 abgenommen hat.

Investiert man noch mehr Zeit in ein wenig Programmierarbeit, könnten die entsprechenden Datensätze womöglich sogar ein ansehnliches Mini-Dossier hergeben, mit einer Matrix-Infografik, die sich nicht nur nach Jahren und Altersgruppen sortieren lässt, sondern auch alle Daten zu einem Bundesland anzeigt, oder in einer weiteren Option die Werte über die Jahre als Verlauf.

Dieses Tool ließe sich dann zu jeder der Geschichten über ein Thema einbinden (oben erwähnte ich ja bereits Ansätze). Die grafische Aufbereitung hilft zudem zuvor schon intern, mögliche Geschichten zu erkennen, die in den reinen Zahlenreihen einer Excel-Datei vielleicht verborgen bleiben.

Der Alltag in Redaktionen sieht leider oft noch immer anders aus. Egal, ob Arbeitslosenstatistiken, Exportdaten oder Sterbetabellen: Wenn überhaupt, werden die aktuellsten Daten als Diagramm dargestellt, vielleicht findet noch ein Vergleich zum Vorjahr statt. Datenjournalismus ist das nicht, sondern Datenvisualisierung. Es wird Zeit, das zu ändern.
 
Crosspost von andreasgriess.de