Wie ich zum Cyborg wurde

| 14.12.2013 | 16 Kommentare

Am 14. haben ein paar Nerds, Hacker, Wissenschaftler und Künstler einen Verein gegründet. Der ist nicht so exotisch, wie es sich anhört.

Cyborgs e.V. soll er heißen. Seit einigen Jahren bin ich nämlich selber ein Cyborg. Über 20 Jahre, nachdem ich bis auf Reste mein Gehör verlor, ließ ich mir Cochlea-Implantate einpflanzen.

Das sind Hörgeräte, die Schall nicht verstärken, sondern in ein elektronisches Signal umwandeln und an einen Empfänger senden. Der ist hinter meinem Ohr in den Schädelknochen eingebettet, und von dort ist ein Kabel quasi „unter Putz“ bis zu meinem Hörnerv verlegt. Nach einigen Monaten der Eingewöhnung erziele ich in Sprachverständnistests wieder 100% – zumindest im Labor. Abgesehen davon, dass die Operation drei Stunden pro Seite dauert, ist das no big deal. Schließlich laufen in Deutschland schon 30.000 Menschen mit Cochlea-Implantat herum.

Zunächst war es ein Scherz, als jemand noch vor der ersten Operation sagte: „Haha, dann wirst du ein Cyborg.“ Es stimmt aber: Technologie ist untrennbarer Teil meines Körpers geworden, tatsächlich ein wenig wie in „Terminator“.

Ich wurde neugierig. Im Web stieß ich auf Transhumanisten, die den Inhalt ihrer Gehirne gerne auf Server hochladen wollen, um auf diesen unsterblich weiterzuleben. Ich stieß auf das Cyborg-Manifesto von Donna Haraway, das die Möglichkeit des Menschen postuliert, sich selbst zu gestalten, wie er möchte. Und ich stieß auf Cyborg-Hacker wie Tim Cannon oder Neil Harbisson, die genau das tun.

Zum Cyborg-Sein reicht es nicht, irgendwo ein wenig Elektronik in den Körper zu stopfen. Die Technologie soll die Fähigkeiten und Sinne des Menschen erweitern. Da kratze ich mit dem großen Zeh an der roten Linie zum Cyborg. Einerseits ist mein Gehör alles andere als perfekt, zumindest verglichen mit dem natürlichen. Andererseits habe ich durchaus ein paar Fähigkeiten, die andere Menschen nicht haben: Zum Beispiel mein Gehör in ein spezielles Programm umschalten, das Nebengeräusche stark absenkt und die Stimme eines mir gegenüber sprechenden Menschen auch in lauter Umgebung an mich heranholt.

Um diese Jahreszeit gibt es kein Vogelgezwitscher, stattdessen würde ich gerne die Fledermäuse hören können, die hier in großer Zahl überwintern. Dafür müsste ich das Cochlea-Implantat so umprogrammieren, dass Ultraschall hörbar wird – technisch durchaus möglich.

In der Praxis fehlen mir dafür Können und Wissen. Stattdessen muss ich zum Finetuning der Implantate umständlich einen Termin in der Klinik machen, da mir der Zugriff zur Software, mit der ich sie einstellen könnte, verwehrt wird. Warum hat ein Hersteller direkt oder indirekt mehr Kontrolle als ich über ein Gerät, das immerhin in meinen Körper eingepflanzt ist? Eigentlich genau dasselbe Problem, das Smartphone-Nutzer haben, wenn mal wieder eine App aus dem App Store fliegt, die sie gerne benutzen würden.

Viele finden Cyborgs gruselig: Der Eingriff in den Körper wird als Grenzüberschreitung gesehen. Gestattet sei die Frage, warum eigentlich?

Warum muss sich rechtfertigen, wer sich einen Magneten in die Fingerspitze implantieren lässt, nicht jedoch jemand, der sich aus ästhetischen Gründen die Ohrläppchen durchstechen lässt? Und warum wird gerade der Körper als so „heilig“ angesehen, während wir schulterzuckend hinnehmen, dass wir mental ständig vielfältigen Einflüssen ausgesetzt sind, die uns verändern – zum Guten wie zum Schlechten – und gelegentlich auch deformieren? Sollte nicht unser Geist unser Wesen ausmachen?

Tatsächlich ist Cyborgism nur die logische Fortsetzung dessen, was der Mensch seit Tausenden von Jahren tut: sich selbst und seine Umwelt modifizieren. Vorsilben wie „Post-“ oder „Trans-“ müssen wir da dem Humanismus gar nicht voranstellen. Cyborgism ist Humanismus, und Humanismus schon immer das Gegenteil von Natürlichkeit.

„Natürlich“ ist eine Welt ohne Technologie, ohne Zivilisation und ohne Kultur. All dies ist artifiziell. Wenn wir unsere Sinne technisch erweitern, erweitern wir die Möglichkeiten, Bildung und Wissen zu erlangen. Wir rücken ein Stück näher an die Umwelt und unsere Mitmenschen heran.

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird mir, dass der Cyborgism viele drängende Fragen verschärft.

Wie sieht eine Welt aus, in der sich nur reiche Menschen Implantate leisten können? (Wahrscheinlich nicht viel anders als eine Welt, in der sich nur reiche Menschen Autos/Bildung/High-End-Smartphones/Schönheitsoperationen leisten können.) Auf welche Weise lassen sich Cyborg-Devices hacken und für Dinge benutzen, die wir noch gar nicht kennen? Wie gehen wir mit gesellschaftlicher Diskriminierung um? (Immerhin gibt es schon die ersten Cafés mit Verbotsschildern für Google Glass.)

Gilt es hier, neue Grundrechte zu definieren und einzufordern? (Immerhin hat niemand etwas gegen eine Brille auf einem Passfoto, während andere Geräte oder auch Kopftücher oft nicht akzeptiert werden.) Und sind nicht schon viel mehr Menschen Cyborgs, als gedacht? (Immerhin macht das Smartphone das uns ständig unsichtbar umgebende Internet sichtbar und ist für viele das erste Gerät, das sie morgens in die Hand nehmen, und das letzte, das sie abends weglegen.)

Wie erlangen wir individuelle Kontrolle über Geräte, mit denen wir eine Symbiose eingehen? Wie stellen wir diskriminierungsfreien Zugang zur Technologie und individuelle Freiheit sicher? Sind die Träume der Transhumanisten Spinnerei oder realistische Zukunftsperspektive? Und wenn Letzteres: Wie werden sich Mensch und Gesellschaft dadurch verändern? Werden wir alle einmal zu „Borg“, oder mündet der Cyborgism in eine Postprivacy-Gesellschaft?

Es gibt viele Fragen. Und viel zu tun.