Friedensnobelpreis 2013 – vier Perspektiven

Eine Auszeichnung mit einem großen Anspruch, die jedes Jahr nur ein Mal vergeben wird. Was bewirkt sie tatsächlich?

 

10. Dezember 2013, Oslo, Norwegen

Die bis dahin außerhalb von Fachkreisen unbekannte Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) bekommt den Friedensnobelpreis verliehen, freut sich über die kostenlose Publicity, die alle bisherigen Imagekampagnen an Wirksamkeit übersteigt, und ist angesichts des Preisgeldes von 900.000 Euro erleichtert, endlich die noch offenen Rechnungen für die vorgenannten Kampagnen bezahlen zu können.

Der Generaldirektor der OPCW, Ahmet Üzümcü, ist sich bei der Entgegennahme des Preises nicht der Ironie dahinter bewusst, daß seine Organisation gerade dieses Jahr für den Nobelpreis auserkoren wurde, weil in Syrien ein Diktator unbehelligt vom Rest der Welt einen Teil seiner Bevölkerung vergast. Mit eben jenen chemischen Waffen, deren Verbot und Vernichtung sich die OPCW zur Aufgabe gesetzt hat.

Selbst Üzümcü kann jedoch eine gewisse Überraschung darüber nicht verhehlen, daß nach der Europäischen Union, dem Weltklimarat IPCC, der IAEO und der UNO schon wieder eine finanziell gut ausgestattete internationale Organisation dafür belohnt wird, daß sie und ihre gut bezahlten Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen – noch dazu oft ohne Erfolg. In diesem Moment ist Üzümcü aber nur froh darüber, daß die Preisverleihung an einem Dienstag stattfindet, so daß er kein Wochenende dafür opfern muß.

 

10. Dezember 2013, Birmingham, Großbritannien

“Was muß man eigentlich noch machen, außer sich von den Taliban in den Kopf schießen zu lassen?” fragt sich ein 16-jähriges Mädchen in Birmingham, das sein Unverständnis und seine Enttäuschung nur hinter ihrem ewigen Lächeln verbergen kann. Das Verbergen ihrer Gefühle gelingt nicht gegenüber ihrem Vater, der ihre Hand nimmt und tröstend sagt: “Vielleicht klappt es nächstes Jahr.”

“Bullshit! Die finden auch dann wieder eine Organisation von Sesselfurzern”, denkt sich Malala Yousafzai, sagt aber nur: “Ja, vielleicht im nächsten Jahr.” Wenigstens verkauft sich ihr Buch gut.

 

10. Dezember 2013, Tschernogolovka, Russland

Seit Wochen ist das Thermometer nicht mehr spürbar über den Gefrierpunkt gekrochen. Ein Wohnblock sieht aus wie der andere: grau, groß, häßlich. Es ist gut, außerhalb von Moskau zu sein, aber 40 Kilometer sind nicht genug, um diesem Moloch von Stadt zu entkommen. Vielleicht kann man sich an all dies gewöhnen, aber für jemanden, der den letzten Winter auf Hawaii verbracht hat, ist das die Hölle in kalt.

Er hat durch seine Enthüllungen nicht nur einer, sondern unzähliger Spionageaffären seine Freiheit, sein bisheriges Leben und seine Freundin verloren. Er sitzt in Russland fest.

In den Abendnachrichten sieht er bei der Nobelpreisverleihung die Repräsentanten all der Staaten, die seine Asylgesuche abgelehnt, ja zumeist einfach nur ignoriert haben. Da sitzen sie und klatschen und feiern, während er friert und verzweifelt. “Ja, das war es wert”, wird Edward Snowden weiterhin sagen, wenn er gefragt werden wird, aber so sicher ist er sich nicht mehr.

 

10. Dezember 2013, Jinzhou, China

Der Friedensnobelpreisträger von 2010 sitzt in einer Zelle im Gefängnis von Jinzhou und bekommt von alledem nichts mit. Niemand kümmert sich um ihn, nicht das Nobelpreiskomitee, das damit den Preis zur Farce verkommen läßt, nicht die vorhergehenden oder nachfolgenden Preisträger.

“Jeder Besuch meiner Frau wäre mir lieber als dieser verdammte Preis”, denkt sich Liu Xiaobo und befürchtet, daß ihn das gleiche Schicksal wie Carl von Ossietzky ereilen wird, der nach seinem Friedensnobelpreis 1935 von den Nazis auch bis zu seinem Tod in Haft gehalten wurde. Liu versucht nachzudenken, wann dieser Preis zuletzt wirklich etwas bewirkt hat, aber der Schlaf übermannt seinen geschwächten Körper.
 
Crosspost von Mosereien. Andreas has also written an English version of this article.