Warum ich die Bankenkrise nicht für beendet halte

| 20.11.2013 | Ein Kommentar

Wenn man einen Banker fragt, ob die Bankenkrise beendet ist, wird er erst einmal nach einer Krisendefinition fragen.

Im Zweifel erklären die meisten Banken zumindest für sich selbst die Bankenkrise für beendet. Für mich ist die Bankenkrise genau dann beendet, wenn

  1. der Finanzsektor alle erhaltenen Hilfen zurück gezahlt hat, und
  2. sichergestellt ist, dass Banken keine direkten oder indirekten Subventionen mehr erhalten.

 

Zu 1.

Viele mögen es verdrängt haben, aber noch steigen in Europa die Beträge für die Stützung des Finanzsektors. Martin Hess, der Leiter Wirtschaftspolitik bei der Schweizerischen Bankiervereinigung, schrieb auf finews:

  • Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise stiegen die neu bewilligten Gelder auf 429,5 Milliarden Euro und erreichten 2012 den höchsten Stand seit 2009. Weitere Zahlen lassen ähnlich erschauern.
  • Insgesamt wurden zwischen 2008 und 2011 Staatshilfen im Wert von sagenhaften 4’656 Milliarden Euro bewilligt. Mit 1’612 Milliarden Euro wurde gut ein Drittel davon – oder rund 13 Prozent des BIP – beansprucht.
  • Bis Ende 2012 wurden 10 bis 15 Prozent aller Banken in der EU staatliche Beihilfen gewährt, unter der Auflage einer Restrukturierung. Werden die Banken nach der Grösse ihrer Bilanz gewichtet, schnellt dieser Anteil sogar auf 25 Prozent.
  • In vier Ländern ist der Bankensektor faktisch verstaatlicht. Ein Viertel der 76 grössten Bankengruppen in der EU waren gemäss IWF grösstenteils oder vollständig in Staatsbesitz.

Im Dezember dieses Jahres wird voraussichtlich auf dieser Site der EU-Kommission ein Update der Beihilfen auch für den Finanzsektor erhältlich sein. 2012 notierte die EU-Kommission hier 5.058,9 Mrd. Euro. Gerade erst im September genehmigte die EU Staatshilfen für die Hypo Alpe Adria.

 

Zu 2.

Zu den offiziellen Hilfen kommen die indirekten Subventionen, vor allem dadurch, dass notleidende Großbanken, die too big to fail sind, weiterhin vom Staat gerettet werden müssen. Martin Hellwig und Anat Admati zeigen in ihrem unbedingt lesenswerten Buch “Des Bankers neue Kleider”, dass “die verschiedenen expliziten und impliziten staatlichen Garantien für Banken sowie das Steuersystem die Schuldenfinanzierung besonders attraktiv” machen (Kapitel 9).
 

Thrill The World Vancouver 2011, Foto: Vancouver Film School, CC BY

Thrill The World Vancouver 2011, Foto: Vancouver Film School, CC BY

 
Hellwig und Admati sehen eine wesentliche Ursache der Bankenkrise in der extrem hohen Verschuldung der Banken. Die impliziten Staatsgarantien stellen Subventionen dar und machen die Schuldenfinanzierung noch attraktiver.  Mit den Kosten der faktischen (oder impliziten) Staatsgarantie für Kreditinstitute habe ich mich mehrfach befasst, z.B. in “Die Kosten der faktischen Staatsgarantie für Kreditinstitute”. In The implicit subsidy of banks wies auch die Bank of England darauf hin.  Das Financial Stability Board wies in einer aktuellen Analyse auf die Subventionen hin:
 

“The implicit government guarantee that arises when public authorities are perceived to have limited options in dealing with a threatened failure of a financial institution, leading them to bail it out and pass on the costs of failure to taxpayers, provides a public subsidy to TBTF firms in the form of lower funding costs and adversely affects market discipline, competition, systemic risk and public finances.“

 
Gerade erst vergangene Woche hat sich in den USA das Banking Committee des Senats in einer Anhörung  mit Janet Yellen mit der noch immer nicht ausgestandenen too big to fail-Thematik befasst. Time schrieb dazu:
 

“Senators from both sides of the aisle expressed concern that we still haven’t dealt with the problem of too-big-too fail, and the subsidy big banks get from lenders who assume that they will bailed out by the federal government if anything goes wrong.”

 
Der American Banker schrieb am Freitag zu den indirekten Subventionen für den Finanzsektor:
 

“The first of two anticipated studies from the Government Accountability Office has found that (surprise!) big financial firms benefited from U.S. aid during the crisis in the forms of lower rates and longer maturities. The GAO didn’t attach a dollar amount to these subsidies. A second GAO study, due out next year, is expected to examine how big banks benefit from the market’s assumption that the government will bail them out of a crisis.

Wall Street Journal, Bloomberg, American Banker” (die Studie gibt es hier)

 
Hier in Europa sorgen derweil die neuen Aufsichtsaktivitäten der EZB für Unruhe im Finanzsektor. Ich hatte bereits Ende Oktober geschrieben:
 

“Glaubt man den Ausführungen der EZB zum Banken-TÜV, dann ist die Bankenkrise weiter nicht ausgestanden. Zumindest bestätigt die EZB nun amtlich, was jeder weiß, die Banken jedoch (logischerweise) nicht eingeräumt haben: Trotz permanenter Beteuerungen hat es in der Zeit nach Lehman keine Fortschritt in Richtung Vertrauen und Transparenz gegeben hat. Erst mit der Vorbereitung der Aufsichtsfunktion durch die EZB für 128 Banken sollen “Transparenz, Korrekturen und Vertrauensbildung” gefördert werden.”

 
Im Finanzsektor selbst wurde hinter verschlossenen Türen Skepsis über den geplanten Stresstest der EZB geäußert, las man vergangenen Freitag in der Printausgabe des Handelsblatts (siehe aber bereits Ende Oktober). Danach fürchte man, dass bereits vor der offiziellen Veröffentlichung Ergebnisse durchsickern und dies Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen könnte. Der Verband öffentlicher Banken möchte gar eine Verschiebung bewirken.

Überhaupt deuten die umfangreichen Aktivitäten der EZB zur Vorbereitung ihrer Finanzaufsicht für “systemrelevante” Institute darauf hin, dass sie erhebliche Zweifel an den Bilanzdaten der Banken hat. Warum sonst sollte sie die Abschlüsse erneut prüfen lassen? Diese Zweifel unterstreicht ein Bericht der FAZ über eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young: Auf Europas Banken lasten so viele faule Kredite wie nie.

 

Nachtrag

Der CEO der Deutschen Bank löst die Bankenkrise übrigens ultraeinfach: Er hat gestern die Too-big-to-fail-Problematik für unsinnig erklärt.  Das Konzept von „Too big to fail“ „klingt gut, ist nur völlig daneben“, wetterte Fitschen. Es sei an der Zeit damit aufzuhören, „diesen Unsinn zu wiederholen“. Besser, so zitierte ihn das Handelsblatt, sei es, doch einmal über „too strong to fail“ reden, also darüber, dass manche Banken so stark sind, dass sie gar nicht erst in Schieflage geraten.

„Größe kann Teil der Lösung sein“, argumentierte Fitschen. Als Beweis für seine These führt er an, dass eine Bank wie JP Morgan Handelsverluste bis zu 6 Mrd. Euro hätte verkraften können.

     

  • Gestern Abend stellten wir auch im Hangout zur Bankenkrise die Frage: “Lässt sich die Bankenkrise beenden?”

Crosspost vom Blick Log