Die Zärtlichkeit der Völker?

Drei Tage lang hat die Berliner Gazette Hacker und Journalisten, Piraten und Kapitalisten, Amateure und Profis aus ganz Europa zusammengebracht. Am Ende waren sie skeptische Komplizen.

Die Berliner Gazette gehört zu den stilleren, unauffälligeren Medien der digitalen Öffentlichkeit. Sie versucht hartnäckig, zur Entschleunigung der Aufmerksamkeitszyklen beizutragen, wobei sie sich durch gründlich konzeptionierte redaktionelle Arbeit auszeichnet. Krystian Woznicki und Magdalena Taube können Themen von kurzfristigen Hypes unterscheiden, während sie zugleich ein Gespür für Begriffe haben, die noch nicht ausgelotet sind. Ein solcher Begriff ist auch Komplizenschaft, englisch „Complicity“. Um ihn herum hat die Gazette die wohl interessanteste kultur- und netzpolitische Konferenz des Jahres organisiert.

Mit dabei waren rund 50 JournalistInnen, CoderInnen, AktivistInnen, KünstlerInnen,. WissenschaftlerInnen sowie in unterschiedliche Netz- und Kulturprojekte involvierte Köpfe. Aus ganz Europa und darüber hinaus: Leute aus Bukarest, Porto, Thessaloniki, Novi Sad, Istanbul, Laktasi, Minsk, New York, Amsterdam, Madrid, Zagreb, Sapporo, Seattle, bis hin zu Berlin, Lüneburg, München. Dabei ein Frauenanteil von etwa 40%, wie er für Veranstaltungen, bei denen digitale Technik eine Rolle spielt, alles andere als üblich ist. Eine solche Vielfalt von Nationalitäten, kulturellen Hintergründen, Weltanschauungen und Interessen im Rahmen von gemeinsamen Workshops so miteinander in Kontakt zu bringen, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit herauskommt, geht nicht ohne gute Vorüberlegungen, Fragestellungen und Aufgaben.

Wie können Hacker und Journalisten, Amateure und Profis, Piraten und Kapitalisten zusammenarbeiten? Drei gegensätzliche Paare, deren VertreterInnen für gewöhnlich Abstand zueinander halten, sich teils misstrauisch beäugen, aber auch ahnen, dass sie gemeinsame Interessen haben könnten, manchmal, unter bestimmten Voraussetzungen. Dass sie bei aller Skepsis strategisch zusammenarbeiten könnten, ja vielleicht sogar müssen, wenn sie erreichen wollen, was ihnen vorschwebt. Anders als Solidarität ist Komplizenschaft ein ambivalenter Begriff. Er beschreibt ein Verhältnis, das spannungsgeladen ist, aber gerade deshalb eine äußerst intensive soziale Beziehung darstellen kann. Bis hin zur Verschwörung im dunklen Untergrund der offenen, transparenten Netzwerke. Die Philosophin Gesa Ziemer hat ein ganzes Buch darüber geschrieben.
 

 
In den Workshops, die den Löwenanteil der Konferenz ausmachten, stand allerdings nicht die Reflexion über ihren Leitbegriff im Vordergrund, sondern die praktische Zusammenarbeit anhand konkreter Projekte und Szenarien. Während die „Hacker und Journalisten“ sich mit neuen technischen Tools für ProduzentInnen und NutzerInnen von Grassroots-Medien beschäftigten, arbeiteten die „Piraten und Kapitalisten“ an der Idee einer allumfassenden digitalen Bibliothek. Kann der Konflikt zwischen einem freiem Zugang zu Kultur und Wissen und der Notwendigkeit, ihre Produktion zu finanzieren, im Rahmen der kapitalistischen Verwertungslogik gelöst werden, oder gerät man dabei zwangsläufig in den Bereich der Illegalität? Die „Amateure und Profis“ gingen derweil der Frage nach, ob sie Konkurrenten sind oder sich in Solidarität üben sollten. Ist man Profi nur, wenn man Geld für seine Arbeit bekommt? Und darf man sich als Aktivist Geld von Lobbyisten zustecken lassen?

Obwohl man auf solche Fragen nach drei Tagen Arbeit keine letztgültige Antworten erwarten kann, waren die Überlegungen, die am Ende präsentiert wurden, erstaunlich weit gediehen. Die Hacker und Journalisten hatten das Modell eines alternativen Nachrichtendienstes entwickelt, eines nicht-kommerziellen Google News, das sich aus Quellen eines web of trust von Grassroots-Medien speist. Die Piraten und Kapitalisten hatten ökonomische, technische und bildungspolitische Grenzen eines allumfassenden Zugangs zu Kultur und Wissen herausgearbeitet und erste Lösungsansätze in einem Schaubild festgehalten. Die Amateure und Profis waren zu dem Schluss gekommen, dass Arbeit in den Medien und in der Politik gleichermaßen gesellschaftliche Fragen angehen und möglichst im Interesse der Betroffenen beantworten muss, statt sich mit der institutionellen Eingebundenheit solcher Arbeit aufzuhalten. Was das alles genau bedeutet, soll man im Dezember in einer Publikation zu dem Kongress nachlesen können.

Anders als üblich, hatten die Veranstalter die Keynotes und Vorträge auf den letzten Tag der Konferenz gelegt. Gesa Ziemer stellte ihre Arbeit zum Thema der Komplizenschaft vor – und musste sich entgegenhalten lassen, ihre strategische Aufwertung des Begriffs verschleiere die Unfreiwilligkeit einer zumeist unbewussten Komplizenschaft mit einem Herrschaftssystem, das in ihrer Analyse nicht kenntlich werde. Stefan Candea und Sebastian Mondial stellten die Infrastruktur hinter den von ihnen mitrealisierten Offshore Leaks vor, was zu einer Debatte über die Unterschiede zu den Wikileaks-Enthüllungen einerseits, dem Fall Edward Snowdens andererseits führte. Denn während Wikileaks und Snowden auf eine Kooperation mit wenigen, ausgewählten Medien setzten, waren die Daten zu den Offshore-Steuerparadiesen von einer Vielzahl von Journalisten in unterschiedlichen Ländern analysiert und nachrecherchiert worden. Mitsuhiro Takemura stellte die Vocaloid-Kunstfigur Hatsune Miku vor, und die Kulturwissenschaftlerin Valie Djordjevic kritisierte, Fankultur sei mittlerweile ein großes Geschäft geworden und habe ihre subversive Dimension weitgehend eingebüßt. Der Programmierer Michiel de Jong präsentierte sein Projekt „open tabs“, eine dezentrale peer-to-peer-Bank, die ohne Geld auskommt. Eleanor Saitta vom International Modern Media Institute hingegen dämpfte die Euphorie über dezentrale, nicht-staatliche Währungen. Bitcoin sei ein interessantes Experiment, so Saitta, aber die Währung besitze nicht die Eigenschaften, die sie haben müsste, um als neues Geld für eine emanzipierte, nicht-kapitalistische Gesellschaft ernsthaft in Frage zu kommen.

Zu guter Letzt tauschten sich der Ökonom Leonhard Dobusch und die Technik-Philosophin Janina Sombetzki noch einmal über den Begriff der Komplizenschaft aus. Dobusch warnte in diesem Zusammenhang vor allem davor, mit Google ins Bett zu gehen: Als Teilnehmer am politischen Geschehen ruiniere man damit langfristig seine Glaubwürdigkeit, selbst wenn eine solche Komplizenschaft im Einzelfall erfolgreich sein könne. Sombetzki streute Zweifel an der Tauglichkeit von Komplizenschaft als Basis politischen Engagements. Komplizenschaft finde stets dort ihr Ende, wo eine stabile und zuverlässige Beziehung ihren Anfang nehme.

Dass Komplizenschaft nicht dasselbe ist wie Solidarität, wurde letztlich von niemandem bezweifelt. Dass sie möglicherweise dennoch einen produktiven Modus der Zusammenarbeit von Gleichgesinnten darstellt, der diesen nicht von vornherein nahe liegt, dafür war dieser Kongress der beste Beweis.

Eine Dokumentation der Complicity-Konferenz findet sich hier.