Was macht ein Mensch im digitalen Zeitalter, der sich für die Nofretete interessiert?

In der digitalen Welt müssen Museen ihre Arbeit neu ausrichten und zugleich ihrem öffentlichen Auftrag treu bleiben. Von der Zusammenarbeit mit neuen Institutionen und privaten Akteuren können sie profitieren – wenn der Zugang dadurch nicht beschränkt wird.

Was macht ein Mensch im digitalen Zeitalter, der sich für die Nofretete interessiert?

Er geht ins Internet.

Aber er ruft nicht als erstes die Website des Ägyptischen Museums in Berlin auf, auch nicht die Europeana. Er gibt den Namen dieser schönen Frau in eine Suchmaschine ein.

Die ersten vier Suchtreffer führen – jedenfalls bei mir – zur Wikipedia. Dann kommt, immerhin schon auf Platz 5, das Ägyptische Museum, dicht gefolgt von einem Jazz-Club auf Platz 6. Platz 5 ist ein sehr, sehr guter Rang. Häufig kommen Museen noch weiter hinten. Bei weniger bekannten Objekten kann es auch Platz 23 oder 48 sein. Ich habe hier Google als Suchmaschine genutzt, das Ergebnis ist aber mit anderen Suchmaschinen ähnlich.

Der Mensch, der sich für Nofretete interessiert, klickt also auf den ersten Suchtreffer. Er landet bei Wikipedia und findet nicht nur einen durchaus ausgewogenen und fachlich nicht zu beanstandenden Artikel über Nofretete, sondern an mehreren Stellen des Artikels auch den Verweis auf das Ägyptische Museum in Berlin.
 

Nofretete, Neues Museum Berlin, Foto: Philip Pikart, CC BY-SA


Nofretete, Neues Museum Berlin, Foto: Philip Pikart, CC BY-SA

 

Alle Wege führen ins Museum

Dort, im Ägyptischen Museum – heute im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel – befindet sich die berühmte Büste der Nofretete. Der Mensch, der sich für Nofretete interessiert, landet dort, wo er hin soll: im Museum, mit nur zwei Zwischenschritten.

Alle Wege führen ins Museum. Nur, dass es häufig andere sind, die diese Wege bauen, nicht die Museen selbst.

Sind die Museen nun das Schlusslicht der Digitalisierung, ein historisches Überbleibsel und eigentlich überflüssig? Warum waren die Museen im Prozess der Digitalisierung keine Avantgarde? Museen waren und sind Orte, die Menschen eine neue Welt eröffnen können. Da wäre es naheliegend, dass sich die Museen jederzeit der Möglichkeiten bedienten, mit dem, was sie vermitteln wollen, auch überall präsent zu sein.

 

Wikipedia, Google und die Museen

Trotzdem waren sie nicht Avantgarde, sie waren nicht vorne. Die Museen waren keine treibende Kraft, als mit Digitalisierung und Internet neue Möglichkeiten des Zugangs, der Vermittlung, der Verbreitung und der Vernetzung von Wissen entstanden. Private Initiativen jenseits der institutionellen öffentlichen Strukturen haben das Potenzial früher genutzt.

Wohl wichtigstes Beispiel ist die Wikipedia. Lange wurde Wikipedia kritisch beäugt, belächelt. Doch inzwischen hat sie eine erhebliche Reputation und sich im Bereich der Enzyklopädien durchgesetzt. Viele klassische gedruckte Enzyklopädien wurden eingestellt.

Aber auch Firmen haben sich mit großem Mut, mit viel Chuzpe und oft mit hohen Investitionen daran gemacht, zu digitalisieren und Inhalte online zugänglich zu machen. Das Google-Buch-Projekt ist wohl das bekannteste Beispiel für Massendigitalisierung, aber keineswegs das einzige. Die Projekte von Google waren und sind umstritten, teilweise heftig umkämpft. Und sie sind erfolgreich, und viele Museen kooperieren inzwischen mit Google.

Museen werden mit der Digitalisierung und durch neue Institutionen nicht überflüssig. Ihre Aufgabe – das Beschaffen, Bewahren, Erforschen, Bekanntmachen und Ausstellen von Kulturzeugnissen – bleibt. Doch sie müssen sich verändern.

Was heißt das?

1. Beschaffen

Es fängt mit dem Beschaffen an: Früher wurden den Museen häufig Nachlässe angeboten, mit denen die Erben nichts anzufangen wussten. Die Erben konnten sie vor allem nicht verkaufen, Interessenten gab es nicht und damit keinen Markt. In Zeiten von Ebay und vielen anderen Möglichkeiten, im Internet Dinge anzubieten und für eigentlich alles einen Käufer zu finden, ist das anders. Damit ist es an den Museen, dafür zu werben, ihnen Nachlässe zu überlassen, statt auf das schnelle Geld zu schielen.

2. Bewahren

Auch das Bewahren digitaler Objekte stellt die Museen vor gänzlich neue Herausforderungen – Herausforderungen, die sie nicht selbst lösen können. Die technische Expertise für digitale Langzeitarchivierung haben Museen nicht. Sie sind auf Zusammenarbeit angewiesen, mit Rechenzentren, mit Firmen, mit Experten.

3. Erhalten

Erhalten werden müssen nicht nur digitale Objekte selbst, sondern auch die Metadaten über analoge Objekte. Metadaten sind der Schlüssel zum Verständnis des kulturellen Erbes. Wer forscht, benötigt Zugang zu den Beständen, der Zugang zu den Beständen wiederum benötigt Standardisierung. Standardisierung heißt in der digitalen Welt Webservices, Personen-Norm-Dateien und Schnittstellen für den Austausch von Metadaten. Datenmodellierung im digitalen Zeitalter ist eine weitaus größere Herausforderung als die klassischen „Findbücher“.

4. Erforschen

Digitalisierte Sammlungen und moderne, vernetzte Datenbanken eröffnen der Forschung neue Möglichkeiten. Damit sind auch gleich die beiden Grundvoraussetzungen benannt, die Museen im digitalen Zeitalter nicht nur für die Forschung erfüllen müssen. Sie müssen ihre Bestände digitalisieren. Und sie müssen ihre Bestandsverzeichnisse online zugänglich machen. Das setzt Standardisierung der Metadaten voraus, sollen die Bestandsverzeichnisse auch genutzt werden können.

Von Seiten der Museen werden insbesondere durch die Europeana und das Europeana Data Model wichtige Schritte hin zur Standardisierung gemacht. Bis diese Standards in den Museen implementiert sind, ist allerdings noch ein langer Weg.

5. Bekannt machen

Groß sind die Möglichkeiten von Museen, ihre Bestände durch das Internet bekannt zu machen. Auch hier gilt: Voraussetzung ist die Digitalisierung der Bestände und die Standardisierung der Metadaten. Das wohl ehrgeizigste und anspruchsvollste Projekt in Europa ist die Europeana. Sie ist ein wichtiger Beitrag, Kultur im Netz auffindbar zu machen. Aber die Wege im Netz sind nicht immer gradlinig.

Crystal skull, Foto: Rafał Chałgasiewicz, CC BY

Crystal skull
Foto: Rafał Chałgasiewicz, CC BY

Ich will dies mit einer kleinen Anekdote erläutern. 2008 kam der Film „Indiana Jones and the crystal scull“ in die Kinos. Und plötzlich sah sich das Britische Museum mit einem großen Interesse an Kristallschädeln konfrontiert.

Was war passiert? Fans von Indiana Jones wollten mehr über den Film wissen. In die Suchmaschine gaben sie jedoch nicht den Filmtitel ein, sondern nur „crystal scull“. Und die Suchmaschine zeigte als erstes einen Wikipedia-Artikel über Kristallschädel an. Dieser Artikel war illustriert mit Bildern der Kristallschädel im Britischen Museum. Und wieder führt ein ganz unerwarteter Weg ins Museum.

6. Ausstellen

Ausstellen ist wahrscheinlich der Bereich, der sich am wenigsten ändern muss. Ausstellungen werden weiter von der Aura des Originals leben, werden weiter ihren eigenen Gesetzen unterliegen.

Fragen der Ausstellungsgestaltung haben mit Digitalisierung nur sehr mittelbar zu tun. Sicher gibt es „virtuelle Ausstellungen“, also kuratierte Angebote zu bestimmten Beständen. Es gibt den Einsatz neuer Technik, zum Beispiel Smartphone-Apps als Ersatz für den traditionellen Audioguide. Aber digitale Technik hat hier nur dienende Funktion. Museen sollten diese Möglichkeit nutzen, aber kein Netzauftritt und keine App ersetzt einen Museumsbesuch. Sie können aber Aufmerksamkeit schaffen, die zu einem Museumsbesuch führen kann.

 

Nicht Avantgarde, aber auch nicht abgehängt

Wo stehen die Museen im digitalen Zeitalter? Sie sind nicht die Avantgarde des Informationszeitalters, aber auch nicht der abgehängte Rest. Der Platz der Museen ist die Mitte. Da gehören sie auch hin.

Sie sind und bleiben Orte, die ihren Besuchern neue Welten eröffnen, die das Sammeln und Bewahren ernst nehmen, die Forschung ernst nehmen. Ihr Platz ist die Mitte der Gesellschaft, die durch die Digitalisierung immer vernetzter wird. Sie stehen in einem sich schnell verändernden Netzwerk von Institutionen, Initiativen und Firmen, die sich um das kulturelle Erbe bemühen.

Solange Museen in der Mitte bleiben, stehen ihnen alle Optionen für die Zukunft offen. Wenn sich Museen der Vernetzung verweigern, werden sie ihrem öffentlichen Auftrag nicht gerecht und an Relevanz verlieren. Dann werden sie abgehängt werden in einer sich schnell ändernden Gesellschaft.

Betrachten Sie die neuen Player im Zeitalter der Digitalisierung, betrachten Sie Wikipedia, betrachten Sie Google und die vielen anderen nüchtern. Angebracht ist weder emotionale Abwehr noch devote Unterwerfung. Die neuen Player können in der digitalen Welt vieles besser. Im Bereich der digitalen Langzeitarchivierung beispielsweise haben Rechenzentren Kompetenzen, die Museen nie erlangen werden.

Wo sich Museen diese Kompetenzen in Partnerschaften zunutze machen können, wo die neuen Player Aufmerksamkeit auf die Museen lenken, wo sie Zugang zum kulturellen Erbe ermöglichen, ist das gut.

 

Das kulturelle Erbe gehört allen, nicht einigen

Aber die Museen sollten selbstbewusst in solche Partnerschaften gehen. Sie sollten die Bedingungen solcher Kooperation aushandeln und öffentlich machen. Sind die Bedingungen der Kooperation zwischen Museen und Firmen nicht transparent, wächst Argwohn.

So ist zum Beispiel – nach allem, was ich weiß – die Kooperation der Bayerischen Staatsbibliothek mit Google eine sehr sinnvolle Kooperation, von der beide Seiten profitieren. Die Bedingungen sind inzwischen auch weitgehend bekannt. Was dem Ansehen dieser Kooperation am meisten geschadet hat, ist, dass der Kooperationsvertrag nicht von Anfang an öffentlich zugänglich war.

Museen haben eine große Verantwortung. Das kulturelle Erbe gehört allen. Digitalisierung und Internet können helfen, es allen zugänglich zu machen. Das, was Museen mit öffentlichen Mitteln für die Gesellschaft tun, muss weiter öffentlich bleiben. Der Zugang darf nicht beschränkt werden, um partikularen Firmeninteressen zu dienen.

Das muss bei allen Kooperationen klar, transparent und verbindlich festgeschrieben werden. Das sind zeitlose Prinzipien, die auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung das Handeln bestimmen müssen.

Den öffentlichen Raum, zu dem auch die Museen gehören, gilt es zu verteidigen.
 

Ebenfalls zum Thema: Am 28. und 29. November findet die von Paul Klimpel geleitete Konferenz „Zugang gestalten!” statt.

 
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den Dr. Paul Klimpel bei der Jahreskonferenz des Network of European Museum Organisations (NEMO) vom 1.-3. November in Bukarest gehalten hat. Crosspost von iRights.info. Der Text steht unter einer CC BY-ND-Lizenz.