Verwirrende Transparenzoffensive: Die ARD hantiert kreativ mit Zahlen

„ARD legt Zahlen auf den Tisch“ - so nennt die ARD ihre Website, die mehr Transparenz herstellen soll. Und die Medien berichten darüber.

„Wie viel Rundfunkbeitrag in „Tatort“ oder Sport fließt“, titelte etwa kress. Die Berliner Zeitung schrieb: „Transparenzoffensive: Die ARD erklärt im Internet, wie sie ihre Beitragseinnahmen verwendet. 444 Millionen Euro gibt der Senderverbund im Jahr für Filme aus – deutlich mehr als für den Sport.“

Der „Tatort“ kostet 15 Cent im Monat, stellte der Tagesspiegel fest: „ARD legt Zahlen auf den Tisch, wofür sie den Rundfunkbeitrag im Programm ausgibt.“ Und die Süddeutsche Zeitung konstatierte: „Was aber die Transparenz betrifft, ist die ARD nun auf ihre Kritiker zugegangen.“

Doch was bringen uns die Zahlen, die die ARD im Rahmen ihrer „Transparenzoffensive“ auf den Tisch legt? Leider stiften sie einiges an Verwirrung

So fehlen etwa in der Aufschlüsselung – die sich nur auf die Haushalts- bzw. Rundfunkgebühr bezieht -, allein für die ARD Ausgaben in Höhe von über 1 Mrd. Euro. Die Gebühreneinnahmen der ARD wurden auf 5,3 Mrd. Euro festgestellt. In der Aufschlüsselung wurde dargestellt, wofür diese Mittel ausgegeben wurden. Doch die Gesamteinnahmen der ARD lagen laut Finanzstatistik bei 6,3 Mrd. Euro.

Die Aufschlüsselung kommt leider nur als recht niedrig aufgelöste Grafik daher. Die Zahlen in Tabellenform gab es leider nicht. Die würde so aussehen und erlaubt die Zahlen auch gleich zu nutzen:
 

Rundfunkbeitrag aufgeschlüsselt, Tabelle:© L. Matzat, H. Hilker


Rundfunkbeitrag aufgeschlüsselt, Tabelle:© Matzat/Hilker. Zum Vergrößern auf die Grafik klicken

 
Viele der folgenden Fragen hätten sich vermeiden lassen, hätte die ARD im Vorhinein beispielsweise bei der Initiative Open ARD ZDF um Rat gefragt, wie sich Zahlen sinnvoll und transparent veröffentlichen ließen. Die Initiative hatte jüngst einen Entwurf ihrer Transparenzforderung für die öffentlich-rechtlichen Sender veröffentlicht und dort auch benannt, welche Veröffentlichungsformate in ihren Augen Sinn machen würden.

Offen bleibt, wie man bei der Aufschlüsselung der Gebühren auf so geringe Verwaltungskosten von nur 48 Cent im Monat je Gebührenzahler kommen kann. Das macht gerade einmal 200 Mio. Euro und ist weniger als der Etat der Verwaltungsdirektionen zweier großer Sender. Und dabei hat man die Leitungsbereiche der einzelnen anderen Direktionen noch nicht einmal berücksichtigt. Sicher wird es dafür Gründe geben – aber die müssten erläutert werden.

Der Sport in den Dritten Programmen ist mit ca. 62,25 Mio. Euro ausgewiesen, für Das Erste sind 298,8 Mio. Euro dargelegt. Für das Jahr 2010 hatte die KEF festgestellt, dass die ARD im Ersten ca. 450 Mio. Euro (27,7% der Gesamtkosten des Ersten) in Sport investiert hatte, in den Dritten wurden dafür noch einmal 100 Mio. Euro ausgegeben. Wie lässt sich diese Differenz erklären? Hatte die KEF falsch gerechnet?

Bei der Darstellung des „Tatort“ fällt auf, dass hier ein Produzentenzuschlag von 12% angegeben wird, der Gewinn und Handlungskosten des Produzenten abdecken soll. Auch wird angegeben, dass sich die Kosten des Tatorts zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Euro bewegen. Spannend wäre doch auch zu erfahren, wie sich sowohl Vergütung als auch die Kosten entwickelt haben: Sind sie in den letzten 10 Jahren gestiegen? Oder stagnieren sie?

Bei der Darstellung der Sportberichterstattung macht schon die Verifizierung einer einzigen Zahl deutlich, dass die ARD in ihrer Darstellung mehr als kreativ arbeitet. „Das Erste berichtet im Jahr über rund 50 verschiedene Sportarten, gemeinsam mit den Dritten Programmen sind es sogar rund 100 verschiedene Sportarten.“

Wer sich etwas in den Studien auskennt, weiß, dass die ARD ihr Erstes um mindestens 20% überschätzt darstellt. „Im Ersten wurden in den Jahren 2001 bis 2012 zwischen 21 (2009) und 42 (2004) der codierbaren Sportarten gezeigt, beim ZDF waren es zwischen 24 (2002) und 26 (2012).“ So heißt es in einer aktuellen Studie (Media Perspektiven 9/2013, S. 432). Dort kann man auch erkennen, dass im Ersten der Anteil der Live-Übertragungen zu Lasten von Reportagen und Dokumentationen sowie Magazinen zugenommen hat.

Und es stellen sich weitere Fragen: Warum gibt man bei der Übersicht der Mitarbeiter/innen der ARD neben der Zahl der festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht auch die der Fest-Freien an? Programm, zumal Journalismus, wird doch von Menschen gemacht. Welchen Grund gibt es, die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verstecken? Sieht man da ein Problem, wenn man statt 22.800 ca. 40.000 angeben müsste?

Warum findet man bei den Statistiken zur finanziellen Situation und Programmzusammensetzung nur die aktuellen von 2012? Die Verwendung der Mittel wird in der Aufschlüsselung für 2011 und 2012 zusammengerechnet. Warum findet man dann nicht auch gleich Links zu diesen beiden Jahresstatistiken? Wo ist das Problem, an dieser Stelle auf die Statistiken der Vorgängerjahre zu verlinken?

Gäbe es diese Zahlen zudem in sauberen maschinenlesbaren Datenformaten, könnten etwa Datenjournalisten schnell Trends und Verläufe dokumentieren.

Letztlich weiß man bei all den Darstellungen nicht so recht, woran man ist. Ja, die ARD gibt Antworten auf einige Fragen. Doch sie hinterlässt auch wieder neue Fragen. Einige hätte man sich ersparen können, wenn man die Verhältnisse nachvollziehbarer und offener dargestellt hätte.

 
Lorenz Matzat hat u.a. Open ARD ZDF, die Arbeitsgruppe für Transparenz bei den Ausgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks initiiert und bloggt auf Datenjournalist.de. Heiko Hilker ist u.a. Mitglied im MDR-Rundfunkrats und schreibt auf DIMBB · Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung.