Sichergestellt

| 29.10.2013 | 3 Kommentare

Unter dem Eindruck der öffentlichen Erregung verwandelt sich der Staatskörper der Bundeskanzlerin in eine Schutzlosigkeitsmadonna.

Hiermit beschlagnahme ich … So könnte Edward Snowden eines Tages auf Hawaii gedacht haben, bevor er sich via Hongkong auf den Weg nach Scheremetjewo machte. Er stellte Beweismaterial sicher. Patrick Bahners‘ Idee, das Enthüllen, das Unterschlagen, das Entwenden und das Verraten in die juristische Variante eines Beschlagnahmebeschlusses zu verwandeln, steht als Beispiel für semantische Operationen in dieser Causa nicht allein. Plötzlich hören wir von Amerikanern, die Snowdens Handeln im Einklang mit amerikanischen Werten sehen. Plötzlich betrachten wir Snowden als Boten einer Kopernikanischen Wende unserer Kulturgeschichte. Plötzlich: das ist die Pointe der Geschichte, verstehen wir uns selbst nicht mehr.

Lübberding im Frühschichtmodus. Seine Lieblingskonjunktion im Nacherzählen ist das historisch selektive “bisweilen”. Fast keine Frühkritik ohne bisweilen. Sie wirkt auf mich wie der Rüttelfalke. Hoch oben steht er über dem abgemähten Feld und späht nach Beute. Dann stürzt er auf sie herab. Im bisweilen schwebt so etwas wie ein Nachsommer Adalbert Stifters.

Das Beschauliche trügt. Denn hinter dem gemächlichen Ton lauert der historische Komparatist und späht nach dem Erkenntnisblitz. Dann schlägt er zu. Dabei geht es nicht immer um Treffer oder ein Versenkungserlebnis. Eher geht es um die Suche nach etwas Erhellendem, das selbst den Leuten im Studio bei Herrn Jauch oder Frau Will oder all den anderen nicht aufgefallen sein mag.

Die Frühkritik ist in der Kultur unserer Zeit das letzte Ansitzerlebnis. Jäger kennen das, wenn der Nebel, die Kälte in die Glieder kriecht, bis endlich die Geduld belohnt wird.

Der Spähangriff auf das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin steht nur noch pars pro toto für das, was ich unsere neuerliche kopernikanische Wende nenne. In die Erregung (also auch die Heuchelei) mischt sich etwas Anderes, erst nur wie eine Ahnung, nun schon fast als Gewissheit. Günter Hack hat vor einigen Tagen den Weg zu dieser Einsicht gebahnt:
 

Merkel ist ein Cyborg. Ihre offiziellen Funktionen sind zumindest teilweise in einen Taschencomputer mit Netzwerkanbindung ausgelagert. Das Mobiltelefon ist als Speicher der Verbindungen der Regierungschefin der zweite Körper der Königin, er ist ein Abbild des stets zu aktualisierenden Machtnetzwerks.

(…)

Heftige Reaktionen wie jene aller befragten Akteure (…) lassen darauf schließen, dass die Berührung des zweiten Körpers der Kanzlerin durch den eigentlich verbündeten Geheimdienst als eine Verletzung des gesamten Staatskörpers angesehen wurde. Vorher, als nur gewöhnliche Bürger betroffen waren, hielt sich der Apparat bedeckt, ja er solidarisierte sich implizit und explizit mit dem verbündeten Militärgeheimdienst.

 
In Kantorowicz Studie über die elisabethanische Bilderwelt lesen wir die Entstehungsgeschichte des modernen Staates. Heute interessiert uns nicht mehr so sehr die Idee der Sterblichkeit (als Grundlage für die Einsicht in die Gleichheit der Menschen, auch das bald dahin) und die Unsterblichkeit der Königin. Heute schockiert uns die Schutzlosigkeit der so gut bewachten Kanzlerin. Unter dem Eindruck der öffentlichen Erregung verwandelt sich der Staatskörper der Bundeskanzlerin in eine Schutzlosigkeitsmadonna.

Wir sind nackt auf weitem Feld. Kein Schutz in Sicht.

1987 schrieb die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine bundesweite Kampagne aus. Gegenstand der Kampagne war die Einsicht: Die Bürger wissen Bescheid über die Gefährdung durch das HI-Virus. Ihr Wissen wird nur nicht verhaltenswirksam.

Nun wird der Aluhut nicht zur Pflicht. Aber schon hören wir Rufe nach europäischen Datenwolken. Nach einer Euronanosoft-Company. Nach eigenen Servern. Der verspätete Kontinent erinnert in dieser Situation an die Aufrüstungspläne des letzten deutschen Kaisers. Als ginge es heute noch um Marineertüchtigung.

Die Bewegungssensoren Eurer Handies sind so smart, dass ihre Datenströme schon heute den Epidemiologen Aufschluss darüber geben, wann und wo die nächste Grippewelle losgeht. Du merkst nicht mal selbst, dass Du an diesem Montagmorgen anders als sonst durch die Straße schlurfst. Wen interessieren da noch Deine heimlichen Kreditkartenkäufe, die Sparraten, die verspäteten Unterhaltszahlungen?

Big Data ist das falsche Codewort, führt in die Irre, bedient nur die Schmalspurphantasie der handelsüblichen Paranoiker. Die am Horizont erkennbare Größte Koalition könnte als eine weitsichtige Maßnahme der politischen Hygiene einen Handyzwang einführen. Wenn schon, denn schon. Wenigstens ein Trost wäre dann gewiss: die Renaissance der Opposition.

 
Crosspost von Wieaussieht