EZB-Stresstest und Bilanzprüfung: Rhetorik um Bankenkrisen-TÜV

| 29.10.2013 | 2 Kommentare

Glaubt man den Ausführungen der EZB zum Banken-TÜV, dann ist die Bankenkrise weiterhin nicht ausgestanden.

Zumindest bestätigt die EZB nun amtlich, was jeder weiß, die Banken jedoch (logischerweise) nicht eingeräumt haben: Trotz wiederholter Beteuerungen hat es in der Zeit nach Lehman keinen Fortschritt in Sachen Vertrauen und Transparenz gegeben. Erst mit der Vorbereitung der Aufsichtsfunktion der EZB über 128 Banken sollen “Transparenz, Korrekturen und Vertrauensbildung” gefördert werden.

Nun wird offiziell dokumentiert, dass zwar Politiker und Behörden in den letzten Jahren viel versprochen haben, die Bankenkrise in Europa jedoch noch längst nicht vorbei ist.

Warum sollte man jetzt der EZB glauben? Sie will mit ihrem “Banken-TÜV” einen “Gesundheitscheck” der wichtigsten europäischen Banken durchführen. Diese Begriffe aus dem Alltag suggerieren, dass man es diesmal ernst meint. Zumindest rhetorisch ernsthaft verkaufte man der europäischen Öffentlichkeit und den Finanzmärkten aber bereits die Stresstests der EBA aus dem Jahr 2011. Das ging bekanntlich in die Hose, weswegen angeblich die neue Bankenaufsicht nicht bei der EBA, sondern bei der EZB eingerichtet wurde.
 

Grafik: EZB

Grafik: EZB

 
Diesmal soll nun alles anders werden. Die Bewertung soll sich aus drei Bausteinen zusammensetzen (Details):

  1. Aufsichtliche Risikobewertung der Hauptrisiken, u. a. Liquidität, Verschuldungsgrad und Refinanzierung – in quantitativer und qualitativer Hinsicht
  2. Prüfung der Aktiva-Qualität (Asset Quality Review – AQR) der Vermögenspositionen (Kredite, Wertpapiere, Beteiligungen etc.), die Banken eingegangen sind. Erneut soll die Qualität der Aktiva geprüft werden. Dabei wird analysiert, ob die Bewertung der Aktiva selbst und der Sicherheiten adäquat und die damit zusammenhängenden Rückstellungen angemessen sind.
  3. Es wird ein Stresstest durchgeführt, mit dem die Widerstandsfähigkeit der Bankbilanzen überprüft wird. Einzelheiten zum Stresstest werden zu einem späteren Zeitpunkt in Abstimmung mit der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) bekanntgegeben.

Die Forderung nach erhöhtem Eigenkapital klingt erneut streng, wenn die EZB schreibt:
 

“Grundlage der Bewertung wird eine Eigenkapitalquote von 8 % hartem Kernkapital sein, wobei sowohl für die AQR als auch für das Basisszenario des Stresstests die in der Eigenkapitalrichtlinie IV/Eigenkapitalverordnung, einschließlich Übergangsregelungen, enthaltene Definition herangezogen wird.”

 
Im Klartext: Auch hier gilt nicht die Eigenkapitalquote, die wir von gewöhnlichen Unternehmen kennen, sondern eine risikoadjustierte, was etwa bedeutet, dass als “risikofrei” angesehene Anleihen nicht angerechnet zu werden brauchen. Andrew Peaple ergänzt bei WSJ Deutschland die Kritik:
 

“Doch die Definition von Kapital ist einem Übergangsprozess unterworfen. Nach der Basel-III-Regulierung werden die Kapitalregeln strenger in den nächsten Jahren. Die Entscheidung der EZB, eine eher weiche Kapitaldefinition zu benützen und eine Vollprüfung der internen Bankmodelle zu vermeiden, ist eine Enttäuschung.”

 
Die EZB verkauft diese Prüfung, für die sie übrigens die Unterstützung der Unternehmensberatung Oliver Wyman einkauft, als “beispiellos”. Das ist erschreckend, denn viele Beobachter haben geglaubt, bereits seit Lehman hätten die verschiedensten Aufsichtsbehörden streng auf die Risiken der Finanzbranche geschaut. Offensichtlich war das nicht der Fall, was nun genauso offiziell ist, wie, dass das Vertrauen in die Bankbilanzen längst noch nicht wieder hergestellt ist.

Ob Finanzmärkten, Gläubigern und den für große Banken haftenden Steuerzahlern diesmal reiner Wein eingeschenkt wird, ist äußerst zweifelhaft. Zum einen prüfen dieselben Gesellschaften, die offenbar auch bisher keinen Durchblick verschafft haben. Zum anderen gilt es offenbar, mit den Ergebnissen bestimmten öffentlichen Erwartungen gerecht zu werden, die die Börsen-Zeitung wie folgt formulierte (24.10.13, S. 1):
 

“Fällt das Testergebnis zu negativ aus, verschreckt die EZB die Anleger, fällt es nicht negativ genug aus, verliert sie an Vertrauen. Entsprechend muss die Notenbank in den kommenden Monaten nicht nur die Erwartungen steuern und vor allen den Informationsfluss kontrollieren. Die Kunst wird sein, dies in Einklang zu bringen mit einem Resultat, das auch unter dem Aspekt der Finanzstabilität taugt.”

 
Interessant auch, dass der EZB-Generaldirektor auf der Pressekonferenz ebenfalls noch einmal dokumentierte, dass die bisherigen Stresstests der EBA nichts taugten, was damals keiner einräumen wollte. Die Börsen-Zeitung schrieb (24.10.13, S. 4):
 

“Der sich an die Bilanzprüfung anschließende Stresstest werde glaubwürdiger sein als die beiden jüngsten der EBA, argumentierte Angeloni.” Na ja, mag man da sagen, glaubwürdiger heißt nicht unbedingt glaubwürdig.

 
Am Mittwoch nach der EZB-Ankündigung fielen übrigens die Kurse von Banktiteln europaweit um zwei Prozent.

Für das Wall Street Journal scheint den Investoren zu dämmern, “dass die Reparatur des europäischen Bankensektor noch viel Mühe und Zeit kosten wird”. Ich interpretiere die Marktreaktion so, dass das vergangene Woche vorgestellte Modell erneut für einen langen Zeitraum sowohl für die Finanzmärkte als auch für die Banken selbst für erhebliche Unsicherheit sorgt. Und Unsicherheit mögen “die Märkte” nicht.

Abschließend eine weitere Aussage, die darauf schließen lässt, dass sechs verschiedene Aufsichtsbehörden* sechs Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise die Bankenrisiken nicht in den Griff bekommen haben. Das Handelsblatt zitiert Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger:
 

„Ich bin überzeugt davon, dass sich der Kraftakt lohnt, denn wir bekommen mit dem einheitlichen Aufsichtsmechanismus die Chance, aus allen Aufsichtskulturen der Euro-Zone das Beste herauszuholen. Sorgfalt gehe vor Schnelligkeit.”

 
Ich bin bekanntlich weder ein Freund der Bankenaufsicht bei der EZB, noch der Bankenunion oder gar europäischer Abwicklungsmechanismen. Alle bisherigen Aktivitäten verschiedenster Aufsichtsbehörden haben offensichtlich nichts gefruchtet. Warum das durch noch kompliziertere Regelungen und eine weitere, die Banken eher belastende Reportinglinie besser werden soll, hat niemand überzeugend darlegen können. Es ist schade, dass die Diskussionen mittlerweile so zerfasert sind und alternative Vorschläge zur Regulierung, wie etwa von Martin Hellwig, aktuell keine Rolle spielen.

 

Weitere Berichte und Kommentare

 


 
* Nur zur Erinnerung: In Europa schauen folgende Behörden auf die Finanzmärkte:
 

  • EBA: die Europäische Bankenaufsichtsbehörde, deren Aufgabe die Beaufsichtigung von Banken, einschließlich der Beaufsichtigung der Bankenrekapitalisierungen, die Koordinierung zwischen den nationalen Aufsichtsbehörden und die Beilegung von Streitigkeiten zwischen ihnen ist,
  • ESMA: die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde, die die Kapitalmärkte beaufsichtigt,
  • EIOPA: die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung, die für die Versicherungsaufsicht zuständig ist, sowie das
  • European Systemic Risk Board (ESRB).

Hinzu kommen in Deutschland die BaFin und die Bundesbank. International könnte man noch den Basler Ausschuss für Bankenaufsicht dazu rechnen.

 
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