Filmkritik: Inside Wikileaks – Eine Ode an die Transparenz

| 23.10.2013 | 4 Kommentare

Dieser Film ist wichtig. Er ist es, weil sich breite gesellschaftliche Schichten für den digitalen Wandel, die Vernetzung der Welt und die Probleme der Informationsgesellschaft bisher kaum interessieren.

Was unzählige Blogbeiträge, Essays, Interviews und Talkshows nicht vermochten, könnte der kurzweilige, streckenweise oberflächliche Popcorn-Streifen zwischen Thriller, Nerdromanze, Biopic und digitalem Roadmovie endlich schaffen.

Auch wenn die lauen Einspielergebnisse in den USA nichts Gutes verheißen: sie sind sicher der amerikanischen „Imagepflege“ von Julian Assange und Wikileaks geschuldet – zu tief war die Demütigung der amerikanischen Nation durch die ungefilterte Veröffentlichung ihrer teilweise grotesken Cables und Botschaftsdepeschen. Intensiv arbeiten seit Jahren amerikanische Behörden an der Demontage und Diskreditierung von Julian Assange als sexsüchtigem und egomanem Monster, das man – wenn nicht hinter amerikanische Gitter – doch bereits in der ecuadorianischen Botschaft in Schach hält.

Auch, wenn die filmische Struktur und Erzähltechnik ihren Tribut fordert: Es ist erfrischend, dass sich der Film in vielen wichtigen Aspekten an die Vorlage von Daniel Domscheit-Berg hält.

Natürlich kratzt Inside Wikileaks nur an der Oberfläche und bleibt unscharf, wenn es um die tiefgreifende Wirkung der digitalen Revolution geht. Der Spagat gelingt jedoch immer dann, wenn die Bruchkanten von Autorität im Informationszeitalter umrissen werden.

Staaten, die nach Lust und Laune jede Kommunikation belauschen können und argwöhnisch jeden privaten Rückzugsraum als Bedrohung von Autorität und Souveränität betrachten – das erahnt der Zuschauern in der chronischen Verschlüsselungspanik der Protagonisten und der Wahl anonymer, subkultureller Treffpunkte in Ost-Berlin. Im Tempo eines Roadmovies verknüpft der Film die Krisenherde der Welt und zeigt, wie Regierungen krampfhaft ihre hegemonialen Interessen, Entscheidungen und strategischen Erwägungen vom Bürger abschirmen und in ein Schattennetz der Geheimdienste und des Militärs verlagern. Klassischer Journalismus prallt auf das neue, selbstbewusste Nachrichtenparadigma des Internets und spart auch nicht mit Kapitalismuskritik.

Während Guardian- und Spiegel-Journalisten krampfhaft versuchen, Schritt zu halten, verdichtet sich der Konflikt zwischen Daniel Domscheit-Berg als Doktor Faust und dem Mephisto Julian Assange in den alles umfassenden Fragen: Dürfen Transparenz und Informationsfreiheit den Quellenschutz vernachlässigen? Was bedeutet Anonymität im Zeitalter von Big Data? Welchen Wert haben nationale Gesetzgebung, Autorität und Rechtsdurchsetzung im Netz-Zeitalter?

Die Fragen, die der Film allenfalls an der Oberfläche stellt, erinnern an die ungelösten Konflikte zwischen Datenschutz-Aluhüten und Post-Privacy-Adepten in der Piratenpartei. Nicht umsonst blitzt das Signet der Piratenpartei, aber auch das Logo von Pirate Bay auf T-Shirts und Notebooks immer wieder auf.

Das wären dann auch die kurzweiligen Momente des Films, der auch nicht vor dem häufigen Product-Placement der Club Mate-Hackerbrause zurückschreckt. Anke Domscheit-Bergs berühmte Umhäkelungen, ihre roten Strumpfhosen, ein jugendlicher Assange am Commodore 64 und unzählige liebevolle Neckereien der verschrobenen Nerdwelt auf dem Chaos Communcation Congress erhöhen den Popcornfaktor des Films.

Ein wenig stören natürlich die überzeichnete Dämonisierung des Egomanen Assange und die fast schon naive Darstellung eines unter Wert verkauften Daniel Domscheit-Berg, der dann plötzlich im furiosen Finale als rasender und allein agierender Zerstörer der Wikileaks-Infrastruktur durch das Set tobt.

Dennoch: Inside Wikileaks gehört als Zeitdokument an die Schulen. Dieser Film wird die Debatte um NSA-Ausspähung, Transparenz und Privatsphäre im Internetzeitalter endlich neu entfachen. Das alleine ist im netzpolitisch so desinteressierten Deutschland eine Empfehlung wert.

 
Crosspost von Bruno Kramm · Teilen ist das neue Haben