Jetzt doch: Kostenlos-Kultur im Netz – die deutsche Huffington Post

Der Vergleich der HuP-Inhalte mit Journalismus Punkt irgendwas ist, vorsichtig gesagt, schief. Eigentlich mehr flach.

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich nicht provozieren zu lassen von der deutschen Huffington Post, die ich in praktisch jeder Hinsicht für unsäglichen Müll halte, aber wie das so ist: Nachdem nun die wenigen an sich Normalen unter den Menschen, die für die deutsche “HuffPo” schreiben, anfangen, sich zu rechtfertigen (z.B. Nico Lumma hier, und Karsten Lohmeyer hat gleich seinen bisher einzigen HuffPo-Beitrag zum Thema “Rechtfertigung für seinen bisher einzigen HuffPo-Beitrag” geschrieben), fühle ich mich genötigt, ein paar Logikprobleme anzusprechen.

Kurz die Ausgangslage: Die deutsche Huffington Post will eine neue Form Journalismus bieten, an der vor allem neu ist, dass es für die Beiträge kein Honorar gibt. Stattdessen könnten Autoren die Reichweite der Plattform nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Rechte an dem Text gehen dabei an die HuffPo (der Autor braucht eine Genehmigung, wenn er ihn z.B. auf seinem eigenen Blog auch noch mal veröffentlichen will), Kosten eventueller Rechtsstreitigkeiten bleiben am Autor hängen.

Nico Lumma findet das irgendwie normal und nicht viel anders, als wenn er einen Gastbeitrag für die FAZ schreibt, und wenn ich ihn richtig verstehe, nicht einmal viel anders, als wenn er in seinen eigenen Blog schreibt. Karsten Lohmeyer findet das eine neue Art von Journalismus und zumindest das Experiment wert, und “bettelt” (das schreibt er) am Ende des Artikels um bezahlte Aufträge oder zumindest darum, ihm auf Twitter zu folgen.

Ich finde, beide haben Unrecht, und die Huffington Post ist in jeder Hinsicht eine Zumutung.

Und das hat ein paar sehr einfache Gründe: Die US-amerikanische Mutter der deutschen HuffPo (bei der Arianna Huffington die Herausgeberin ist, und nicht Cherno Jobatey) war eine Antwort auf die durchgedrehte rechte Blogszene der Staaten. Sie bündelte politisch liberale Stimmen als Gegengewicht. Weil sie dabei immer erfolgreicher wurde, entwickelte sich daraus das Geschäftsmodell mit der unbezahlten Arbeit. Die deutsche HuffPo beginnt gleich mit dem Geschäftsmodell und lässt die Politik weg.

Nico Lumma sieht in der Gründung dann auch den Versuch, eine Meinungsplattform zu etablieren. Ich kann das nicht erkennen. Ich sehe den Versuch, ein billig produziertes Anzeigenumfeld zu basteln. Das ist ein fundamentaler Unterschied, weil der Unternehmung die innere Zielsetzung fehlt. Sie ist ausschließlich funktional interessiert. Ich möchte das mal an einem Bild durchdeklinieren.

Nehmen wir an, ich wäre ein Journalist und würde für die HuffPo schreiben dürfen. Eine Bezahlung bekomme ich nicht, mein Honorar ist nur die Aufmerksamkeit, die ich generiere. Diese Aufmerksamkeit kann ich dann möglicherweise woanders zu Geld machen. Dadurch passieren zwei Dinge: Erstens mal muss ich versuchen, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu generieren. Ich werde also jedes Mittel wählen, meine Geschichte so dramatisch wie möglich zu erzählen. Als Beispiel bietet sich wieder Lohmeyer an, dessen Überschrift ist “Steinigt mich, ich schreibe für die Huffington Post”. Und was für die einzelnen Geschichten gilt, gilt auch für die ganze Seite, die auf eine noch hässlichere Art aufgeregt ist, als Rainer Brüderle am Veggie-Day. Bei näherer Betrachtung ist auch klar, warum das gar nicht anders sein kann: Wenn die deutsche HuffPo keine Agenda hat, sondern nur ein Unternehmen ist, aber die meisten Autoren nicht in Geld bezahlt werden, sondern in Werbefläche für sich oder ihre Sache, dann besteht das Medium letztlich aus nichts als aneinandergeklatschten Anzeigen.

Das ist nicht “Journalismus 3.0″, wie Lohmeyer es nennt, es ist haargenau das Gegenteil: Journalismus definiert sich ziemlich genau dadurch, dass er eben nicht den Inhalt des Berichts davon abhängig macht, was die Folge des Berichts ist. Wenn ich einen Text schreibe, um damit eine bestimmte Handlung zu bewirken, ist es Werbung. Wenn ich einen Text schreibe, damit mich jemand anders bucht, für ihn einen Text zu schreiben oder einen Vortrag zu halten, dann ist es Werbung und nicht Journalismus, auch nicht Punkt null. (Ich möchte übrigens nie wieder hören, irgendwas wäre irgendeine Zahl Punkt null. Ich finde das affig.)

Dabei ist dann auch klar, warum es sich hierbei eben nicht um ein System handelt, in dem der klassische Gastbeitrag zur Regel erhoben wird. Ein Gastbeitrag setzt eine Struktur voraus, in der der Gast die Ausnahme ist – die unabhängige Stimme. Nico Lumma zum Beispiel ist eine solche unabhängige Stimme, und er erhebt sie regelmäßig zum Beispiel auf seinem Blog. Er schreibt dort und für die HuffPo, weil er bestimmte Vorstellungen davon hat, wie die Welt sein sollte, und dafür hat er natürlich lieber viel Publikum als wenig. Das ist alles gut. Aber kein Journalismus, sondern politische PR. Da habe ich überhaupt nichts gegen, ich bin sogar sehr oft seiner Meinung (Disclosure: Ich war ein paar Jahre lang gemeinsam mit ihm in der SPD), aber es ist Werbung für eine (wenn auch gute) Sache.

Das kann nicht die Zukunft des Journalismus sein, weil es eben kein Journalismus ist. Wenn diese Art Beiträge aber das Herz der HuffPo sind (garniert von ein paar aufgebohrten Agenturmeldungen. In dem Moment, wo ich das hier schreibe, ist der Aufmacher unter einer Überschrift von der Größe eines Scheunentores eine eher schmierige dpa-Geschichte über die Quadratmeterzahl der Dienstwohnungen deutscher Bischöfe), dann ist das Herz der HuffPo PR, und nicht Journalismus.

Und der nächste Schritt ist dann der allerwitzigste: Wenn die HuffPo-Macher Journalisten auffordern, das Schreiben für die HuffPo als Werbung für sich selbst zu betrachten, dann müssen sie nach der unternehmerischen Logik davon ausgehen, dass diese Autoren die Arbeitszeit als Werbekosten verstehen. Und Werbekosten müssen von irgendwem bezahlt werden, denn Kosten bleiben sie ja. Das Geschäftsmodell der HuffPo ist also, dass andere, klassische – im Sinne von: bezahlende – Medien indirekt (Lohmeyer schreibt “über Bande”) für den “Journalismus 3.0″ der HuffPo bezahlen.

Uncooler geht es gar nicht, schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die deutsche HuffPo dafür mit dem Burda-Verlag kooperiert, der so die Zerstörung seines eigenen Geschäftsmodells querfinanziert.

Das also bleibt: Die HuffPo will sich inhaltlich bestückt sehen von Leuten, die eine Werbebotschaft haben für ein – irgendein – Ziel, im Zweifel für die eigene Dienstleistung. Dabei müssen sie auch noch die Rechte an ihren Werken aufgeben. Dabei gehen die Macher explizit davon aus, dass ihre Autoren von anderen bezahlt werden. Dass ein solcher Autor per Definition eigentlich nie die innere Unabhängigkeit haben kann, die einmal die mentale Voraussetzung für Journalismus war, ist offensichtlich. Und dann führt es auch noch dazu, dass die Geschichten in ihrem Kampf um Aufmerksamkeit schreiend, blinkend und aufgetakelt daherkommen wie Olivia Jones nach zehn Herrengedecken.

Nein, ich bin nicht dafür. Ich halte das für ein obskures Unterfangen, das im US-Kontext möglicherweise sinnhaft begonnen hatte (inzwischen ist das auch nur noch eine hässliche Sammlung völlig übergeigter Überschriften und mäßig relevanter Youtube-Videos), aber hier selbst im besten Fall überwiegend, eigentlich möchte ich sagen: praktisch ausschließlich, destruktive Wirkung entfalten kann und wird. Für keinen einzigen Journalisten wird es sich lohnen, kostenlos für die HuffPo zu schreiben, stattdessen wird es höchstens eine Abwurfstelle für professionelle, anderweitig bezahlte Meinung-Haber und Meinung-Äußerer sein.

HuffPo, mach es dir doch einfach selbst.

 
PS. Um das Ganze noch ein bisschen meta zu machen, freue ich mich, dass die Kollegen von Carta diesen Beitrag crossposten. Das ist nämlich der Unterschied: Ich kann hier machen, was ich will – und es gehört mir auch hinterher noch. Die Redaktion von Carta kann kuratieren, was zu ihrer Linie passt, und ich kriege ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für mein Weltbild. So wird ein Schuh draus. Allerdings natürlich auch kein Geschäft.

 
Crosspost von Michalis Pantelouris