Social-Reading-Plattform Sobooks konkurriert mit Amazon. Ist sie dafür aufgestellt?

| 18.10.2013 | 5 Kommentare

Social Reading hat zweifelsfrei gute Zukunftsperspektiven - wenn die Voraussetzungen stimmen.

Das Gründerteam von Sobooks kann sich sehen lassen: Sascha Lobo (Deutschlands bekanntester Alpha-Kolumnist, mit Frisur), Christoph Kappes (u.a. Pixelpark), Oliver Wagner (u.a. BuzzRank) und Oliver Köster (ebenfalls Buzzrank) starten eine Plattform zum Verkauf von E-Books und dem gemeinsamen Lesen.

 

Plattform statt Verlag

Sobooks, das am 9. Oktober in die Private Beta ging, wurde in der Berichterstattung, die für eine deutsche Buch-Plattform wohl noch nie so ausgiebig war, mehrfach als neuer Verlag bezeichnet. Zurückzuführen ist das auf die Eigendarstellung des Dienstes. Mitgründer Sascha Lobo bezeichnete sich selbst etwa oft als Verleger in den Interviews, die er zum Launch gab. Sobooks ist zwar zu einem kleinen Teil auch Direktverlag, also Anbieter, der Werke verlegt/verlegen wird, aber im Kern handelt es sich um eine Plattform, auf der Verlage ihre Bücher verkaufen und damit automatisch mit Zusatzfunktionen anreichern können. Zu den beim Launch vertretenen Verlagen zählen unter anderem Rowohlt und Random House.
 

Sobooks-Logo, Screenshot

Sobooks-Logo, Screenshot

 
Der Buchreport hat die wichtigsten Punkte zu Sobooks zusammengefasst:
 

Die Bücher, die auf Sobooks (steht für Social Books) zum Verkauf angeboten werden, stehen vollständig im Internet – jede Seite eines Buchs hat eine eigene URL.

Zu den Titeln werden Leseproben (mindestens fünf Seiten) angeboten.

Der Käufer hat die Wahl, ob er das Buch im Browser lesen oder in den Formaten Epub oder PDF herunterladen möchte.

Sobooks verzichtet auf DRM, bietet Verlagen aber eine Personalisierung der Epubs an (Wasserzeichen).

Bezahlt werden kann in der Startphase mit Paypal express, künftig auch mit anderen Zahlungsmethoden.

Sharing: Der Nutzer kann Zitate aus Büchern z.B. auf Facebook teilen, der Link führt direkt in das Buch hinein.

Der Leser kann mit anderen Lesern interagieren und auf einzelnen Seiten des Buchs Kommentare hinterlassen und auf andere Kommentare antworten.

Im Fuß der Seite sieht der Nutzer eine „Heat Map“ (Foto): Linien, die signalisieren, über welche Passagen im Buch aktuell besonders intensiv diskutiert wird.

 
Es ist vor diesem Hintergrund erstaunlich, aber nicht überraschend, dass viele Journalisten die Wortwahl der Gründer übernommen haben. Für die Gründer ist es sinnvolles, cleveres Wording gewesen. Denn Sobooks will in der schwierigen Medienwandeldebatte, in der in den klassischen Medien praktisch nie vorurteilsfrei über Internetunternehmen berichtet wird, eher mit dem Rowohlt-Verlag assoziiert werden, als mit  dem allseits – außer bei den Kunden – gehassten Amazon.

Sobooks ist Amazons Buchrundumangebot aber näher als jedem Buchverlag. Wie Amazon ist Sobooks eine Plattform, auf der E-Books verkauft werden, also ein Vermittler zwischen Buchverlagen und Lesern. Wie bei Amazon ist das der Kern des Geschäfts. Wie bei Amazon hat Sobooks auch einen Verlagsbereich, in dem eigene E-Books verlegt werden.

Sobooks konkurriert deshalb auch eher mit Amazon als mit einem Buchverlag.

Hier liegen auch die Probleme – oder Herausforderungen – für Sobooks. Ebenso wie Readmill, die Berliner Social-Reading-Plattform, steht Sobooks vor dem Problem, dass die eigenen Zusatzfunktionen, die soziale Ebene, in der Mehrheit der Fälle nur mit einem Medienbruch genutzt werden können.

 

Nur im Browser, Apps sollen kommen, keine E-Reader-Integration

Wenn Sascha Lobo Sobooks im ZEIT-Interview als das “Post-Amazon-Konzept” bezeichnet, dann ist das tatsächlich, wie er meint, ‘mittelgrößenwahnsinnig’. Denn das Konzept von Sobooks wird nur erfolgreich sein, wenn es vertikal integriert ist. Man kann zwar Bücher auf Sobooks im Browser lesen, aber die meisten E-Book-Fans lesen ihre Bücher selten auf diese Art. Nicht nur benötigt man ohne native Apps (für Tablet oder Smartphone) eine Internetverbindung, um zu lesen, man ist so auch weit weg von E-Readern mit angenehmem E-Ink – also den Geräten, auf denen ausgiebiges Lesen akku- und augenschonend möglich ist. Immerhin sollen native Apps für Android und iOS mit Offline-Modus noch kommen.

Man kann zwar die E-Books auf Sobooks als EPUB oder PDF erwerben, verliert aber so den sozialen Mehrwert der Plattform, beziehungsweise kann ihn nur im Browser und später in den Apps auf den Nicht-E-Readern bekommen.

Hier steht Sobooks vor der gleichen Herausforderung wie Readmill. Amazon ist  mit seiner Kindle-Plattform auch bei E-Books der Platzhirsch. Das Problem für Neueinsteiger sind nicht nur die aufgebauten Marktanteile. Die sind in einem noch jungen Wachstumsmarkt wie diesem nicht alles entscheidend. Es gibt einen Vorteil für Firstmover, aber der ist aufgrund der verschiedenen Richtungen, die das Produkt E-Book gehen kann, nicht so groß, wie man vielleicht vermuten könnte. Entscheidender ist, wie gut Amazon technisch und bei den Ressourcen aufgestellt ist.

Der E-Reader von Amazon ist integriert in den Amazon-Shop, rudimentäre Social Features gibt es auch schon (man kann sich von vielen Lesern unterstrichene Passagen direkt im E-Book anzeigen lassen), und der Onlinehandelsriese hat dieses Jahr mit Goodreads die größte Community rund um Bücher übernommen. Mittelfristig wird Amazon Goodreads auf die eine oder andere Art in seine Kindle-Plattform integrieren. Es wird nicht so gut sein wie Sobooks oder Readmill, aber dafür wird es auf dem E-Reader sein.

Auf Kindle kann man Bücher nicht nur im E-Reader und synchronisiert im Browser lesen, sondern auch synchronisiert auf nativen Apps für iOS und Android. Das ist eine sehr viel bessere Ausgangslage für eine soziale Ebene über der klassischen Buchebene.

 

Es geht nicht ohne Hardwarestrategie

Um das Problem mit dem Medienbruch zu veranschaulichen, schauen wir uns ein Alltagsbeispiel an:

Eine Sobooks-Leserin besitzt einen E-Reader. Sie kauft auf Sobooks ein Fachbuch als E-Book. Um es auf ihrem Gerät lesen zu können, lädt sie die EPUB-Version herunter. Jetzt beginnt sie zu lesen. Macht sie nun beim Lesen Hervorhebungen und Anmerkungen direkt auf ihrem Gerät im EPUB? Oder sucht sie jedes Mal die entsprechende Seite und Stelle auf Sobooks im Browser auf einem anderen Gerät heraus, um sie dort zu markieren und zu annotieren? Scrollt sie beim Lesen auf dem Zweitgerät mit, um etwaige Kommentare anderer Leser zu sehen? Was macht sie unterwegs in der Bahn? Zwei Hände, zwei Geräte?

Was Sobooks – ebenso wie Readmill und vergleichbare Angebote – benötigt, ist ein E-Reader, in den sich zumindest die Grundfunktionen des Angebots integrieren lassen.

Das heißt, um gegen Amazon eine Chance zu haben, braucht Sobooks eine Hardwarestrategie.

Das muss nicht heißen, dass Sobooks einen eigenen E-Reader entwickelt. Spätestens das txtr-Debakel, Marke Duke Nukem Forever, dürfte jedem gezeigt haben, dass das nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

Denkbar wäre vielmehr ein Joint Venture mit verschiedenen Marktteilnehmern oder eine Beteiligung an einem solchen Projekt.

Konkret heißt das: Was die Buchbranche braucht, ist ein E-Reader mit einer integrierten Plattform für Social-Reading-Dienste. Also zum Beispiel ein E-Reader, der von Haus aus oder über eine Art Appstore die Integration der Kommentare und andere Parallellektürefunktionen von zum Beispiel Sobooks und Readmill integriert.

Aus Sicht des E-Reader-Anbieters ließe sich das technisch mit einer allgemeinen Parallellektürefunktionen-API für alle Social-Reading-Plattformen umsetzen. Noch besser (aber noch schwieriger und deswegen für den aktuellen Marktzustand wohl zu zeitaufwendig) wäre ein API-Standard. Konzeptionelle Herausforderungen bezüglich der Urheberrechte und der Abgleichung der Daten und der eventuell notwendigen Querverknüpfung von Diensten und Shops blenden wir hier aus Platzgründen einmal aus.

Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie ein Lock-in dank Social-Reading-Integration bei Amazon verhindert oder zumindest gemindert werden kann.

 

Zum Thema Social Reading allgemein

2008 schrieb ich über die mit E-Books möglich werdende Social-Ebene:
 

All die Möglichkeiten, die jetzt auf öffentlich zugängliche Artikel im Web beschränkt sind, auf Bücher – auf Romane und Sachbücher – auszuweiten, wird uns eine völlig neue Welt offenbaren. Auch wenn es widersinnig und überflüssig erscheint, wie einst delicious, als es die Bühne betrat und man sich fragte, warum zum Teufel man seine Lesezeichen online ablegen sollte, so entsteht mit der Möglichkeit der öffentlichen Annotation eine völlig neue Dimension des gemeinsamen Wissens.

Wenn mir ein Freund ein Buch empfiehlt und ich während des Lesens direkt seine Anmerkungen und die von meinen anderen Freunden mit anzeigen lassen kann, dann bekommt das Lesen und der Austausch über das Gelesene einen Mehrwert gegenüber dem Lesen von bedrucktem Papier.

Denken wir diese Richtung noch einen Schritt weiter.

David Weinberger schreibt in seinem Buch “Das Ende der Schublade” über elektronische Bücher (S. 267):

“Wir werden unsere Bücher dazu auffordern können, die Passagen zu markieren, die von Dichtern, Einser-Schülern, Literaturprofessoren oder buddhistischen Priestern am häufigsten noch einmal gelesen werden.”

Weinberger führt noch weitere Möglichkeiten an: Wenn wir anzeigen und aggregieren können, wo Bücher gelesen werden, können wir automatisch Listen für Bücher für den Strand oder für Reisen zusammenstellen.

Will man das immer? Immer die Metaebene mit dazu sehen und denken? Sicher nicht. Aber die Möglichkeit dazu zu haben, wird irgendwann einfach dazugehören. Ohne die Möglichkeit dazu wird etwas fehlen, sobald es dem Leser in den Sinn kommt, die Freunde auf etwas zu verweisen oder zu schauen, was andere zum letzten Kapitel zu sagen haben.

 
Sobooks deckt bereits einiges von dem ab, über das wir in diesem Bereich seit Jahren sprechen.

Christoph Kappes im Interview mit irights.info:
 

Der eigene Direktverlag ist unser Spielbein, mit dem wir Innovationen voranbringen wollen, wie neue Formate und die Autoren-Leser-Kommunikation. Die „Cobooks“ sind ja so entstanden; die haben wir uns selbst ausgedacht und sind sehr gespannt, ob Autoren diese Idee aufgreifen, eine quasi „mitkaufbare“ Rezension zu schreiben.

[..]

Was passiert mit einem Essay, wenn er online steht und unmittelbar kommentiert wird, wie Zeitungsartikel oder Blog-Beiträge? Hierfür haben wir ein „Sobooks-Lab“ für Autoren und Verlage;sie sollen experimentieren und an der Entwicklung teilhaben. Geplant sind auch Autorenabonnements, so dass Autoren über die Community ihrer Abonnenten neue Ideen entwickeln oder gar unterstützen lassen können.

 
An der ersten (!) Inkarnation der Social-Komponenten von Sobooks gibt es auf den ersten Blick wenig auszusetzen.

Erstaunlicherweise kommen gemeinfreie Bücher auf Sobooks bis jetzt nicht vor. Mitgründer Christoph Kappes bestätigte mir gegenüber, dass man sich durchaus die (dem Sobooks-Prinzip entsprechend selektive) Aufnahme gemeinfreier Bücher in die Sobooks-Plattform vorstellen kann. Mir scheint, dass man darüber aber noch nicht weitergehend nachgedacht hat.

Der Aufwand sollte sich dank der Vorarbeit von Project Gutenberg in Grenzen halten.

Hier liegen für Social-Reading-Plattformen wie Sobooks und Readmill auch Chancen im Bildungssektor. Entsprechende Gruppenfunktionen vorausgesetzt (also nichtöffentlich, auf gruppeninterne Interaktionen beschränkt), könnten Schulklassen etwa online gemeinsam im Unterricht und in kollaborativen Hausaufgaben direkt im Werk von Goethe, Shakespeare oder Schiller arbeiten und diskutieren.

Update: Christoph Kappes hat mich darauf hingewiesen, dass in den Sobooks Labs mit Franz Kafkas “Der Prozess” ein gemeinfreies Buch zu finden ist. /Ende des Updates

 

Fazit

Amazon ist ein globaler Konzern, der seit Jahren seine Gewinne in neue Geschäftsfelder reinvestiert. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man mit Amazon konkurrieren will, besonders, wenn es um einen Markt geht, der von Amazon verhältnismäßig geringe Investitionen verlangt. Die Übernahme von Goodreads mag die Branche erschüttert haben. Die vermuteten 150 Millionen US-Dollar, die Amazon dafür bezahlt haben soll, sind Peanuts für das Unternehmen, bedenkt man die strategische Bedeutung.

Zum Vergleich ein paar Zahlen: Amazon-CEO Jeff Bezos hat persönlich 100 Mio. $ mehr für die Washington Post bezahlt. Amazon hat 2010 etwa für 540 Mio. US-Dollar Diapers.com übernommen. Zappos wurde mit Amazon-Aktien mit einem damaligen Gegenwert von umgerechnet 807 Mio. $ übernommen. Weit über 175 Millionen $ hat Amazon in LivingSocial investiert. Goodreads, die größte Community im Buchbereich: 150 Millionen US-Dollar.

Stellt man dem die Investitionen in Sobooks gegenüber, wird deutlich, dass bei dem deutschen Dienst sehr viel kleinere Brötchen gebacken werden und man sich doch nicht richtig auf den direkten Kampf mit Amazon einlassen will. Christoph Kappes laut Buchreport:
 

Laut Kappes liegt das bisherige Investitionsvolumen im sechsstelligen Bereich, nehme man das Arbeitsvolumen hinzu, sei die Summe siebenstellig.

 
Es ist natürlich nicht grundsätzlich notwendig, Investitionen in der gleichen Höhe wie ein etablierteres Unternehmenzu tätigen, um mit diesem erfolgreich konkurrieren zu können. In diesem speziellen Fall verlangt der Hardwarehintergrund, siehe die Ausführungen zum Medienbruch, allerdings leider eine investitionsintensivere Herangehensweise, als Sobooks (oder etwa auch Readmill) bis jetzt bereit ist zu gehen oder gehen kann. Das lässt sich unter Umständen mit Kooperationen, wie oben beschrieben, abfangen. Aber solang diese nicht kommen, wird der Erfolg beschränkt sein.

Social Reading ist ein spannendes Feld, und Sobooks hat interessante Ansätze geplant. Aber Sobooks fehlt aktuell die Ausstatttung und vielleicht auch der Wille, um langfristig gegen Größen wie Amazon erfolgreich sein zu können.

Ein “Post-Amazon-Konzept” kann man erfolgversprechend nur angehen, wenn man bereit ist, auf der gleichen Ebene wie Amazon zu spielen. Den Eindruck macht Sobooks leider noch nicht.

 
Crosspost von neunetz.com
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