Es begann als ‘Insel der Stabilität’: Zehn Jahre Bundeswehr in Kundus

Fast exakt zehn Jahre, vom Oktober 2003 bis zum Oktober 2013, war die Bundeswehr in Kundus in Nordafghanistan stationiert. Nun ist der Abzug fast beendet.

Was als ISAF-Insel in einer der damals ruhigsten Regionen am Hindukusch begann, wurde für die Deutschen zum Sinnbild Afghanistans – und kennzeichnete für die Bundeswehr die Entwicklung von einer Stabilisierungsmission zu einem Kriegseinsatz. Ein kurzer, naturgemäß (weil auch viel aus meiner subjektiven Erinnerung) unvollständiger Rückblick.
 

Bundeswehr-Standort Kundus, Foto: © Thomas Wiegold

Im Bundeswehr-Standort Kundus, Foto: © Thomas Wiegold

 
Anfang Mai 2003, irgendwo über dem Atlantik, kam Friedrich-Wilhelm Ploeger im Bundeswehr-Airbus zu den Journalisten im hinteren Teil der Regierungsmaschine. Der damalige Stabsabteilungsleiter Militärpolitik (StAL FüS III) hatte Verteidigungsminister Peter Struck bei seinen Gesprächen mit dem US-Kollegen Donald Rumsfeld in Washington begleitet. Keine einfachen Gespräche, die ersten der beiden Minister seit dem wenige Wochen zuvor begonnenen Angriff der USA auf den Irak – an dem sich Deutschland ausdrücklich nicht beteiligte, wie Kanzler Gerhard Schröder schon im vorangegangenen Wahlkampf angekündigt hatte.

Was den Irak anging, hatte Struck seinem Kollegen keine neue Position mitzuteilen. Doch nach diesem Treffen nahm eine Idee Fahrt auf: Die internationale Afghanistan-Mission ISAF, bislang auf die Hauptstadt Kabul beschränkt, sollte schrittweise auf das ganze Land ausgedehnt werden. Beginnend im ruhigen Norden, dann entgegen dem Uhrzeigersinn über den Westen und weiter in die Taliban-Hochburgen im  Süden bis in den Osten.

Kernzellen der Ausweitung sollten Einrichtungen werden, von denen wir Journalisten bei dem Gespräch mit Ploeger zum ersten Mal hörten: So genannte Provincial Reconstruction Teams (PRT), kleine Außenposten, die nicht allein militärische Basen waren, sondern auch die Entwicklung in den Provinzen vorantreiben sollten. Einige solcher PRTs betrieben die USA bereits, ein paar auch die Briten und die Neuseeländer. Für die Bundeswehr, das zeichnete sich damals ab, könnte es bald zu einem Marschbefehl in ein solches PRT außerhalb von Kabul kommen. Für die Deutschen wie für alle ISAF-Nationen auch ein Ausdruck dessen, was über die Folgejahre als Economy of Forces zur Standardprozedur werden sollte: der Versuch, mit einem vergleichsweise geringen Kräfteansatz ein ganzes Land zu stabilisieren.

Grundsätzlich hatte Struck bei dem Treffen am 5. Mai Rumsfeld bereits zugesagt, dass die Deutschen zur Ausweitung ihres Engagements bereit seien: Don, wir machen das. Dabei spielte sicherlich auch eine Rolle, dass die Bundesregierung es als Gegengewicht zur Nicht-Beteiligung am Irakkrieg aussehen lassen konnte. Die Details der Ausweitung blieben allerdings vorerst offen. Nicht zuletzt, weil für einen ISAF-Auftrag über Kabul hinaus zunächst kein UN-Mandat und schon gar kein Mandat des Bundestages vorlag.

In den folgenden Monaten wurde nach einem Ort gesucht, an dem die Bundeswehr mit der Arbeit außerhalb der afghanischen Hauptstadt beginnen konnte – genauer: nicht allein die Bundeswehr. Die PRTs sollten ja ausdrücklich nicht allein militärische Außenposten sein, sondern die zivile Komponente von vorherein mit einbeziehen: Auswärtiges Amt und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mussten mit ins Boot geholt, ein passender Ort identifiziert werden.

Von Kundus weit oben im Norden Afghanistans redete da in Deutschland zunächst niemand. Das Verteidigungsministerium favorisierte Herat im Westen oder, noch besser, Charikar, 70 Kilometer nördlich von Kabul. Ghazni im Osten, ebenfalls zunächst genannt, schied nach Warnungen der Nachrichtendienste schnell aus.

Und dann doch Kundus – offensichtlich, so hieß es damals in Berlin, weil sich das Kanzleramt nach einem Gespräch von Kanzler Schröder mit US-Außenminister Colin Powell für den Provinzort im Norden stark machte, Heimatregion des damaligen afghanischen Verteidigungsministers Fahim. Dessen Kalkül: Die Bundeswehr in dieser Gegend bringt nicht nur ein wenig ISAF-Sicherheit mit, sondern auch einiges an Geld für den Wiederaufbau.

Das Verteidigungsministerium beugt sich dem Wunsch aus dem Kanzleramt. Zugleich werden im Sommer 2003 die Voraussetzungen für die Ausweitung des Einsatzes auf andere Teile Afghanistans auf den Weg gebracht- und für die Übernahme des ISAF-Kommandos durch die NATO, der erste Einsatz des Bündnisses außerhalb Europas.

Die Ausweistung steht für Deutschland unter schlechten Vorzeichen: Am 7. Juni greift ein Selbstmordattentäter in Kabul einen Bus an, der Bundeswehrsoldaten zum Heimflug an den Flughafen bringen soll. Vier Soldaten fallen. Dennoch billigt das Parlament am 24. Oktober die Ausweitung des Mandats, nachdem zuvor schon der UN-Sicherheitsrat die ISAF-Mission auf das ganze Land ausgedehnt hatte. Am 25. Oktober trafen die ersten 27 Bundeswehrsoldaten in Kundus ein.

 

Der Anfang: Schiebold Khan und das erste PRT

Als die Deutschen anrückten, gab es in Kundus bereits ein Provincial Reconstruction Team. Mitten in der Stadt gelegen, wurde es von einer halben Hundertschaft US-Soldaten gehalten, bei denen sich die Bundeswehr zunächst einquartierte. Ihr erster Kommandeur, Oberst Kurt Schiebold, kümmerte sich allerdings nicht nur um die Stadt und um die nähere Umgebung – sondern versuchte auch, möglichst viel über das ISAF-Neuland bis hoch zur Grenze zu Tadschikistan zu erfahren. Von seinen Erkenntnissen berichtete der Oberst, schnell Schiebold Khan genannt, auch in Brüssel. Bis hin zu der Beobachtung, dass an der afghanisch-tadschikischen Grenze der Drogenschmuggel florierte: Lastwagen würden rückwärts an die Grenze gefahren, wo von der anderen Seite ein Lkw der russischen Grenztruppen in der ehemaligen Sowjetrepublik die Fracht übernahm.

Offiziell übernahmen die Deutschen am 30. Dezember 2004 die Führung des PRT-Projekts ISAF-Insel Kundus. Und damit auch die Liegenschaft, in der sich die US-Soldaten eingerichtet hatten: Mitten in der Stadt gelegen, angrenzend an Gehöfte, bewacht von der Privatarmee Fahims, vom Flugplatz am Rand der Stadt durch die Fahrt über teilweise verstopfte Straßen entfernt. Eine Mausefalle, schimpfte ein Berater von Verteidigungsminister Struck bei dessen erstem Besuch Ende Januar 2004.

Zwar überragte ein Wachtturm das Gelände, doch die Bundeswehr nahm Rücksicht: An einer Seite war eine Sichtblende angebracht. Damit sollte den Soldaten der Blick auf das Nachbargrundstück verwehrt werden – wo die Ehefrauen des Hausherrn sich im Garten ergingen und, streng islamisch, vor den Blicken fremder Männer geschützt werden sollten. Eine Rücksichtnahme, die ebenso wie die Benutzung ungepanzerter, angemieteter Geländewagen in den kommenden Jahren nur noch eine vage Erinnerung sein sollte.

Der Eingangsbereich und die Wache dieses ersten PRT waren ebenfalls nur landestypisch (mit Ausnahme des Vehicle/Weapons Dress Code).

Bei diesem Besuch des Verteidigungsministers war auch der damalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei dabei. Aus seinem Bericht Delegationsbesuch der „ISAF-Insel“ PRT Kunduz am 31. Januar 2004:
 

Das PRT Kunduz ist ein Pilotprojekt – als integrierte Einrichtung der Bundesregierung, der vier Ressorts AA, BMVg, BMZ und BMI, sowie als erstes PRT der NATO für die vier Nordost-Provinzen Kunduz, Baghlan, Takhar und Badakhshan. Hier liegt das Kernland der ehemaligen Nordallianz. Auf deutsche Initiative hin untersteht das von den US-Streitkräften übernommene PRT Kunduz (damals 40 Personen) dem ISAF-Kommando und fällt damit unter das ISAF-Mandat des VN-Sicherheitsrates.

 
Obwohl die Sicherheitslage damals noch vergleichsweise ruhig war, begannen recht schnell die Planungen für ein neues PRT – außerhalb der Stadt, besser zu schützen, nahe am Flughafen und damit für Verstärkung leichter erreichbar. Mit dem Bau wurden örtliche Firmen beauftragt, und im neuen Camp wurden Häuser mit Atrium errichtet: Zwar auch gegen Angriffe zum Beispiel mit Mörsergranaten geschützt, aber für eine Militäreinrichtung untypisch. Recht bald, in zwei, drei Jahren, so war die damalige Hoffnung, sollte das Gelände nach Ende des Einsatzes an zivile Nutzer in Kundus übergeben werden: Als Hochschule vielleicht, oder als Messegelände. Diese Hoffnung, noch bei Übernahme 2006 immer wieder geäußert, sollte sich bis zum Schluss nicht erfüllen.

 

Die Einschläge kommen näher

Der Norden Afghanistans bleibt zunächst weitgehend friedlich. Die deutschen Soldaten in Kundus müssen sich anhören, sie seien auf Erholungsurlaub in Bad Kundus; nach dem Umzug ins neue Feldlager tragen die begrünten Innenhöfe zu dem Bild einer Idylle bei.

Dazu passt, dass die ersten deutschen Gefallenen im Norden zunächst gar nicht als solche wahrgenommen werden. Am 25. Juni 2005 explodiert in Rustak, Provinz Kundus, alte Munition bei der Verladung zum Abtransport. Oberfeldwebel Christian Schlotterhose und Hauptfeldwebel Andreas Heine kommen dabei ums Leben, drei Weitere werden verletzt. Die Bundeswehr stuft den Vorfall lange Zeit als Unfall ein, erst viel später wird klar, dass die Soldaten Opfer eines Anschlags wurden. (In der derzeitigen Fassung der offiziellen Afghanistan-Chronologie der Bundeswehr läuft es weiterhin als Unfall.)

Doch die Einschläge kommen näher. Mit Beginn der Kampfsaison im Frühjahr 2006 mehren sich die Angriffe auf deutsche Patrouillen rund um Kundus – so besorgniserregend, dass Verteidigungsminister Franz Josef Jung anordnet, nur noch mit geschützten Fahrzeugen das Lager zu verlassen. Zuvor hatten Aufständische aus den Konvois gezielt die nicht gepanzerten Fahrzeuge herausgesprengt. Im Laufe dieses Jahres erleben die Deutschen alle Arten von Angriffen, von Selbstmordattentätern über selbstgebaute Sprengfallen (Improvised Explosive Devices, IED) bis zum Feuerüberfall mit Handfeuerwaffen und Panzerfäusten, so genannten Rocket Propelled Grenades (RPG).

Im Mai 2007 kommt es zum bis dahin folgenschwersten Anschlag auf die Bundeswehr in Kunduz. Drei Soldaten, als Verwaltungsfachleute im Camp im Einsatz, werden bei Einkäufen in der Innenstadt von Kundus Opfer eines Selbstmordattentäters. Hauptmann Matthias Standfuß, Hauptfeldwebel Michael Diebel und Oberfeldwebel Michael Neumann fallen, fünf Soldaten werden verwundet, sieben afghanische Zivilisten kommen ums Leben.

In jenem Jahr beginnen auch die Raketenangriffe auf das PRT. Ungelenkte 107mm-Raketen, oft mit Zeitzünder, werden auf das deutsche Feldlager abgefeuert. Die Gegend, in der die Abschussorte festgestellt werden (auch wenn kein Täter gestellt werden kann), tragen bald den Namen Raketendörfer.

Die Mischung aus Raketenangriffen auf das PRT, Selbstmordanschlägen und IED-Angriffen, allerdings kaum Feuerüberfällen, setzt sich auch 2008 fort. Südlich von Kundus greift am 6. August  ein Selbstmordattentäter auf einem Motorrad deutsche Soldaten an, der dabei verwundete Stabsgefreite Patric Sauer erliegt mehr als ein Jahr später, im Oktober 2009, seinen Verletzungen.

Dass auch die Jung-Direktive, das Camp nur in geschützten Fahrzeugen zu verlassen, nicht wirklich hilft, zeigt sich am 27. August 2008. An einer Furt über den Kundus-Fluss fährt ein Wolf MSS der Fallschirmjäger, ein aufgrund seiner Bodenplatte als geschützt eingestuftes, aber oben offenes Fahrzeug, auf eine Sprengfalle. Dabei fällt Hauptfeldwebel Mischa Meier; nach ihm wird später eine Brücke benannt, die über den Fluss führt.

Am Tag nach der Trauerfeier für Meier, am Abend des 28. August, kommt es an einem Checkpoint zu einem schweren Zwischenfall: Als ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit auf den Kontrollposten zufährt, wird er mit Schüssen aus einem Maschinengewehr gestoppt; im Kugelhagel sterben eine Afghanin und ihre zwei Kinder. Da der Checkpoint gemeinsam von Bundeswehr und afghanischer Polizei betrieben wurde, blieb zunächst unklar, wer für die Schüsse verantwortlich war; später stellt sich heraus, dass ein deutscher Soldat auf einem Dingo geschossen hat. Gegen ihn wird strafrechtlich ermittelt. Am Ende bleibt kein Vorwurf gegen den Soldaten; die lange Ermittlungsdauer von einem Dreivierteljahr führt allerdings Jahre später dazu, dass solche Fälle im Auslandseinsatz zentral von der Staatsanwaltschaft Kempten im Allgäu übernommen werden.

Im Oktober fallen südwestlich von Kundus erneut zwei deutsche Soldaten durch einen Selbstmordanschlag: Stabsunteroffizier Patrick Behlke und Stabsgefreiter Roman Schmidt.

 

Krieg in Kundus, aber keiner darf es sagen

Das Folgejahr, 2009, markiert dann eindeutig  den Übergang zu kriegsähnlichen Verhältnissen in Afghanistan. Die Liste der Zwischenfälle, von denen deutsche Soldaten am Hindukusch betroffen sind, ist so lang wie in keinem Jahr zuvor. Und immer mehr werden Feuergefechte aufgelistet, nicht mehr nur Anschläge mit Selbstmordattentätern und IEDs.

Dabei fällt Ende April der Hauptgefreite Sergej Motz, als nordwestlich von Kundus eine RPG-Granate ihn in einem Transportpanzer Fuchs trifft – das Geschoss tötet Motz, explodiert aber nicht. Die übrigen Soldaten im Fuchs überleben. Zwei Monate später sterben der Obergefreite Oleg Meiling, Hauptgefreiter Martin Brunn und Hauptgefreiter Alexander Schleiernick, als ihr Fuchs während eines Feuergefechts nahe Kundus in einen Bewässerungsgraben stürzt. Bei diesem Gefecht, so heißt es viel später und nie aus offiziellen Quellen, wurde auch Luftunterstützung angefordert; dabei seien Bomben auf Aufständische abgeworfen worden.

Was solche Luftunterstützung bedeutet, und dass in Afghanistan, im deutschen Verantwortungsbereich, faktisch Krieg herrscht, nimmt die deutsche Öffentlichkeit Anfang September erstmals richtig wahr. Wenige Kilometer vom deutschen Camp entfernt greifen  am 4. September 2009 US-Jagdbomber auf Befehl des deutschen PRT-Kommandeurs, Oberst Georg Klein, zwei auf einer Sandbank im Kundus-Fluss feststeckende Tanklaster an. Kleins Befürchtung war, die Fahrzeuge mit ihrer explosiven Fracht könnten als rollende Bomben gegen das PRT eingesetzt werden.

Bei dem Luftangriff kommt eine unbekannte Zahl von Zivilisten ums Leben, die aus den Lastern Benzin abzapfen wollten. Der Vorfall rückt den Krieg am Hindukusch ins öffentliche Bewusstsein in Deutschland; angesichts der zivilen Opfer führt der Luftangriff zu einer heftigen Debatte. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages untersucht den Vorfall, in der Folge verlieren wegen des Umgangs mit den Erkenntnissen über diesen Angriff Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und der damalige Verteidigungsminister Jung ihre Posten.

 

2010: Das Karfreitagsgefecht

Der Krieg rund um Kundus findet 2010 weitgehend vor der Haustür des PRT statt: Wenige Kilometer westlich, im Bezirk Char Darrah. Kundus und die strategisch wichtigen Punkte Höhe 431 und Höhe 432 sind die Orte, die für Deutschland den Einsatz in Afghanistan markieren – auch wenn die Auseinandersetzungen, Gefechte und Anschläge in dieser Region erheblich weniger sind als die Auseinandersetzungen im amerikanischen oder britischen Bereich im Süden und Osten des Landes.

Der Kampf zur Vertreibung der Aufständischen aus Char Darrah kulminiert für die Bundeswehr am Karfreitag 2010. In der Ortschaft Isa Khel geraten deutsche Soldaten in einen Hinterhalt; es folgt ein stundenlanges Gefecht. Mehr als 25.000 Schuss geben die Deutschen während dieses Gefechts ab. In dem Schusswechsel fallen Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Kadir Augustyniak. Mehrere Soldaten werden teils schwer verwundet.

Für die Aufständischen ist das Karfreitagsgefecht ein Propagandaerfolg – nicht nur wegen der deutschen Gefallenen. Die Bundeswehr muss einen angesprengten und fahrunfähigen Dingo zurücklassen. Zwar hatten die Soldaten ihn zuvor noch gesprengt, damit kein wichtiges Material in die Hand des Gegners fällt. Doch die Aufständischen posieren für die internationale Presse vor dem brennenden Fahrzeug. Das Bild läuft weltweit.

Monate später gelingt es der Bundeswehr, bei weiteren Gefechten in Char Darrah die Aufständischen zurückzudrängen – und die Reste des gesprengten Dingo zu bergen. (Über die Gefechte berichtet der ehemalige Fallschirmjäger Johannes Clair in seinem Buch Vier Tage im November.) Im Gegensatz zu dem Erfolgsbild der Aufständischen vor dem brennenden Fahrzeug bleibt dieses Bild jedoch lange Zeit unter Verschluss.

Nach einem Jahr voller Gefechte rund um Kundus zeichnete sich so etwas wie Erfolg ab: Vor allem in Char Darrah schienen die Taliban zurückgedrängt – und die Bundeswehr sah sich sogar in der Lage, die Höhe 431 an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben.

Dabei spielte vielleicht auch eine Rolle, dass die Bundeswehr mittlerweile schwere Artillerie in Kundus stationiert hatte: Eine Panzerhaubitze 2000, die mit ihren Geschossen weit um das Camp herum zuschlagen konnte. Zuvor war der Wunsch der Truppe nach dieser Waffe stets abgelehnt worden – weil das das Gesicht des Einsatzes verändert hätte. Allerdings war auch zuvor nie vom Krieg in Kundus die Rede gewesen. Erst Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg setzte in der deutschen Politik durch, dass man bei den Vorfällen in Afghanistan auch von Krieg sprechen könne.

Die Gefechte und Auseinandersetzungen rund um Kundus gehen allerdings bis ins Jahr 2011 hinein weiter. Auf der Route Cherry im Distrikt Char Darrah fällt im Mai bei einem IED-Anschlag Hauptmann Markus Matthes. Er ist im Umfeld des PRT Kundus der vorerst letzte deutsche Gefallene – bis zum Mai 2013. Doch zunächst scheint es sich im Bereich des PRT zu beruhigen: Mehr Anschläge und Gefechte, von denen Bundeswehrsoldaten betroffen sind, werden weiter südlich aus der Provinz Baghlan gemeldet.

 

FOB Kundus: Mehr als ein PRT

Während all dieser Zeit wuchs das Feldlager Kundus ständig. Nicht nur wegen der immer höheren Zahl deutscher Soldaten: Sowohl die USA stationierten Soldaten in Kundus, die Niederländer starteten nach ihrem Abzug aus der afghanischen Provinz Uruzgan dort eine Polizeiausbildungsmission. Für die Deutschen war besonders wichtig, dass die USA in Kundus auch Rettungshubschrauber bereithielten: Die MedEvac-Blackhawks vergrößerten den Aktionsradius auch der Bundeswehr deutlich.

Gleichzeitig wurde aus dem einst als mögliche spätere Hochschule Kundus bebauten Gelände immer mehr die typische ISAF-Festung in Afghanistan. Mit Splitterschutzwällen aus Hescoe-Schüttgutkörben (siehe Foto ganz oben), mit einer Straßenbeleuchtung, die zwar installiert, aber aus Sicherheitsgründen nie angeschlossen wurde. Mit Hubschrauberlandeplatz im Camp, der gerne genutzt wurde, um hochrangigen Gästen die 600 Meter gefährdeten Weg vom Flugplatz zum PRT zu ersparen. Und mit einem Verwaltungsapparat, wie er für eine Einsatzliegenschaft mit mehreren tausend Menschen erforderlich ist.

 

Kurz vor dem Abzug: Die Rückkehr der Taliban?

Der Ort, der für viele Deutsche das Synonym für den Einsatz in Afghanistan ist, fällt nun an die afghanischen Sicherheitskräfte – eine Entwicklung, die seit Ende vergangenen Jahres klar ist. Da die Afghanen zunehmend selbst ihre Sicherheit organisieren sollen, zudem Deutschland wie alle ISAF-Länder seine Truppen am Hindukusch reduziert, war das absehbar. Aus der Mitteilung des Verteidigungsministeriums vom November 2012:
 

Im nächsten Jahr wird die Bundeswehr in Afghanistan den OP North und ihre Einsatzliegenschaft in Kundus schließen.

Die Sicherheitslage im Regionalkommando Nord in Afghanistan hat sich 2012, nicht zuletzt durch den zahlenmäßigen Aufwuchs und die verbesserten Fähigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte, positiv entwickelt. Die weitere Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte wird aber auch im neuen Mandatszeitraum 2013/2014 Schwerpunkt des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan sein.
(…)
Das erlaubt die zunehmende Verlegung deutscher Kräfte aus der Fläche und ermöglicht dadurch die aufeinander abgestimmte Schließung von Einsatzliegenschaften in Nordafghanistan. Deshalb können in 2013 zunächst der Observation Post (OP) North und danach die deutsche Einsatzliegenschaft in Kundus geräumt und übergeben werden.

 
Der Fahrplan lag damit fest, schon aus logistischen Gründen. Allerdings: Aus einem, wie man vielleicht nach zehn Jahren hoffen sollte, befriedeten Umfeld zog die Truppe nicht ab. Eher im Gegenteil: In den vergangenen Wochen häuften sich erneute Anschläge – gerade im Bezirk Char Darrah im Westen, den man doch als von Aufständischen frei gekämpft angesehen hatte. Und noch im September hatte die Bundeswehr auf Bitten der Afghanen einen Luftangriff angefordert – auf Taliban nahe einem umkämpften Außenposten, wenige Kilometer westlich des deutschen Feldlagers.

Eingepackt ist trotzdem; in den nächsten Tagen werden dann die letzten Reste deutscher Präsenz in Kundus abgeräumt. Zum Beispiel der Ehrenhain mit den Plaketten zur Erinnerung an die Gefallenen der Bundeswehr in dieser Region. Die letzte dieser Plaketten erinnert an einen Soldaten des Kommandos Spezialkräfte, der am 4. Mai weiter südlich, in der Provinz Baghlan, ums Leben gekommen war. Sie trägt nur seinen Vornamen: Daniel.

 
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