Mercedes Bunz: „Der Zugang zu Wissen ist das Entscheidende“

Ähnlich wie die Maschinen einst die Tätigkeit der Arbeiter veränderten, transformieren nun die Algorithmen den professionellen Alltag.

Die digitale Revolution verändert unsere Gesellschaft so sehr, wie es durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert geschah, sagt Mercedes Bunz. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin gründete 1997 mit Freunden DE:BUG, das Magazin für elektronische Lebensaspekte und war 2006 Chefredakteurin der Berliner Stadtillustrierten zitty, bevor sie 2007 die Online-Redaktion des Tagesspiegels leitete. Ab 2009 schrieb sie unter anderem zwei Jahre als Technologie-Reporterin für The Guardian.

Mercedes Bunz, Foto: © Thomas Lohr

Mercedes Bunz, Foto: © Thomas Lohr

Die 41-Jährige lebt in London und ist Autorin des Buches „Die stille Revolution – Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen“ (Suhrkamp Verlag). Darin erörtert sie, welche gesellschaftliche Kraft die Digitalisierung entfaltet und wie sie verändert, was und wie wir wissen. Die Logik der Technik erläuterte sie auch in einem Debatten-Beitrag für die FAZ. Bunz leitet das Hybrid Publishing Lab an der Leuphana-Universität in Lüneburg und wird im Rahmen der Frankfurter Buchmesse auf dem Kongress CONTEC über Open Access in der Wissenschaft sprechen.

Kurz bevor sie in die British Library in London ging, sprachen wir mit ihr über die Bedeutung von Zugang zu Wissen und darüber, wie die Digitalisierung der Welt unser Leben auf allen Ebenen beeinflusst.

Frau Bunz, Sie sagen in Ihrem Buch, dass das Wissen automatisiert wird. An der Northwestern University in den USA entwickelten Studenten die Software StatsMonkey, bei der ein Algorithmus Sportreportagen verfasst. Werde ich Sie in Zukunft vielleicht gar nicht mehr selbst interviewen, sondern ein Programm Fragen entwickeln lassen, die eine Software von Ihnen beantwortet?

So ein Programm ist sicher denkbar, Sie haben ja ein ähnliches Beispiel genannt. Ob man solche Algorithmen einsetzt, und wo, bleibt aber eine persönliche Entscheidung. Bislang haben einige vielbeschäftigte Politiker für Reden ja schon Ghostwriter – aber das sind bisher meistens Menschen. Im Prinzip könnte ich mir für die Beantwortung Ihrer Fragen sicher aber von meinen Freunden einen Algorithmus programmieren lassen. Auf jeden Fall würde ich am Ende noch mal über das Interview drüberlesen.

Bedeutet dies nicht das Ende unseres Berufes?

Meines Erachtens hat diese Automatisierung keine große Auswirkung für Journalisten. In Bezug auf Sprache gelangen Computerprogramme schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Viele von uns kennen das Problem: Benutzen wir im Urlaub „Google Translate“, merken wir schnell, dass die automatische Übersetzung bei einem gewissen Niveau aufhört. Richtig ist aber, dass eine gewisse Automatisierung auf uns zukommt. Die ist vielleicht aber sogar hilfreich: Wir leben inzwischen ja in einer Welt, in der die Texte in solchen rauen Mengen vorliegen, dass sie für Menschen gar nicht mehr durchlesbar sind. Und mit Hilfe von Suchmaschinen werden sie immerhin durchgescannt.

Aber der Journalist wird dadurch nicht überflüssig, im Gegenteil. Auf ihn kommt noch eine neue Aufgabe zu. Denn es muss ja jemand kontrollieren: Wie funktionieren und filtern die Algorithmen? Was passiert da eigentlich? Informationswissen ist ja nach wie vor: Macht. Eine Aufgabe von Journalisten ist es deshalb, Technologien kritisch abzuklopfen und zu beobachten. Der NSA-Skandal ist so ein Fall, wo Journalisten mit der Hilfe eines Programmierers, nämlich Edward Snowden, die Welt darauf aufmerksam gemacht haben: „Achtung, der US-Geheimdienst hört Euch mittels Algorithmen ab.“

Als Leiterin des Hybrid Publishing Labs an der Leuphana Universität beschäftigen Sie sich auch mit Open Access in der Wissenschaft. Welche Entwicklungen gibt es dort?

Der Bereich ist tatsächlich spannend, stellt er doch die Frage: Inwieweit müssen wir Digitalität als eine neue Version des öffentlichen Raumes begreifen? Das wurde meines Erachtens bisher zu wenig diskutiert. Open Access ist hier eine Möglichkeit zu sagen, dass eine vom Staat finanzierte Wissenschaft eigentlich allen offen zur Verfügung stehen sollte. Und dies ist eine sehr interessante Bewegung, die man eigentlich noch mal weiter denken muss. Also, sind nicht viele Seiten des Internets auch als ein öffentlicher Raum zu begreifen? Dieser Raum braucht klare Grenzen in Bezug auf die Privatsphäre, aber birgt auch neue Chancen. Dafür müssen wir uns aber der Aufgabe stellen, wie wir diesen öffentlichen Raum gestalten. Er wird bisher allerdings noch zu wenig geformt oder ausgestaltet.

Würden Sie sagen, dass der Zugang zu Wissen ein entscheidender Faktor in der Zukunft ist?

Absolut. An der Leuphana Universität ist mir bei der Arbeit unseres Forschungsteams klar geworden, was der Unterschied zwischen Wissen und dem Zugang zu Wissen bedeutet. Immer öfter ist es heute nämlich so, dass Wissenschaftler mit Wissen arbeiten, anstelle es zu besitzen. Damit meine ich Folgendes: Erst wenn wir an einer bestimmten Aufgabe sitzen, rufen wir Wissen tatsächlich ab. Anders gesagt: Wir arbeiten heute viel öfter mit passivem Wissen, das wir im Fall des Falles aktivieren.

Gerade deswegen ist es so wichtig, dass Wissen zugänglich ist – der Zugang ist das eigentlich Entscheidende. Und es ist ein großer Unterschied, ob das Wissen digital offen vorliegt, oder ob es irgendwo hinter Schranken verborgen ist. Was die digitale Universitäts-Landschaft angeht, tut sich da gerade sehr viel. Ein interessantes Start-up ist etwa Academia.edu. Bei diesem Online-Netzwerk kann jeder seine eigenen Texte hochladen.

Welche weiteren spannenden Start-ups gibt es derzeit im Publishing?

Sourcefabric ist neben Researchgate oder Mendeley, die Akademikern beim Austausch von Literatur und Recherchen helfen, sehr interessant. Die Firma mit Sitz in Berlin und Prag ist eine NGO. Sie hat eine Software namens Booktype entwickelt, die einem beim Bücher schreiben und veröffentlichen assistiert.

Wie unterschiedlich betrachten die Journalismusbranche und die Buchverlage eigentlich die Digitalisierung?

Während sie im journalistischen Bereich sehr ablehnend und vorsichtig aufgenommen wurde, war das im Buch-Verlagsbereich spannenderweise überhaupt nicht so. Das liegt natürlich auch daran, dass Tablet-Computer, auf denen viel gelesen wird, gerade in den Verkäufen dabei sind, die PCs zu überholen – 2017 soll das der Fall sein. Deswegen interessieren sich Verlage besonders für Start-ups, die neue Leseformen entwickeln – wie zum Beispiel Readmill.

Wie würden Sie Ihre geistige digitale Heimat beschreiben?

Die Frage ist in meinen Augen schwierig zu beantworten, denn digitale und reale Welt haben sich schon untrennbar miteinander verwoben. Man würde ja auch nicht mehr in einer Welt ohne Elektrizität leben wollen. Mein Bankkonto und mein Blog sind digital, ich schreibe digital, ich buche online meine Züge, schreibe meinem Mann eine E-Mail, wenn er weg ist, und mache von uns im Urlaub digitale Fotos. Allerdings ist davon eine Menge nur für mich zugänglich.

Ziehen Sie dennoch Grenzen?

Sicherlich. Eine Frage ist etwa: Will ich meine E-Mails wirklich schon im Bett abrufen, nur weil ich das Mobiltelefon als Wecker mit E-Mail-Zugang gerade in der Hand habe? Hat das nicht noch Zeit bis nach dem ersten Kaffee? Man muss da auch ein bisschen an sich selber arbeiten, sein Verhalten bewusster steuern und feststellen, wo es einem zu viel wird. Wir sind ja selbst verantwortlich dafür, ein Programm aufzumachen und zu entscheiden, ob wir das wollen oder nicht.

Apropos, wir erwischen Sie gerade auf dem Weg zur Londoner British Library. Was führt Sie in diese Old-School-Welt?

Ich muss in den kommenden Tagen das Manuskript für die englische Fassung von „Die stille Revolution“ abgeben. In der Bibliothek werde ich nach einem alten Buch von Gottfried Wilhelm Leibniz recherchieren. Außerdem arbeite ich unglaublich gerne in der Bibliothek, auch, um meine Ruhe zu haben. Mobiltelefone sind im Leseraum der British Library natürlich verboten. Und das Wireless-Internet ist dort so schleppend, dass man es nicht benutzen will. Die Bibliothek ist damit eine schöne Konzentrationsmaschine; in gewisser Weise werden ihre Lesesäle zu neuen Kathedralen.
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Der Artikel erschien ursprünglich im Buchmesse Blog unter dem Schwerpunkt „Start-ups und ihre digitale Heimat“. Gemeinsam mit den Partnern vocer.org und der Axel Springer Akademie werden dort Start-ups aus dem Publishing vorgestellt.