Impotente Medien

| 27.09.2013 | 7 Kommentare

Das Medium, das alle erreicht, gibt es nicht mehr, die Fäden zwischen Netzaktivisten und klassischen Medien sind nur lose. Das macht Debatten nicht einfacher.

Das starke Abschneiden der CDU/CSU in der Bundestagswahl, die nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt ist, wird an einigen Stellen auch als Versagen der Netzaktivistenszene gelesen, die die Bevölkerung nicht erreicht hat. Immerhin hat ausgerechnet die Partei ein für sie historisch gutes Ergebnis eingefahren, die seit Monaten den größten Überwachungsskandal der Menschheitsgeschichte verschleiert.

Es gibt ein Versagen, dieses Thema und seine weitreichenden Folgen der Bevölkerung nahezubringen. Aber es geht weit über die Aktivistenszene hinaus. Seit Monaten schreiben die deutschen Massenmedien von FAZ über Spiegel bis Süddeutsche über dieses Thema. Sie haben sich zum Teil erstaunlich festgebissen. Das ist erfreulich. Aber das Wahlergebnis zeigt uns eine düstere Wahrheit, die kaum jemand in der Presse wahrhaben will:

Die deutsche Printpresse hat anscheinend keinerlei Einfluss auf die Meinungsbildung in der Gesamtbevölkerung. Nicht nur das: Sie scheint auch nicht im Stande, die Stimmung der Bevölkerung erfassen und wiederzugeben können. Ganz zu schweigen davon, die Bevölkerung da abzuholen, wo sie ist.

Wie ist es sonst zu erklären, dass trotz der Berichterstattung über einen Skandal, der kaum näher an der deutschen datenschützerischen Seele sein könnte, diese Berichterstattung, die offen gegen das Verhalten der amtierenden Regierung anschreibt, dieser die amtierende Partei nicht einen Prozentpunkt kostet? Nicht Rückgang, nicht einmal Stillstand. Zuwachs. Ein historisches Ergebnis. Kurz vor der absoluten Mehrheit. Trotz des konstant medial präsenten Skandals. Und alle sind überrascht.

Was für ein Armutszeugnis für die deutschen Massenmedien.

Man kann sich nun streiten, woran das lag. Gründe gibt es reichlich. Meine Vermutung ist, dass es unter anderem auch an der Datenträgernostalgie der Journalisten liegt.

Während die Auflagen der Tageszeitungen rückläufig sind, sind ihre Inhalte online seit Jahren nur bruchstückhaft vertreten. Immer mehr Menschen lesen für ihren Nachrichtenbedarf1 nicht mehr Zeitung. Immer mehr Menschen konsumieren ihre Nachrichten online. Die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 30 sind, dürfte gegen Null gehen. Selbst die Zahl der Zeitungsabonnenten, die unter 40 sind, dürfte tendenziell fallen.

Eigentlich ist es nicht so schlimm und vollkommen normal, dass Leitmedien wie die FAZ oder die Süddeutsche nicht direkt die Mehrheit der Bevölkerung erreichen. Sie informieren die Eliten und leben auch von der Wahrnehmung, von Eliten für Eliten zu sein – “Was ich hier lese, liest jeder wichtige Mensch im Lande ebenfalls”. Und sie erreichen die Multiplikatoren, diejenigen, die in ihren Bekanntenkreisen als besonders belesen und kundig gelten.

Wenn ich mich als gebildeter Bürger ausführlich über das Weltgeschehen informieren möchte, kann ich zwischen diversen Tageszeitungen wählen. Als Papier der einzige Datenträger für journalistische Texte war, war das kein Problem. Heute ist das Papier selbst das Problem. Heute ist das Festhalten am Papier ein Problem, weil mein Medienverhalten nicht mehr mit dem Datenträger kompatibel ist.

Das führt zu einer größer werdenden Spaltung der Diskurse, weil die Durchmischung in der Bevölkerung zurückgeht, was den Konsum angeht. Wer heute eine Tageszeitung abonniert, hat nicht nur Interesse am Weltgeschehen, sondern auch ein Faible für das alte Papierformat. Für alle anderen bleiben die verkrüppelten Onlineausgaben und die unbenutzbaren Apps.

Seit längerem vermute und befürchte ich eine größer werdende Diskrepanz zwischen den Medien und denen, die sie erreichen wollen und sollten. Langsam aber sicher scheinen wir zu spüren, was diese datenträgergetriebene Diskrepanz bedeutet.

Man konnte das seit Jahren auch an harten Zahlen beobachten. Während die New York Times über Jahre in den USA die reichweitenstärkste Nachrichtensite war, ist es hierzulande, im vermeintlichen Land der Dichter und Denker, Bild Online.

Auch wenn die hiesigen Massenmedien begonnen haben, sich mit dem Web anzufreunden, weil es doch nicht weggehen will und die Haptik des Papiers doch nicht das Killerargument schlechthin war, scheint der Schaden zumindest mittelfristig angerichtet. Der Datenträgerwechsel im Medienkonsum hat einen tiefen Graben geschaffen, der zu einer stärker werdenden Zersplitterung der Öffentlichkeit führt – nur eben anders, als von Status-Quo-Apologeten befürchtet. Diese Zersplitterung hat in jeder Hinsicht weit von der Realität der Bevölkerung entfernte, impotente Medien2 geschaffen.

Das sind keine guten Nachrichten für deutsche Netzaktivisten.

Da es in Deutschland in den letzten Jahren nicht zu einer starken vernetzten Öffentlichkeit gekommen ist,3 sind deutsche Netzaktivisten darauf angewiesen, ihre Themen über die massenmediale Bande4 in die Öffentlichkeit zu spielen.

Funktioniert dieses Spiel über Bande nicht – das erleben sie gerade beim Überwachungsskandal -, stehen sie hilf- und machtlos da. Sie sind so weit weg vom Rest der Bevölkerung wie die Journalisten, die gestern noch von der Haptik des Papiers schwärmten.

Und unsere Kanzlerin, die nicht stärker Machtmensch sein könnte, hat gerade den ultimativen Beweis erhalten, dass die Medien als Korrektiv sie im Zweifel nicht aufhalten können: Einen historischen Skandal verschleiern. Über Wochen und Monate dafür in den Leitmedien angeprangert werden. Und trotzdem ein historisches Rekordergebnis bei der Wahl einfahren. Wer würde nicht machttrunken werden?

Uns stehen dunkle Zeiten bevor.

  • Siehe auch Es gibt keine vierte Gewalt. Es gibt nur Medien
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    1. Remember: Fallende Auflagen. 
    2. Natürlich haben sich die Onlineableger der deutschen Medien in den letzten Jahren gebessert, weil Online trotz geringer Einnahmen mittlerweile als wichtig erkannt wird. Aber dieser leichte Kurswechsel kam sehr viel später als der Umschwung in der Mediennutzung. Eine Folge ist unter anderem der nach wie vor unbeholfene Umgang mit dem Medium, weil Erfahrung, Marktexpertise und Experimentierfreudigkeit fehlen. Nur sehr selten wird vom klassischen Artikel, wie er auch im Print erscheinen könnte, abgewichen. Selbst die FAZ-Blogs arbeiten ausnahmslos mit epischen Texten statt mit Leichtfüßigkeit. Marken wie die Süddeutsche, die sich jahrelang mit absurden Klickgalerien lächerlich gemacht haben, verbreiten heute lustige Bilder auf Facebook oder Google+. Man könnte diese Aufzählung fortsetzen. 
    3. Ein Versäumnis all derer, die daran glauben, dass das Web unter dem Strich gesellschaftlich positiv ist, dies aber nicht als Grundlage für ihr eigenes Handeln genommen und über die Zukunft nur (in 140 Zeichen) geredet haben, statt sie zu gestalten. 
    4. Wie sehr die Aktivisten auf die Massenmedien angewiesen sind, hat man schön am Durchmarsch des Leistungsschutzrechts für Presseerzeugnisse sehen können. Selbst eine geschlossene Front nahezu aller Experten von Jura über Ökonomie bis Netzthemen gegen dieses Gesetz hat nicht gereicht, um gegen die Massenmedien eine starke Gegenöffentlichkeit bei diesem Thema aufzubauen. 

     
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