Das Aushalten von Ambivalenzen

| 18.09.2013 | 6 Kommentare

Die Pädophilie-Debatte beherrscht die letzte Wahlkampfwoche. Die Grünen müssen sich mit einem Seitenaspekt ihrer Frühzeit auseinandersetzen. Für manche offenbar eine gute Gelegenheit, den 68ern mal wieder die moralische Schuld für den Sittenverfall aufzubürden.

Der folgende Beitrag bezieht sich auf die Diskussion über einen Artikel von Frank Lübberding in unserem gemeinsamen Blog Wiesaussieht.
 

Aufarbeiten

Man kennt das Aufarbeiten sonst von Pelzen und Mänteln. Plötzlich übertrug sich das vor 60 Jahren auch auf die Vergangenheit, was kein Wunder ist. Denn auch bei Pelzen bezog sich das Aufarbeiten auf Kleidungsstücke, die schon eine gewisse Vergangenheit hinter sich hatten. Nichts sieht so schäbig aus wie ein heruntergekommener Persianer. Nur nackte Pudel sind noch gräulicher.

Adornos irritierte Reaktion auf das Aufarbeiten erfolgte in einem Kontext, den wenige Jahre vorher Hermann Lübbe mit dem kommunikativen Beschweigen beschrieben hatte. Die Sehnsucht nach dem Schlussstrich steht in der gleichen ideologischen Tradition wie die viel beschworene Stunde Null, die nach den vorangegangenen kurzen 1000 Jahren ja auch nichts Anderes als den untauglichen Versuch einer Fiktionalisierung der unmittelbaren Gegenwart und ihrer vorangegangenen Geschichte darstellte.

Ich habe meine Zweifel daran, dass dieses Muster den Umgang mit jeder Art von Vergangenheit seither prägt. Das liegt daran, dass ich noch unterscheiden kann zwischen strafrechtlich relevanten Verbrechen auf der einen Seite und einer psychoanalytischen Idee von Sexualität, die nicht strafrechtlich erfasst werden kann, obschon Christian Füller in seinen Artikeln mitunter den Eindruck erweckt, als wollte er zeitgleich mit der Inkriminierung grüner Parteipolitiker auch für ein erneutes Verbot der Schriften Sigmund Freuds und Wilhelm Reichs eintreten.

Füller ist ein Vorbote für die Reversibilität gesellschaftlicher Toleranz und Liberalität. Seine Artikel leben von einer sie durchziehenden lüsternen Aufregung. Es ist so schwer erträglich wie unentscheidbar, wo und wie er die Grenze zwischen Insinuation, Projektion und objektiv recherchierten Sachverhalten zieht. (Allein das reicht aus, dass ich mich nach einem Zwischenruf Katharina Rutschkys sehnte! Sie fehlt uns jetzt noch mehr.) Die Aufklärung von Tatbeständen, das ist die juristische Diktion, überlasse ich lieber ordentlichen Gerichten, als einem Autor wie Christian Füller.

Frank Lübberdings Artikel fällt mit der Gleichsetzung der 68er und ihrer Versuche, die Geschichte ihrer Väter und Großväter zu verstehen, hinter eine Diskussion zurück, die sich mit den jüngsten Veröffentlichungen des Berliner Historikers Götz Aly verbindet. Seine These über den Gestaltwandel des Antisemitismus in Deutschland finde ich aufschlussreicher, weil sie nicht so sehr die familialen Konflikte mehrerer Generationen absolut setzt, sondern ihre subtileren tatsächlichen Gemeinsamkeiten in den Blick rückte. Eine Verirrung zwischen Schuld und Unschuld, aus der heraus erst so ein LTI-2-Wort wie das der Moralkeule entstehen konnte. (*Martin Walsers Friedenspreisrede)

 

Das Glück einer frühen späten Geburt

Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der die Auseinandersetzung mit dem NS nicht nach diesen Mustern ablief. Es überwog durch die Geschichte meines Vaters eher ein Gefühl des irgendwie versehrten Davongekommenseins. Als Theologe aus der Bekennenden Kirche entkam er dem Regime wie manche andere als Offizier der Wehrmacht, in der Luftabwehr.

Es gehört zu den seltsamen Zufällen, dass ich vor einem Jahr bei einer Tagung in Berlin Bob Stein kennenlernte, dessen Vater Pilot einer fliegenden Festung war. Unsere beiden Väter haben überlebt, der Bomberpilot und der Flakoffizier. Die Amerikaner, die meinen Vater 1945 in Mitteldeutschland in einem Feldlazarett festnahmen, übergaben ihn wenige Monate später den Franzosen. Die Franzosen verziehen es den Theologie-Soldaten nicht, dem NS-Regime als Soldaten gedient zu haben. Ich recherchiere immer noch die über dreijährige Lagergeschichte meines Vaters, über die er zu Lebzeiten nie geredet hatte. Sie war, wie ich aus bisherigen Dokumenten weiß, überaus peinigend und doch zugleich für unsere Familie der Beginn der deutsch-französischen Freundschaft, 14 Jahre vor dem Elysée-Vertrag.

Es gab für uns nur mittelbare Zeichen in seiner Lebensführung, eine Formensprache, eine Kultur der Distanznahme, die das Leben seiner sieben Kinder überschattete. Intellektuelle Prägungen – durch Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt und Hans-Georg Gadamer – erlaubten uns eine andere Form von Kontinuität und Anteilnahme. Das mochte für meine kleinsten Geschwister, 1962 geboren, nicht so einfach sein wie für ihre älteren Geschwister, als sie mit gerade 13 Jahren anhören mussten, was die Zeuginnen der Anklage im Düsseldorfer Maidanek-Prozess am Vorabend ihrer Aussage im Haus meiner Eltern erzählten. Das sind prägende Situationen, die den Begriff der Moralkeule untauglich machen und in ihm einen ähnlichen Affekt am Werk sehen, wie ihn Adorno in seinen Anmerkungen über die Verarbeitung des NS beschrieben hat.

Der Zivilisationsbruch des NS führte bei mir zu einer sprachlichen Empfindlichkeit mit all der Ambivalenz, die das für das eigene Leben mit sich bringt, so etwas wie eine ins Körperliche reichende Unverträglichkeitsreaktion.

 

Beate Klarsfelds Ohrfeige

So können wir manches unterscheiden. War Beate Klarsfelds Ohrfeige für Kiesinger eine Moralkeule? Was kennzeichnet bis heute diese Ohrfeige? Und ich wäre sehr dankbar, wenn eine unter dem Anschein historischen Verständnisses geschriebene Reflexion tatsächliche Beispiele vor Augen stellt, die die Wirkung von „Moralkeulen“ am Handeln benennbarer Personen und Ereignisse veranschaulicht.

Genau so skeptisch bin ich gegenüber dem Begriff der Moralproduzenten. Er erweckt den Eindruck, als seien die frühen Akteure der Neuen Linken nicht in der Lage gewesen, die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen von Moral zu verstehen. Das Gegenteil war der Fall, erlebten sie es doch am eigenen Leib in den Konflikten mit ihren Familien, wie eine überlebte Moral sie zu Abschaum erklärte. Als Hippie in den 60er-Jahren aufzuwachsen, war eine eigene Psychodramakur in einer bigotten Umwelt. Es reicht für die Nachgeborenen aus, die Ausgaben der BILD zwischen dem Schah-Besuch und dem Anschlag auf Rudi Dutschke zu studieren, um das damalige gesellschaftliche Klima einer überaus repressiven Moral zu veranschaulichen.

Welche Rolle kam in dieser Situation eines kulturellen Umbruchs der erneuten Lektüre Freuds und Reichs zu? In welchen Gruppen der Neuen Linken kam es überhaupt dazu? Nicht in den K-Gruppen, das weiß Gott nicht, sondern bei den antiautoritären undogmatischen Linken, wie etwa im Umfeld des Offenbacher Sozialistischen Büros und in einigen kleinen Universitätsstädten wie Göttingen, Tübingen, Heidelberg, Marburg und Freiburg.

Genauso skeptisch bin ich gegenüber der Idee einer Diskurspolizei. Wer sind diese Polizisten? Wessen Diskurse setzen sie auf den Index? Wie sehen die tatsächlichen Interaktionsprozesse aus, in denen ein solcher Begriff entsteht, aus dem ein sich aufbäumender Affekt spricht?

Dass in der Partei der Grünen eine gewisse Haltung besteht, das mögliche bessere Leben zum Gegenstand einer Art von Verkündigung zu machen, liegt gewiss nicht an den einstigen Linken in dieser Partei. Das ist eher eine Domäne der Theologen und der Angehörigen des letzten Zentralkomitees auf heutigem deutschen Boden, den doktrinären grünen Katholiken.

Franz Walter und seine Kollegen sollten sich auch einmal die dicken Bände des Verzeichnisses lieferbarer Bücher aus den mittleren 70er und frühen 80er Jahren ansehen. Wie etwa die Bücher des der Evangelischen Kirche zurechenbaren Jugenddienstverlags aus Wuppertal. (Zeig das, zB)

 

Zurück mit Siebenmeilenstiefeln

Ich komme zurück zu meinem Ausgangspunkt. Ich erlebe den derzeitigen Prozess der „Aufarbeitung“ als eine ambivalente Operation, in welcher die Empörung über den Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, Abhängigen und Schutzbefohlenen zugleich die Idee der Kindheit wieder in ein Korsett von Tabus und Verblendungen packt, die ideologischer Eiferei zugerechnet werden muss und damit zugleich einen Rückfall in irrtümlich dauerhaft für überwunden gehaltene gesellschaftliche Zustände einleitet.

Diskursanalytisch passen die narrativen Frames vom demographischen Wandel, vom Geburtenmangel, von den falschen sich vermehrenden Paaren, von der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme zu gut zusammen, als dass man sie als zufällige Koinzidenzen abtun könnte. Wer das als einer der ersten für die Sozialversicherungen analysierte, war der so früh gestorbene Berliner Politikwissenschaftler Dieter Runze. In diesen Tagen, 22 Jahre nach seinem Tod, verstehe ich erst, wie weitsichtig er war.

 

Eindrücke eines Zeitzeugen

Ich habe die Situation, die Franz Walter und Andere jetzt “aufarbeiten”, Anfang der 80er-Jahre als aufmerksamer Beobachter verfolgt. Ich war zu keiner Zeit Mitglied der Grünen oder einer Umfeldorganisation, habe allerdings in schrecklicher Erinnerung, mit welchen Methoden die Nürnberger Indianerkommune bei öffentlichen Versammlungen mit sexualpolitischen Issues auftrat.

Wer in einer kulturellen Situation gerade erst für überwunden erachteter Repression in solchen Stimmungslagen mit dem Hausrecht oder der Polizei gedroht hätte, wäre bis weit ins bürgerlich-liberale Lager hinein für völlig durchgeknallt gehalten worden.

Was hatte das zur Folge? Allein durch ihr Geschrei (das erfolgreicher war als die altlinke Praxis endloser nächtlicher Geschäftsordnungsdebatten) erzeugten die Nürnberger Päderasten und ihr Umfeld die Bereitschaft zu einem Appeasement, das aus einer Mischung aus Verdruss und Übermüdung zur Aufnahme ihrer Forderungen in Parteiprogramme u.ä. beitrug, ohne dass sich die grüne Basis, von der ständig wechselnden Führung ganz abgesehen, je persönlich diese Forderungen tatsächlich zu eigen gemacht hätte.

Mit dem Münchner Autor Peter Schult fand zudem jemand im weiteren Umfeld der linken und grünen Szene öffentliche Aufmerksamkeit, der nun tatsächlich wegen Unzucht mit Minderjährigen eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte, und weil er sich aus allen möglichen Gründen als Linker oder auch Anarchist bezeichnete, kam er in den zweifelhaften Genuss von “Solidaritätsaktionen” der Roten Hilfe, die sich zur gleichen Zeit mit ähnlich fragwürdigen Themen und Positionen als eine Vorfeld- bzw. Rekrutierungsumgebung für die RAF betätigte.

Von diesem Gebräu hielt jeder, der noch einigermaßen den eigenen Verstand gebrauchen konnte, Abstand, auch wenn es mit dem Risiko verbunden gewesen sein mochte, als “Schwein” bzw. Systemagent in Acht und Bann getan zu werden.

 

Medienpolitische Heuchelei

Bei Jürgen Trittin finde ich die Medienkommentare besonders heuchlerisch, weil jeder wirklich gelernte Journalist weiß, welche Funktion der sogenannte Sitzredakteur in Zeiten weniger liberalen Presserechts besaß: Er war derjenige, der sich dazu breitschlagen ließ, hinter Gitter zu kommen, wenn Artikel unter seiner presserechtlichen Verantwortung publiziert wurden, die gegen geltendes Recht verstießen.

Die presserechtlich Verantwortlichen in den linken Organisationen und Publikationen hatten jedoch nie das persönliche Durchgriffsrecht eines Chefredakteurs. Sie trugen das Risiko des Einsitzens aus einer übergeordneten Idee von Pressefreiheit, die auch und besonders radikalen Positionen zu Öffentlichkeit verhalf. Dass dann dabei auch solche Leute wie Päderasten unter den Schutz kamen, heißt nicht, dass man ihre Ideen teilte.

Die Irritation war auch damals – hinter vorgehaltener Hand – immer da.

 

Zur Moralkeule

 

“Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen.”

Theodor W. Adorno

 
Aus der Tradition dieses Zitats betrachte ich die “Moralkeule” als eine verwandte Figur, als eine Quelle für höchste Irritation. Das in ihr steckende Versprechen von Gewalt – unterwirfst Du Dich nicht meiner Gewalt, so gebrauche ich die Keule –, kann man nicht mehr sublim nennen. Es droht unmittelbaren Zwang unverkleidet an. Im zusammengesetzten Substantiv könnte man sprachlich mit erzwungenem Wohlwollen einen Pleonasmus, einen weißen Schimmel, wahrnehmen, wenn man denn als geteiltes Wissen akzeptierte, dass die Durchsetzung gesellschaftlicher Ideen von Moral ihrerseits etwas mit Macht und Normen zu tun hat.

Offenbar sind aber genau in dem Umfeld, das der Frame der Moralkeule erzeugt hat, Zweifel daran aufgekommen, welche Moral denn da gerade im Begriff ist, als gesellschaftliche Leitidee von Bord geschubst zu werden. Im Zweifel sind es immer die Anderen, die die Keule gegen die eigenen Ideen schwingen. So schwingt in der Moralkeule so etwas wie eine Projektion und zugleich eine Selbstermächtigung mit – im Augenblick einer als historisch erlebten Niederlage. Man kennt das aus der Filmgeschichte, in unzähligen Szenen, in denen der schon totgeglaubte Bösewicht (oder Held) in seinem Blute liegt und mit den letzten Nervenzuckungen noch einmal durchlädt und abdrückt.

So gehen in dem Wort der Moralkeule Macht und Ohnmacht eine unheilige Allianz ein, deren einziges tatsächlich ernst zu nehmendes Versprechen darin liegt, gegen die Fürsprecher einer konkurrierenden Moral die Keule zu erheben. Das eingelöste Versprechen eines wieder denkbaren Rückfalls in vorgesetzliche Barbarei.

Moral aber ist weiter gefasst und gebietet über eine höhere systemische Vernunft als die Vorstellung, dass nun ausgerechnet das Strafrecht der einzige Verfizierungsmechanismus dafür wäre, was denn nun die geltende Moral unserer Gesellschaft sei. Sie wandelt sich mitunter schneller, als manche Leute denken können (bzw. wollen).

Aus der Inbrunst der Moral das Wort zu ergreifen und sich so ins rechte Licht zu werfen, gehörte schon immer unter ganz unterschiedlichen Moralsystemen zum untrüglichen Merkmal der Heuchelei.

Deshalb glaube ich, die Moralkeule ist im gesellschaftlichen Diskurs dieser Tage ein unerfreulicher Stellvertreter, vielleicht sogar ein Vorbote einer altneuen Moral, der nach langem fast ohnmächtigem Schlaf die Glieder reckt und wieder nach der Keule greift, weil die Befestigung ins Rutschen geratener gesellschaftlicher Normen mal wieder nach unmittelbarer Gewalt zu verlangen scheint.

Insofern muss sich jeder Autor, der die Moralkeule in Diskurse einführt, dazu entscheiden, ob seine Wortwahl bloß Symptom ist oder eine analytische Unterscheidung trifft. In dem Fall der Analyse sollte man genauer argumentieren.

 
Hans Hütt bloggt auf dem Rhetorik-Blog und auf Wiesaussieht