Bilder von Kaffeetassen machen Augenkrebs

Viele Profi-Fotografen kämpfen mit der Entwertung ihres Berufs. Denn das Urheberrecht bietet ihnen keinen wirksamen Schutz. Müssen wir nach dem Ende der hysterischen Debatten um das geistige Eigentum noch einmal von vorn beginnen?

Für Fotografen brechen herrliche Zeiten an. Denn jeder Mensch wird in Zukunft Fotograf sein. Allein 2012 wurden 675 Millionen Smartphones verkauft. Das Bilder-Paradies auf Erden ist nicht mehr fern!

Einen kleinen Vorgeschmack auf dieses Paradies bietet die WAZ – oder das, was von der WAZ noch übrig ist. Manfred Braun, der Geschäftsführer der neuen „Funke-Mediengruppe“, will in seinen Blättern künftig weniger abgehobenen Journalismus lesen müssen, und dafür mehr Bilder sehen. Bilder von Büro-Kaffeetassen zum Beispiel, von Schlaglöchern oder von Katzenbabys. Die WAZ will aus ihren Lesern „Fotoreporter“ machen, und zwar hypermoderne! Wer mit seinem Smartphone künftig etwas Interessantes fotografiert, soll es auf die Website „Scoopshot“ hochladen. Von dort holt es sich die WAZ dann herunter. Das nennt man „crowdsourced photography content“ oder „photos on demand“.

Über Scoopshot können Medien aller Art weltweit Fotos und Videos downloaden und für ein kleines Honorar lizenzfrei verwenden. Der Online-Deal funktioniert wie geschmiert. Als die Leser der WAZ zum Auftakt ihre schönsten Kaffeetassen ablichten sollten, erhielten die Redakteure 26.000 Fotos. Was nicht verwunderlich ist, denn bei Scoopshot haben sich schon mehr als 250.000 Fotografen registriert. Mit etwas Glück erhält man für ein Foto in der WAZ sogar 20 Euro Honorar.

 

Der Aufstieg der Kreativindustrie

Es sind nicht nur solche „Foto-Reporter“, die den professionellen Fotografen den Markt streitig machen. Es sind auch die Zahnärzte, die im Urlaub ihre semiprofessionellen Fotoausrüstungen in der Wüste Gobi austesten und 3000 Bilder mit nach Hause bringen; es sind deren Kinder, die mit Hilfe leistungsfähiger Bildbearbeitungsprogramme aus den mittelmäßigen Aufnahmen ihrer Väter professionelle Spitzenfotos zaubern.

Pro Sekunde werden 3000 Fotos zu Facebook hochgeladen, das sind 91 Milliarden Fotos im Jahr. Die Foto-Community „flickr“, erst vor neun Jahren gegründet, stellt auf ihrer Plattform mehr als sieben Milliarden Fotos bereit – nicht selten kostenlos und zur freien Bearbeitung. Der Fotodienstleister „Snapfish“, der nicht nur Abzüge und Kalender vertreibt, sondern auch die Bildrechte seiner Community managt, hat mehr als 100 Millionen Mitglieder. Und Microstock-Agenturen wie „iStockphoto“ oder „pixelio“, die für zwei bis fünf Euro unbegrenzte Nutzungsrechte an Bildern verhökern, verderben die Preise.

Dummerweise sinkt durch das massenhafte Angebot und die allgegenwärtige Verfügbarkeit von digitalen Fotografien auch ihr Stellenwert als kulturelle Leistung. Mehr als einen flüchtigen Blick haben wir nicht mehr übrig für sie: „Bilder machen Augenkrebs“. Fotografen müssen heute dankbar sein, wenn ihre Arbeiten überhaupt zur Kenntnis genommen oder wenigstens als Spielmaterial für eigene Schöpfungen benutzt werden.

Das alte Kennzeichen der Professionalität – die kompetente Kontrolle der Randbedingungen (Situation, Wetter, Licht etc.) und der perfekte Einsatz der erworbenen Fähigkeiten im Moment der Aufnahme – ist abgelöst durch das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort auf den Auslöser zu drücken. Den Rest – die Bild-Optimierung – besorgt die Nachbearbeitung am Computer. Das hat dazu geführt, dass viele Medien nur noch „Rohmaterial“ aus den riesigen Fotografen-Schwärmen herausfischen.

Für Profis ist dieser Mangel an Respekt vor der geleisteten Arbeit schwer erträglich. Ihr Gefühl, immer stärker entwertet, immer weniger geschätzt zu werden, trifft aber seltsamerweise auf überschäumenden Optimismus, sobald die Mächtigen über die Zukunft der „Kreativ-Industrien“ reden. Alle Konjunkturpfeile in den Kreativ-Branchen zeigen nach oben. Laut einer Untersuchung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWI) bringen die rund eine Million Beschäftigten in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft eine Wertschöpfung zustande, die knapp an die der Automobilindustrie heranreicht. Für die EU-Kommission ist „das geistige Eigentum das Kapital, durch das die künftige Wirtschaft genährt wird.“ Und Mark Getty, Gründer und Vorsitzender der Bildagentur „Getty Images“, hält die „digitalen Waren“ für „das Öl des 21. Jahrhunderts“.

 

Das unzulängliche Urheberrecht

In dieser paradoxen Situation – der ökonomischen Aufwertung der Kreativ-Branchen bei gleichzeitiger Abwertung der schöpferischen Berufe – müsste eigentlich das Recht für einen fairen Ausgleich sorgen. Doch das Urheberrecht, das dafür zuständig wäre, hat mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten. Die meisten seiner Regeln stammen noch aus einer Zeit, als die Schöpfer von Werken ungefähr so aussahen wie der arme Poet auf dem berühmten Bild von Carl Spitzweg. Oder wie jene selbstbewussten Reporter, die vor 66 Jahren die berühmte Foto-Agentur „Magnum“ gründeten. Damals war das perfekte „Abkupfern“ von Werken noch kein digitales Kinderspiel. Damals zahlten die Verlage noch anständige Honorare, und die Nutzer von Werken sammelten ehrfürchtig Autogramme, anstatt die Enteignung der Künstler zugunsten der Allgemeinheit zu fordern.

Das Urheberrecht war gedacht für eine kleine Minderheit von Künstlern, Handwerkern, Superstars und Außenseitern. Heute dagegen muss es als rechtlicher Rahmen für die Geschäfte von global agierenden Konzernen und sieben Milliarden Kreativen herhalten. Aus dem für Wenige erdachten Sonderrecht ist durch die digitalen Vervielfältigungs- und Veröffentlichungsmöglichkeiten ein allgegenwärtiges Massen- und Menschenrecht geworden – zuständig für jeden kreativen Pups, und damit hoffnungslos überfordert.

Eine Zeit lang versuchte man, die neue Wirklichkeit in die alten Paragraphen zu pressen. Als das nicht funktionierte, sah man ein, dass es geschickter wäre, das Recht den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen. Widerwillig und ohne tieferes Verständnis für die Umwälzungen der Digitalisierung begann man, eine Reform des Urheberrechts zaghaft in Angriff zu nehmen. Man verteilte die erforderlichen Reformen auf drei „Körbe“ und dachte, mit dieser Verzögerungstaktik würde man das Internet schon aufhalten können.

 

Falsche Bündnisse, falsche Frontstellungen

Einige Jahre lang funktionierte das. Doch dann kamen die sozialen Netzwerke, die massenhafte Verbreitung von Smartphones – und die Piraten. 2006 tauchten sie plötzlich auf, aus einem vergleichsweise nichtigen Anlass. Die analoge Welt hatte ihre Filesharing-Plattform „Pirate Bay“ wegen fortgesetzter Musikpiraterie beschlagnahmt und juristisch kalt gestellt. Die Computer-Nerds, die im und mit dem Internet groß geworden waren, fühlten sich von der analogen Welt verkannt und gründeten ihre eigene Partei. Aus ihr entwickelte sich rasch eine Anti-Urheberrechtspartei.

Die Piraten hatten richtig erkannt, dass sich das Urheberrecht unter der Hand zu einem Verwerterrecht im Dienste weniger Konzerne entwickelt hatte – anstatt für jene sieben Milliarden Nutzer da zu sein, die in ihrer Freizeit auch Urheber waren. Diese Nutzer-Urheber – die man „Prosumenten“ nennt, weil sie gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sind -, wurden massenweise abgemahnt. Denn jeder, der seine Lieblingsmusik mit anderen teilte, der Fotos auf Facebook hochlud oder Videos bei YouTube einstellte, jeder, der einen bei iTunes erworbenen Song bei Ebay verkaufen wollte oder ein Bild auf Twitter mit Followern teilte, war plötzlich mit komplizierten urheberrechtlichen Fragen konfrontiert. Das Urheberrecht wurde zu ihrem Hassobjekt.

Anstatt sich aber mit den professionellen Urhebern zu verbünden, um eine gemeinsame Lösung zu finden, drohten die Piraten, das Urheberrecht mit dem Bade auszuschütten. Sie bestritten die Existenz des geistigen Eigentums, leugneten die aufwändige Herstellung individueller Werke und wollten Künstler nur noch mit Almosen oder Like-Buttons bezahlen. Die professionellen Urheber fühlten sich veralbert. Als die Piratenpartei im Frühjahr 2012 in Wählerumfragen 13 Prozent erreichte, formulierten die Urheber-Verbände reihum strenge Positionspapiere, die das alte Urheberrecht verteidigten und die Vorstellungen der Piraten – und teilweise der Grünen – empört zurückwiesen. Manchem Künstler platzte schier der Kragen, wie dem Musiker Sven Regener, der seinem Ärger in einer spontanen und lautstark gefeierten „Wutrede“ Luft machte.

 

Die Erschöpfungsphase nutzen

Regeners Rede markierte eine Art Wendepunkt. Im Frühjahr 2012, als der Streit mit den Piraten eskalierte, schmiedeten die Urheber und die Verwerter eine politische Allianz und schlugen den Angriff der Internet-Partei zurück. Die Umfragewerte der Piraten fielen zusammen wie ein Hefeküchlein, das man zu früh aus dem Herd genommen hat. Heute herrscht wieder Ruhe. Und das ist schade, denn die grundlegenden Probleme des Urheberrechts sind nach wie vor ungelöst. Ökonomisch werden die professionellen Urheber zwischen den Interessen der Verwerter und den Ansprüchen der Nutzer weiter zerrieben. Den Fotografen geht es da nicht anders als den Illustratoren, den Übersetzern oder den Journalisten. Vier Beispiele sollen das verdeutlichen:

— Auch nach neunjährigen Verhandlungen ist es nicht gelungen, sich mit den Verlegern auf eine angemessene Bezahlung für Bildbeiträge in Tageszeitungen zu einigen. Erst eine Schlichtung bracht notdürftige Ergebnisse. Für das Erstdruckrecht eines vierspaltigen Fotos sollen nun – je nach Zeitungsauflage – 27 bis 75 Euro gezahlt werden. Das entspricht dem Stundenlohn eines Handwerkers, wobei Fotografen für ein solches Foto nicht selten einen halben Tag unterwegs sind. „Angemessene“ Honorare drohen so zu Armutshonoraren zu werden.

— Das von den Internet-Plattformen und der Stockfotografie forcierte „easy licencing“ führt nicht nur zum totalen Buyout der Nutzungsrechte bei den Fotografen, es stürzt sie auch in heillose Konflikte mit den Persönlichkeitsrechten der Abgelichteten. Wer wird sich in Zukunft noch fotografieren lassen, wenn man jederzeit damit rechnen muss, im Zuge der Überlassung uneingeschränkter Nutzungsrechte wahlweise als Werbeträger, Witzfigur oder Feindbild in der Öffentlichkeit aufzutauchen?

— Eine Verkürzung der Schutzfristen hätte nicht nur enorme wirtschaftliche Einbußen zur Folge, die Urheber und ihre Familien würden auch die Kontrolle über das Werk verlieren. So könnten Hinterbliebene den Nachlass eines tödlich verunglückten oder ermordeten Fotografen nicht mehr schützen, wenn das Werk mit dem Tod des Urhebers in Gemeineigentum überginge.

— Seit auch kommerzielle Medien die preiswerte „Bebilderung“ von Beiträgen bevorzugen, ist die Auftragsfotografie zur Ausnahme geworden. Die Schwemme der Microstocks, der billigen Foto-Dienstleister, der weltumspannenden Communities und der Wikipedia- und Creative Commons-Lizenzen hat zahlreiche tradierte Märkte der Profi-Fotografie zerstört. Wie können Fotografen die professionellen Qualitäts-Standards ihres Berufes wahren, wenn sich am Ende jeder Bildermacher Fotograf nennen darf und jede abgelichtete Kaffeetasse eigene Schöpfungshöhe beansprucht?

Auf alle diese Fragen wissen die Reformer des Urheberrechts noch keine befriedigende Antwort. Schon deshalb wäre die Ruhe, die nach dem hysterischen Streit der letzten Jahre eingekehrt ist, eine gute Gelegenheit, noch einmal von vorn zu beginnen und die unumgänglichen Reformen ohne Schaum vor dem Mund zu diskutieren.

 
Dieser Beitrag erschien zuerst im Freelens Magazin (Nr.33), der Zeitschrift der Fotografen-Vereinigung Freelens