Finanzkrise · Und täglich grüßt das Murmeltier

Vor die Wand gerannt und nichts dazugelernt - so kann man den Finanzmarkt kurz und zutreffend beschreiben.

2013 ist ein Jahr vieler Jubiläen. Zwei sind für mich besonders wichtig:

  • Vor 20 Jahren, im April 1993, kam „Und täglich grüßt das Murmeltier“ („Groundhog Day“ im Original) in die Kinos, ein Film, der nicht nur bei mir absoluten Kultstatus genießt
  • Vor 5 Jahren, also am 15. September 2008, eskalierte mit der Pleite von Lehman Brothers die globale Finanzkrise

Hauptperson in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist der Wetteransager Phil Connors (gespielt von Bill Murray), der in das Städtchen Punxsutawney kommt, um von einem alljährlich am 2. Februar wiederkehrenden Volksbrauch zu berichten: Ein Murmeltier wird zum Winterende aus dem Bau geholt. Wenn das Tier dabei „seinen Schatten sieht“, also wenn die Sonne scheint, wird die Kälteperiode noch weitere sechs Wochen dauern, andernfalls soll sich das Wetter bessern.

Der Medienprofi erledigt seine Aufgabe mit zynischer Gleichgültigkeit und macht sich dabei über die Provinzialität und Naivität seiner Gastgeber lustig. Durch einen Schneesturm verzögert sich die Abreise, und er wird zu einer zusätzlichen Übernachtung gezwungen. Als er am nächsten Morgen aufwacht, muss er feststellen, dass wieder der Vortag ist. In der Folge erlebt er jedes Mal denselben Tag neu, ist mit denselben Ereignissen, Personen und Verhaltensweisen konfrontiert.

Phil Connors befindet sich in einer Zeitschleife: Es ist egal, was er macht, er muss das schon Bekannte immer wieder neu erleben. Am Anfang ist er irritiert, dann versucht er, aus seinem überlegenen Wissen Profit zu schlagen. So entlockt er einer Frau, die ihn vorher nicht beachtet hat, Informationen, die er dann später benutzt, um sie ins Bett zu kriegen. Er geht höhere Risiken ein, verhält sich rücksichtslos und kriminell, da er für die Konsequenzen ja nicht geradestehen muss.

Nur am Versuch der Verführung seiner jungen Kollegin Rita (Andie MacDowell) beißt er sich die Zähne aus. Egal, welchen Trick er versucht, sie weist ihn irgendwann empört zurück. Aus der Zeitschleife kann er nur ausbrechen, wenn er aus seinen Erfahrungen lernt und seinen Zynismus aufgibt. Erst als er es ehrlich meint, erhört ihn auch seine Angebetete und beide können als glückliches Paar abreisen (so viel Hollywood-Kitsch musste wohl sein).

Seit dem phänomenalem Erfolg dieses Films sind „und täglich grüßt das Murmeltier“ bzw. „Groundhog Day“ in vielen Ländern sprichwörtlich gewordene Umschreibungen für sich immer ähnlich wiederholende Ereignisse, für die Monotonie eines in Sachzwängen gefangenen Alltags. Aber auch die Figur des Phil Connors ist in die Alltagskultur eingegangen, weil sie wie kaum eine andere eindrücklich die Geschichte eines Soziopathen schildert, der erst die verschiedensten Irrwege ausprobiert, ehe er seine Menschlichkeit entdeckt.
 

Murmeltier, Foto: Leo-setä, CC BY

Murmeltier, Foto: Leo-setä, CC BY

 
Das zweite wichtige Jubiläum hat eine längere Vorgeschichte.

Bereits Ende 2006 hatte sich eine Wende am vorher boomenden US-Immobilienmarkt vollzogen. Nach und nach stellte sich bei immer mehr Banken heraus, dass dies für sie bisher ungeahnte und teilweise existenzgefährdende Probleme mit sich brachte. Bis zum Herbst 2008 schien aber alles noch beherrschbar. Das änderte sich erst, als die US-Regierung an einem Wochenende beschloss, von drei vor dem Bankrott stehenden US-Finanzunternehmen nur die beiden größeren zu retten, AIG und Merrill Lynch.

Nachdem es schon das Jahr über riesige Rettungsaktionen für US-Institutionen wie Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac gegeben hatte, schien es angezeigt, nicht mehr jede Pleitebank mit Steuermitteln zu stützen. Was dann folgte, ist bekannt: Der Konkurs der fallengelassenen Zocker-Bank löste einen Dominoeffekt aus, der das ganze Weltfinanzsystem ins Chaos stürzte.

Oberflächlich betrachtet hat sich seitdem einiges geändert:

  • Eine übertriebene Deregulierung des Finanzsektors galt bei vielen als eine der Ursachen der Finanzkrise. Insofern erschien eine Konsequenz ganz klar: mehr Regulierung. Seit 2008 gibt es weltweit eine immer weiter eskalierende Flut von Informationsblättern, Vorschriften, Handlungsanweisungen, Mindestanforderungen, Haftungsklauseln, Zulassungskriterien, etc.

    Die einzige messbare Konsequenz ist allerdings bisher eine extreme Bürokratisierung aller Abläufe und Aufblähung der Kosten bei Banken. Seriöse Finanzinstitute ziehen sich immer mehr aus bestimmten Geschäftsfeldern zurück, was im Gegenzug neue Geschäftsmöglichkeiten für Schwindler diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, eröffnet.
  • Es gibt eine Reihe von Strafverfahren gegen Hedgefondsmanager und Investment-Banken wegen manipulativer oder betrügerischer Geschäftspraktiken. Doch hat dies bei irgendeiner der betroffenen Institutionen dazu geführt, dass diese Geschäfte bzw. die Herangehensweise in größerem Umfang hinterfragt oder aufgegeben wurden? Nein, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, natürlich nicht.
  • Die Politik in einigen Ländern hat die Einführung einer Finanztransaktionssteuer propagiert, um „die Verursacher der Finanzkrise an den Kosten zu beteiligen.“ Allerdings ist diese Abgabe nicht besonders hoch. Zudem bestraft sie im Wesentlichen die Bankkunden, also die Opfer der Finanzkrise, die wieder einmal die Dummen sind.

    Der Zynismus, mit dem populistische Politiker diese Maßnahme in der Öffentlichkeit als Fortschritt verkaufen, würde einem Phil Connors in seinen fiesesten Momenten gut zu Gesicht stehen.

  • Die Eigenkapitalregeln von Banken wurden verschärft, um im Fall erneuter Probleme weniger auf Steuergelder zurückgreifen zu müssen. Da allerdings die Geschäftsmethoden im Grunde die gleichen geblieben sind, wurde die Gefahr von neuen Großschäden nicht gebannt, lediglich ihre Konsequenzen abgemildert. Zudem basieren die Eigenkapitalregeln und die Berechnungen der Anforderungen nach wie vor auf dem Grundansatz der „risikogewichteten Aktiva“.

    Erst unlängst haben während der Eurokrise die Frage der Anrechnung von Staatsanleihen sowie die Diskriminierung von Unternehmenskrediten wieder die Tücken dieser Vorgehensweise verdeutlicht. Was heute vielfach vergessen wird, ist, dass dieser Ansatz vor über 25 Jahren u.a. von Bankers Trust entwickelt wurde. Dafür waren dieselben Manager verantwortlich, die dann wenig später dieses traditionsreiche Institut gegen die Wand fuhren, indem sie durch komplexe Finanzprodukte mit versteckten Risiken wichtige Kunden abzockten.
  • Inzwischen ist auch klar, dass der ignorante Umgang mit Risiken einer der Hauptgründe der Finanzkrise war.

    Am Umgang der Finanzmärkte mit dem Thema Risiko hat sich seitdem allerdings kaum etwas geändert. Dies ist insbesondere erstaunlich, weil Nassim N. Taleb mit seinem 2008 erschienen Bestseller „Der schwarze Schwan“ die grundlegenden Probleme auch einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt hat.

    Ob diese unveränderte Vorgehensweise auf Dummheit, Ignoranz, Lernunfähigkeit oder bewusster Täuschung beruht, möchte ich einmal dahingestellt sein lassen. Tatsache ist aber, dass die Finanzbranche mit Risiken so unbedarft hantiert wie schon fünf Jahre zuvor. Insbesondere die anhaltende Popularität von „strukturierten Produkten“, deren Verlustmöglichkeiten anscheinend nicht einmal ihre Schöpfer richtig einschätzen können, spricht eine deutliche Sprache.

Wenn man sich die Finanzwelt also fünf Jahre nach Lehman Brothers anschaut, bekommt man den Eindruck, dass sich trotz der umfangreichen Aktivitäten im Grunde nichts geändert hat. Wir befinden uns in einer Zeitschleife, und egal, was sich Banker und Regulierer als Nächstes ausdenken, wir bleiben am Ausgangspunkt gefangen.

Die Finanzwelt ist derzeit voll von zynischen Profis wie Phil Connors, die jeden Morgen aufwachen und denselben Tag vor sich haben. Sie sind frustriert und abgestumpft, weil sie genau wissen, dass sich im Grunde nichts ändern wird. Sie erliegen jeden Tag aufs Neue der Verführung, Informationsvorsprünge auszunutzen und Risiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Im Gegensatz zur Filmfigur, die jeden Tag neu beginnen kann, richten sie aber hohe und bleibende Schäden an.

Man wird heutzutage kaum jemanden im Finanzbereich treffen – und das trifft für Schaltermitarbeiter, Anlageberater, Vorstände oder Aufsichtsbeamte zu –, der nicht eingesteht, dass in dieser Industrie etwas Grundlegendes falsch läuft. Jeder kann unzählige Anekdoten über die Absurdität seines Arbeitsalltags erzählen. Nur äußerst wenige allerdings haben bisher Konsequenzen hieraus gezogen. Sie wissen, dass sie das Falsche machen, folgen aber unbeirrt weiter diesem Weg, weil ihnen der Mut zur Veränderung fehlt.

Dabei haben Banken, volkswirtschaftlich gesehen, eine wichtige Aufgabe, nämlich Kapitalgeber und Kapitalnachfrager zusammenzubringen. Dieser Aufgabe kommen sie eher schlecht als recht nach, weil sie einerseits die Kapitalgeber abzocken und andererseits bei den Kapitalnehmern nicht zwischen seriösen Klienten und betrügerischen Hallodris unterscheiden können.

Ohne die Bereitschaft, Grundsätzliches infrage zu stellen, wird sich nichts ändern. Das Geschäftsmodell der meisten Banken ist nach wie vor transaktionsgetrieben. Sie können nur von Kunden profitieren, mit denen sie möglichst viele Umsätze machen, womit sie automatisch ein Interesse daran bekommen, das Kundenvermögen entweder zu riskieren oder zu vermindern. Dieser tiefsitzende Interessenkonflikt ist das Grundübel der Branche. Das ist zwar weithin bekannt, wird aber kaum infrage gestellt.

„Und täglich grüßt das Murmeltier“ hat ein schönes Hollywoodende: Der Protagonist sieht nicht nur seine Fehler ein, er ändert auch glaubhaft seine Einstellung und sein Verhalten. Belohnung ist die Verwirklichung der großen Liebe.

Im Bankbereich steht ein Happy End nicht zu erwarten. Im Geschäftsmodell der Finanzindustrie ist ein Zerstörungsmechanismus programmiert, der unbeirrt weiterläuft. Wir müssen vor einer Wiederholung eines großen Finanzcrashs keine Angst haben: Jeden Tag wiederholt sich die Finanzkrise aufs Neue. Das ist schon schlimm genug.
 
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blick Log