Die vier Tugenden der Öffentlich-Rechtlichen

| 08.09.2013 | 35 Kommentare

Mit ihren komfortablen Gebühreneinnahmen könnten die Sendeanstalten unabhängigen, kritischen Journalismus mühelos finanzieren. Tun sie aber kaum.

 

Temperantia (Mässigung) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

Temperantia (Mässigung) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

 

Ausschnitt aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Public Domain

Öffentlich-rechtliche Medien stehen zunehmend unter Legitimationsdruck. Um auch in Zukunft eine Existenzberechtigung zu haben, müssen sie sich auf ihren ursprünglichen Auftrag zurückbesinnen und sich entschieden von den privaten Medien abgrenzen. Es wird gelingen mit diesen vier Tugenden:

  1. Staatsferne: Kritik statt Kungelei
  2. Demut: dem Geldgeber verpflichtet
  3. Wahrhaftigkeit: weniger Schrott, bitte!
  4. Mässigung: die Quote ist nicht alles

 

Staatsferne: Kritik statt Kungelei

Prudentia (Klugheit) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

Viele Mitarbeiter der Öffentlich-Rechtlichen reagieren wütend, wenn man sie als Beamte eines Staatssenders bezeichnet. Richtig, formal ist das nicht korrekt, aber was läge näher, solche Vorwürfe durch eine besonders kritische Haltung dem Staat gegenüber zu zerstreuen?

Doch besonders staatskritisch ist öffentlich-rechtlicher Journalismus eher selten, das zeigt beispielsweise unsere Analyse der SRF-Tagesschau. Die Nachrichtengefässe folgen oft der Agenda der staatlichen Organe; manche Beiträge wirken wie von der Kommunikationsabteilung der Behörden erstellt.

Staatssender befinden sich im Eigentum oder unter unter der unmittelbaren Kontrolle eines Staats, der Grossdeutsche Rundfunk der Nationalsozialisten war so ein Beispiel, oder der Deutsche Fernsehfunk in der DDR. Heute sind Staatssender vor allem in Afrika, Asien und Südamerika verbreitet.

Öffentlich-rechtliche Sender dagegen sind von staatlichen Organen unabhängig. Jedoch existieren sie aufgrund politischer Regulierung und neigen deshalb dazu, staatsnah und politiknah zu bleiben. Diese Nähe gilt es zu überwinden.

ÖR-Sender sind in der Lage, den Staat und seine Vertreter auf das Härteste anzugreifen – weshalb sie diese Möglichkeit nur gelegentlich ausgeschöpfen, ist unverständlich. Ihre Staatsferne müssen ÖR-Mitarbeiter täglich und immer wieder neu beweisen, einzelne kritische Recherchen reichen da nicht aus. Stephan Stuchlik zeigt, wie’s geht.

 

Demut: dem Geldgeber verpflichtet

Spes (Hoffnung) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

Unglaubliche 7′492′520′505,97 Euro haben die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland 2012 von den Gebührenzahlern eingenommen, und sie tun es jedes Jahr wieder.

Das Deutschlandradio, das am ehesten das liefert, wofür Öffentlich-Rechtliche geschaffen worden sind, hat dabei nur etwa 2,5 Prozent der 7,5 Milliarden abbekommen, 192 Millionen. Der ganz grosse Teil geht drauf für Sportübertragungen, Krimikomödien, Kochshows und Bürokratie.

Und in der Schweiz? Wurden 2012 Gebührengelder in der Höhe von 1298 Millionen Franken eingezogen, wovon 1188 Millionen Franken an die SRG gingen.

Diese für Otto Normalkonsument ungeheuerlich hohen Zahlen zwingen die Öffentlich-Rechtlichen zur Demut gegenüber ihren Geldgebern, gerade deswegen, weil diese Beiträge nicht freiwillig erfolgen, sondern wie Steuern eingezogen werden, auch von solchen, die das Angebot gar nicht nutzen. Journalisten, die für das Öffentlich-Rechtliche arbeiten, sind viel direkter der Öffentlichkeit verpflichtet und haben weniger Freiheiten als Journalisten in der Privatwirtschaft. Sie haben einen direkten Auftrag der Gebührenzahler, während privatwirtschaftlicher Journalismus eher allgemein der Öffentlichkeit verpflichtet ist.

 

Wahrhaftigkeit: weniger Schrott, bitte!

Iusticia (Gerechtigkeit) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

Weil öffentlich-rechtliche Journalisten oft sehr viel besser ausgebildet, ausgerüstet und bezahlt sind als ihre privat finanzierten Kollegen, darf man von ihnen auch mehr Qualität erwarten.

Spekulationsmeldungen wie «Stocker ins Ausland?» (srf.ch vom 16. April 2013) oder «Stocker schon bald bei Schalke?» (srf.ch vom 13. August 2013) über den nach wie vor beim FC Basel unter Vertrag stehenden Valentin Stocker sind unangebracht und nicht öffentlich-rechtlicher Auftrag. Gleiches gilt für Horoskope auf Radio SRF3, das Ausmessen von Oberweiten auf TV SRF2, und erschreckend viel anderes. Die sechsmal wöchentlich ausgestrahlte Promisendung «Glanz & Gloria» etwa befindet sich SRF-intern tatsächlich in der Abteilung «Information» (nicht «Unterhaltung»).

Was alle Journalisten unterlassen sollten, gilt für Angestellte der Öffentlich-Rechtlichen in besonderem Ausmass. Es gilt die Verpflichtung zur absoluten Faktentreue und zur transparenten Korrektur von Fehlern. Wenn man etwas von den Öffentlich-Rechtlichen erwarten darf, dann geprüfte Fakten. Alles andere – Unterhaltungswert, Kreativität, Witz, Auftreten, Ästhetik – ist nachrangig.

 

Mässigung: die Quote ist nicht alles

Temperantia (Mässigung) aus der Reihe «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Ausschnitt, Public Domain

Das Öffentlich-Rechtliche ist dazu da, zu informieren, und zwar abseits vom Druck des Publikums. Es müssen also weder Klickzahlen noch Einschaltquoten gebolzt werden.

Klingt absurd? Ist es nicht, eine solche Position wird auch von Verantwortlichen bei den Öffentlich-Rechtlichen geteilt, zum Beispiel von Ulrich Wilhelm, dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks:
 

Die Öffentlich-Rechtlichen sind in der privilegierten Situation, nicht auf Quoten schielen zu müssen. Die Quote darf ohnehin nie zum Selbstzweck werden, sie ist lediglich eine dienende Größe, die in Anbetracht der Mediennutzung des Internets an Aussagekraft verliert.

 
Somit kann man es sich leisten, auf banale Debatten nicht einzugehen, und das zu machen, was wichtig ist und einen Wert hat. Wer nicht versteht, was ich meine, möge doch mal Ausland und Feuilleton in der NZZ lesen, so geht’s!

So gesehen, könnte TV SRF2 per sofort eingestellt werden, entspricht doch kaum eine dort ausgestrahlte Sendung dem ursprünglichen Gedanken des Öffentlich-Rechtlichen. Comics, Serien und Sport sind für eine Gesellschaft nicht überlebenswichtig, miteinander im Wettbewerb stehende Privatsender können solche Aufgaben hervorragend übernehmen. Oder könnten, wenn nicht freiheitsfeindliche Politiker Gesetze erlassen hätten, die das verhindern.

Wäre Radio SRF4 politisch völlig unvoreingenommen und so klug und professionell wie der Deutschlandfunk, dann wäre das bestes öffentlich-rechtliches Radio. Bestes öffentlich-rechtliches Fernsehen liefert der deutsche Digital-Spartenkanal ZDFinfo, auf dem fast nonstop Bildung läuft. Er könnte TV SRF2 als gutes Beispiel dienen.

 

 
Crosspost von der Schweizer Medienwoche. Ausschnitte aus «Die sieben Tugenden» von Pieter Brueghel dem Älteren, 1561/1562, Public Domain