In eigener Sache: Wo endet Toleranz, wo beginnt Zensur?

Der Beitrag von Kerstin Ludwig „Äpfel, Birnen, Feministinnen“ hat zu Irritationen geführt. Und die Frage aufgeworfen: Soll Carta solche Beiträge überhaupt publizieren? Hier unsere vorläufige Antwort.

Liebe Antje Schrupp, lieber Anatol Stefanowitsch, liebe KritikerInnen und KommentatorInnen,

Carta ist eine Autorenplattform, kein Debattier-Club, in dem sich nur Gleichgesinnte treffen. Auf Carta haben seit Oktober 2008 mehr als 400 Autoren publiziert. Die „Stammautoren“ wechseln und umfassen im Schnitt etwa 40 Autoren. Zur gegenwärtigen „Stammbelegschaft“ zählt auch Kerstin Ludwig, die sich durch viele gute und sachliche Beiträge qualifiziert hat.

Ludwigs polemischer Einwurf richtet sich gegen zwei Beiträge im Netz, die nicht gerade vor Sachlichkeit und Argumentationsstärke strotzen. Im Kern wird dort behauptet, es gebe eine Heldenverschwörung weißer Männer, die sich des NSA-Skandals nur bedienten, um ihre männlichen Heldenbedürfnisse zu befriedigen (und Frauen weiter zu unterdrücken). Das ist zwar ein origineller Gedanke, er führt aber ein wenig vom Thema „Überwachung“ und „Geheimdienste“ ab. Gegen diese Form der Ablenkung polemisiert der Beitrag von Kerstin Ludwig.

Und das ist erlaubt. Carta-Beiträge müssen nicht per se sachlich sein, es sind viele Stilformen möglich, darunter polemische Einwürfe (die sich ihrerseits auf Polemiken beziehen können) – so lange persönliche Beleidigungen unterbleiben. Sowohl die Piraten als auch die AfD, sowohl die FDP als auch manche Buch-Autoren, Journalisten und Politiker wurden hier in Beiträgen und Kommentaren scharf (und manchmal übers Ziel hinausschießend) kritisiert. Wir halten die meisten unserer Leser für so erfahren, dass sie sehr wohl differenzieren können und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. (Wie tolerant Gerichte in Sachen Polemik heute sind, konnte man unlängst an einem Urteil sehen, das sich zwar auf „Satire“ bezieht, aber in seiner Begründung doch höchst interessant ist).

Nun zur Duldung von Kommentaren, die durch Beiträge ausgelöst werden: Dass uns Kommentartrolle hin und wieder durchrutschen, ist leider nicht zu verhindern. Um sie ganz zu verhindern, müssten wir jeden Kommentar erst mal auf Halde legen und dann frei schalten, bearbeiten oder löschen. Das verlangsamt (bei sehr kleinen Redaktionen wie der unseren) den Prozess der Debatte und könnte dazu führen, dass Debatten unter derart restriktiven Bedingungen gar nicht mehr zustande kommen.

Der Gradmesser bei Kommentaren kann für uns auch nicht die Sorge sein, ob dieser oder jener Gruppierung mit einer Formulierung vielleicht auf den Schlips getreten wird, sondern lediglich, ob jemand persönlich herabgewürdigt oder verleumdet wird. Es wäre für uns eine unzumutbare paternalistische Maßnahme, permanent darüber entscheiden zu müssen, ob ein Kommentar eine Debatte wirklich weiterbringt oder nicht: jede Form von Humor oder Relativierung oder Polemik oder auch Unsinn unterfiele dann dem pädagogisch-politischen Geschmack der jeweiligen Redakteure. Das kann es nicht sein. Wir plädieren deshalb für mehr Gelassenheit, obwohl auch wir uns ärgern, wenn Texte nur zum Anlass genommen werden, das zu posten, was man der Welt schon immer mal mitteilen wollte.

Bei feministischen Themen – diese Erfahrung müssen wir leider immer wieder machen – ist die Trollerei besonders aggressiv. Manche Maskulisten gefallen sich in ihrer anti-feministischen Wutschnauberei so sehr, dass sie ihre kleinen stinkenden Häufchen an möglichst vielen Stellen hinterlassen müssen. Wir finden das schade, weil die feministischen Themen unserer Meinung nach breiter und ernsthafter behandelt werden müssten. Wir finden deshalb die Kommentarregeln von Antje Schrupp in ihrem Fall nachvollziehbar, aber Carta ist eben kein Blog einer/s Einzelnen. Es gibt auch Blogger, die sich auf Google+ zurückziehen, weil sie sich ihre Debattenpartner aussuchen wollen, bzw. weil sie ihre Zeit nicht mehr mit Leuten verschwenden wollen, die immer wieder bei Adam und Eva anfangen oder Störsignale senden, die bevorzugte Debattenpartner vergraulen.

All das ist verständlich, aber es passt nicht zu einer offenen Form wie Carta.

Wir setzen nach wie vor auf unsere Leser und AutorInnen, die selbst in Debatten korrigierend eingreifen und Verletzungen oder grobe Einseitigkeiten monieren und abmahnen. Eine gute Kommentarkultur kann sich nur in der Praxis ausbilden, man kann sie nicht von oben oder von außen verordnen. Es sei denn, man zieht sich in einen Club oder in sein Wohnzimmer zurück oder betrachtet sein Blog als Kneipenwirtin, die über die Zulassung ihrer Gäste bestimmt. Eine Plattform-Öffentlichkeit unterscheidet sich aber in einigen Nuancen von einem klassischen Tendenzbetrieb, einem Wohnzimmer oder einer Kneipe.

Natürlich werden wir uns die Kritik, die jetzt an Carta geübt wird, zu Herzen nehmen. Auch das sind wir einer Autorenplattform schuldig.

Zwar gilt grundsätzlich, dass sich Autoren gegenseitig tolerieren sollten, gerade wenn sie unterschiedlicher Meinung sind und unterschiedliche Stile pflegen. Es darf auch zu Debatten zwischen Carta-Autoren kommen. Das macht ja den Reiz eines Debattenportals aus. Wobei wir uns natürlich in erster Linie argumentative Stärke wünschen. Es gibt im Netz schon eine ganze Reihe von „Debattenportalen“, die sich durch große Gediegenheit auszeichnen, aber leider null Debatten auslösen. Das enthebt uns natürlich nicht der journalistischen Sorgfaltspflichten und bestimmter Kriterien bei der redaktionellen Auswahl. Wir sind da lernfähig. Insofern hoffen wir, dass die Autoren, die uns jetzt kritisieren oder die Mitarbeit aufkündigen, ihre Entscheidung noch einmal überdenken. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn sowohl Antje Schrupps als auch Anatol Stefanowitschs gute und wichtige Beiträge weiter auf Carta erscheinen könnten.

Herzliche Grüße und danke für die offene Debatte.

Vera Bunse, Wolfgang Michal