Das neue Verständnis von “gut informiert” sein: Lesen, was Freunde lesen

Auf die unübersehbare Vielfalt der medialen Angebote im Internet hat eine neue Generation längst ihre Antwort gefunden: Sie folgt nicht mehr einzelnen Leitmedien, sondern den Meinungsführern im persönlichen Freundeskreis.


Junge Menschen lesen bekanntlich keine Zeitung mehr. Aber was tun sie dann? Sie halten sich lang und gern im Internet auf, insbesondere auf Social Networks wie Facebook. Dort können sie anhand des Newsfeeds sehen, was ihre Freunde gerade tun oder interessant finden. Darüber sollte man nicht vorschnell hinwegsehen, auch wenn so ein Newsfeed auf alle über 30-Jährigen eher banal wirkt. Denn in ihm steckt möglicherweise einer der Schlüssel zum Medienverständnis der Zukunft.

Nachrichten und Kommunikationsmuster

Ältere Menschen fühlen sich gut informiert, wenn sie ihre (gedruckte) Tageszeitung durchsehen konnten. Die etwas Jüngeren suchen sich ihre Nachrichten im Internet, sei es auf Nachrichtenportalen oder in Blogs. Dazu haben viele von ihnen jede Menge Newsletter abonniert. Die jüngste, schon ganz mit dem Internet aufgewachsene Generation, versteht unter “gut informiert sein”, dass sie darüber im Bilde ist, was ihre Freunde im Netz gut finden: Das können Videos auf YouTube sein, aber auch einzelne Artikel oder Diskussionen in einem Chatroom.

Auf die unübersehbare Vielfalt und Menge der medialen Angebote im Internet hat diese Generation längst ihre Antwort gefunden: Sie folgt nicht mehr einzelnen Leitmedien, sondern den Meinungsführern im persönlichen Freundeskreis. Instrumente wie der 2006 auf Facebook erstmalig eingeführte Newsfeed helfen dabei, das dafür erforderliche Kommunikationsmuster zu pflegen.

Aktuell ist das von Jugendlichen noch kaum genutzte Twitter dabei, exakt dieses Muster bei den etwas älteren Internetnutzern zu verbreiten: Wer nämlich den ganzen Tag über den getwitterten Linkempfehlungen seiner Twitterfreunde folgt, kommt schon aus Zeitgründen nicht mehr dazu, ein einzelnes Medium systematisch zu lesen.

Ob dieser Wandel im Medienkonsum gut oder schlecht ist, soll hier nicht diskutiert werden. Vielmehr geht es um die Frage, ob Zeitungen, die gerade beginnen sich mit dem Internet näher anzufreunden, dort nicht schon wieder den Anschluss verlieren, weil sie von einem überholten Kommunikationsmuster ausgehen.

menchen

"If the news is important, it will find me."

Facebook und Google

Denn das Internet entwickelte sich zunächst in Analogie zu den gedruckten Medien, wo man als Leser von einer Internetseite zur nächsten ging. Medien wie Facebook rütteln aber an diesem Konzept und bieten sich als Alternative an, bei der man nicht mehr zu den Nachrichten hingeht, sondern diese zum Nutzer selbst kommen.

Diese Sicht auf die Dinge mag ungewöhnlich wirken, wenn man den Gebrauch von Medien vor dem Internetzeitalter erlernte oder von dessen Anfängen in den 1990er Jahren stark geprägt wurde. Wer aber wie die Millennials eine Zeit ohne Internet kaum mehr kennt, findet das Konzept von Facebook offenbar sehr überzeugend.

Dabei hat das noch junge Startup bereits einige Höhen und Tiefen hinter sich. Noch immer fehlt ihm ein nachhaltiges Geschäftsmodell und nicht zuletzt an der absurd hohen Bewertung scheiterte sein Versuch, Twitter zu übernehmen.

Auf der Habenseite sind Innovationen wie der oben erwähnte Newsfeed, aber auch die im Mai 2007 eingeführte Schnittstelle für (externe) Entwickler zu nennen, die damit erstmals eigene Applikationen auf Facebook laufen lassen konnten. So etwas gab es vorher nirgendwo sonst. Wer heute über die Schnittstellen der New York Times oder des Guardian spricht, muss den konzeptionellen Ursprung bei Facebook sehen.

So ist es auch kein Wunder, dass man Facebook immer wieder nachsagt, größer und wichtiger als Google werden zu können (“Google Killer”). Dazu passend gibt es Gerüchte, Facebook wolle einen eigenen Browser auf den Markt bringen.

Diese Aspekte müssen Zeitungsverlage bedenken, wenn sie sich von Google bedroht fühlen und den Eindruck haben, diese Suchmaschine habe zu viel Einfluss. Google ist ein Kind aus der Zeit der Seiten und Dokumente im Internet und damit geprägt von den 1990er Jahren. Facebook hingegen ist etwas Neues. Es steht für Begriffe wie “Social Graph” und “Social Search“. Sein Gründer, Mark Zuckerberg, ist selbst ein Millennial und prägt zusammen mit seinen Entwicklern das Internet aus dieser spezifischen Sicht, nach der alles Wichtige schon seinen Weg zum richtigen Empfänger finden wird.

Wundert es da noch jemanden, dass Facebook aktuell das größte Social Network weltweit ist und pro Tag mehr als 600.000 neue Mitglieder gewinnt? Auch in Deutschland sieht es jetzt so aus, als würde Facebook an Fahrt gewinnen und das Feld der Wettbewerber von hinten aufrollen.

Zeitungen und Leser

Zeitungsverlage befinden sich also in einer misslichen Lage: Ihren älteren Stammlesern sollen sie weiterhin die gedruckte Zeitung ins Haus liefern, einer mittleren Generation dürfen sie möglichst attraktive Portale im Internet bieten und den jüngsten Lesern gilt es, die Nachrichten einzeln hinterher zu tragen und irgendwie bei Facebook oder Twitter einzuschleusen. Kann so etwas gut gehen?

Eigentlich nicht. Da aber bekanntlich den jungen Leuten die Zukunft gehört, wird Verlagen, die selbst auch eine Zukunft haben möchten, gar nichts anderes übrig bleiben, als hier den Anschluss zu suchen.

Der Schlüßel zum Erfolg liegt im Verständnis der Mediennutzung verschiedener Alters- und Zielgruppen. Nur wer sein Angebot entsprechend anpassen kann, wird auf Dauer überleben können. Den Mitgliedern auf Facebook ist es egal, ob irgendwo ein Medium sein Erscheinen einstellt, ihr Newsfeed ist dennoch stets gut gefüllt. Das Internet ist schließlich eine unerschöpfliche Fundgrube für Neues, Kurioses und Unterhaltsames.

Anmerkung: Foto von DigitalTool. Mehr zum Zitat unter dem Foto auch hier.