Die oberen zwanzig Prozent

In "The XX-Factor" untersucht Alison Wolf den Einfluss weiblicher Erwerbsarbeit auf gesellschaftliche Entwicklungen und stellt eine interessante Gruppenbildung fest.

Es ist immer unbefriedigend, wenn irgendwo von “den Frauen” die Rede ist, denn dann stellt sich ja sofort die Frage, von welchen Frauen genau die Rede ist – und von welchen nicht. Andererseits ist die Zugehörigkeit zur Gruppe der Frauen für keine bedeutungslos, auch wenn diese Bedeutung je nachdem unterschiedlich sein mag. Und natürlich sind alle Übergänge zwischen den einen und den anderen fließend, gibt es für alles, was über die einen oder die anderen gesagt werden kann, Ausnahmen. Die Frage, welche Unterscheidungen man für eine bestimmte Fragestellung trifft, ist letztlich eine analytische.

Die britische Ökonomin Alison Wolf hat für ihr Buch “The XX-Factor” unterschieden zwischen dem einkommensstärksten Fünftel der Frauen und den anderen vier Fünfteln. Denn ihr ist aufgefallen, dass es in Bezug auf ihre Fragestellung – nämlich, wie die Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen prägt – große Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt. Und einige ihrer Thesen geben mir zu denken.

Wolf hat dabei eine globale Perspektive, für Deutschland sehen manche Aspekte vielleicht ein klein wenig anders aus. Ihre These, die sie mit zahlreichen Statistiken untermauert, ist, dass im oberen Fünftel sich die Lebenswelten, die Karrierewege und die Familienplanung von Frauen und Männern inzwischen sehr weit angeglichen haben. So weit, dass sie der Meinung ist, dass man sich feministischerweise um die noch verbliebenen Unterschiede im Detail nicht mehr groß sorgen muss, weil die sich schon in Bälde von selbst erledigt haben werden.

In diesem oberen Fünftel sind die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern inzwischen sehr gering. Auch die Berufe, um die es hier geht, tendieren dazu, nicht mehr geschlechtlich geprägt zu sein. Es gibt kaum noch geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Ärztinnen und Ärzten, Anwältinnen und Anwälten, Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern diverser Branchen. Überhaupt haben fast alle akademischen Berufe  inzwischen Frauen in ihren Reihen akzeptiert.

Fast alle der hier noch aufzufindenden Unterschiede betreffen laut Wolf nicht die Top-20-Prozent, sondern die Top-1-Prozent, also die allerhöchsten Ebenen des Managements zum Beispiel. Ab der zweiten oder dritten Reihe aber sei in diesen Einkommensgruppen die Gleichberechtigung, von Details abgesehen, vollzogen.

Ganz anders sieht es jedoch in vielen anderen Berufsgruppen aus: Verkäuferinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern, beziehungsweise Techniker, Mechaniker, Bauarbeiter sind nach wie vor sehr geschlechtshomogen sortiert. Hier sind auch die Einkommensunterschiede am größten, was eben überwiegend nicht daran liegt, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, sondern daran, dass sie unterschiedlich bezahlte Berufe haben. Und vor allem daran, dass der Anteil von Frauen, die Teilzeit arbeiten, hier viel größer ist.

Das wirkt auf den ersten Blick unverständlich, weil man meinen könnte, dass in Familien mit geringeren Einkommen die Notwendigkeit, dass beide Erwachsenen Geld verdienen, größer ist. Das stimmt auch – jedoch nur in den untersten Lohngruppen, wo das Einkommen dringend benötigt wird.

In den “mittleren” Berufsfeldern hingegen sind gerade Mütter sehr viel häufiger in Teilzeit als bei den Akademikerinnen. Wolf erklärt das damit, dass der Nutzen der Vollzeit-Erwerbstätigkeit hier kleiner ist. Wenn eine Altenpflegerin, eine Sachbearbeiterin oder eine Grundschullehrerin für ein paar Jahre aus dem Beruf aussteigt oder ihre Stunden reduziert, schadet das ihrer weiteren Laufbahn (deren Perspektiven eh beschränkt sind) weitaus weniger als einer Chirurgin, einer Managerin oder einer Staatsanwältin. Und außerdem ist der Verdienstausfall, absolut gesehen, geringer, weil sie eben weniger verdient, zumal, wenn Kinder da sind und deshalb häusliche Dienstleistungen eingekauft werden müssen.

Das “rechnet” sich nur, wenn der Lohnabstand zwischen der Kinderfrau oder der Putzhilfe und derjenigen, die sie bezahlt, möglichst groß ist. Für andere ist die Frage, wofür sie sich den Stress antun sollen, nicht so klar zu beantworten: Wenn es sich weder finanziell noch karriereperspektivisch wirklich lohnt, warum dann nicht stressfrei für ein paar Jahre auf eine halbe Stelle gehen – oder mal ganz pausieren?

Das führt im Übrigen zu weiteren Unterschieden, die interessant sind. Der erste ist der, dass das Pensum, das für Erwerbsarbeit aufgebracht wird, heute bei Gutbezahlten im Schnitt höher ist, als bei schlecht oder mittel Bezahlten, sowohl, was die gewählte Stundenzahl betrifft, als auch im Hinblick auf die Anzahl der Überstunden. Das ist historisch gesehen etwas Neues: früher haben die Reichen nämlich  deutlich weniger Arbeitsstunden absolviert als die Ärmeren. Aber es führt eben auch zum Wieder-Entstehen einer “Dienstbotenklasse”, ohne die dieses Pensum gar nicht möglich wäre.

Der zweite Unterschied betrifft die Familienstabilität. Im oberen Fünftel sind deutlich mehr Menschen verheiratet, praktisch alle Kinder werden hier “ehelich” geboren, und die Ehen werden auch seltener geschieden.

Dieser Punkt ist übrigens das, was mich am meisten nachdenklich gemacht hat. Laut Wolf ist das “assortative mating”, also die Wahl von Ehepartner_innen nach (kultureller, gesellschaftlicher, finanzieller) Ähnlichkeit, heute weitaus stärker ausgeprägt als noch vor einigen Jahrzehnten. Das heißt, die Reichen heiraten heute mehr als früher nur noch untereinander, und zwar vor allem deshalb, weil sie einen möglichst “guten” Vater bzw. eine möglichst “gute” Mutter für ihre Kinder wollen.

Diese Eltern verwenden ein Gutteil ihres Einkommens darauf, ihren Kindern möglichst die besten Chancen zu geben, Privatschulen, alle möglichen Förderungen, und so weiter. Es ist abzusehen, dass die soziale Schere damit in den folgenden Generationen noch mehr auseinandergeht – ein Trend, bei dem Deutschland mit einem vergleichsweise geringen Anteil an Privatschulen und einem (noch) nicht sehr ausgeprägten Eliteuniversitäten-System zum Glück bislang im internationalen Maßstab hinterher hinkt.

Ich finde dieses Augenmerk auf die Unterschiede zwischen “oberem Fünftel” und “unteren vier Fünftel” ziemlich überzeugend, und auch überzeugender, als den etwa bei den Occupy-Protesten aufgemachten Unterschied zwischen dem “einen” und den “99 Prozent”.

Auch Wolf beschäftigt sich mit diesem einen Prozent der Superreichen, die sich vom oberen Fünftel ingesamt noch einmal absetzen – manchmal auch durch ostentative Nicht-Erwerbstätigkeit der Frauen, oder dadurch, dass sie nicht zwei, sondern auch schon mal vier oder fünf Kinder haben, weil sie es sich eben leisten können (während die “normal” Reichen auf dem von ihnen gewünschten Niveau nur zwei Kinder zur Elite heranziehen können).

Denn im Vergleich zu dieser Ein-Prozent-Elite sind wir alle arme Würstchen. Das obere Fünftel hingegen ist vielleicht gar nicht allzu weit weg, und auch, wenn wir selbst nicht dazu gehören, so doch vermutlich ein paar Leute, die wir kennen.

Mich würde mal interessieren, bei welchem Jahreseinkommen das in Deutschland beginnt: Wie viel muss jemand verdienen, um gerade so zu den einkommensstärksten 20 Prozent zu gehören? Falls jemand das weiß oder Ideen hat, wo man das recherchieren könnte, bitte gerne in die Kommentare!

Nachdenkenswert finde ich auch Wolfs Vorwurf, dass viele feministische Forderungen und Errungenschaften der letzten Zeit sich mehr an den Bedürfnissen und Interessen dieses oberen Fünftels orientiert haben, als an denen der mittleren oder niedrigen Einkommensgruppen.

Die Umverteilung von unten nach oben qua Elterngeld gehört zum Beispiel dazu, auch der starke Fokus auf Frauenquoten für Führungspositonen oder gar Aufsichtsräte. Und auch das Ehegattensplitting bzw. die einmütige Forderung nach dessen Abschaffung erscheinen da noch einmal in einem anderen Licht: Wenn es stimmt, dass bei dem reichsten Fünftel die Vollerwerbsquote von Frauen deutlich höher ist als bei den weniger Reichen, dann wären genau sie es, die kein Interesse mehr haben, weniger wohlhabende Familien, die das Ehegattensplitting noch häufiger in Anspruch nehmen, durch ihre Steuern zu subventionieren.

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Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit