Revolutio… oooh, ein Eichhörnchen!

Schluss mit niedlich: Es könnte sein, dass wir uns bald entscheiden müssen.

tl;dr: Für dich habe ich dieses niedliche Eichhörnchenvideo vorbereitet. Und dann geh spielen.

 
In den letzten Wochen ging eine Reihe von Texten durchs Netz, in denen Menschen schrieben, dass sie Sachen nicht verstehen.

Ich kann das gut verstehen, das Nichtverstehen, das Dasitzen und “WTF???”-Denken, das Haareraufen vor Fassungslosigkeit, das Händeringen und das Aufgeben der Hoffnung, dass es doch eines Tages einmal großflächig Hirn regnen möge.

Ich verbringe die Tage nur noch zwischen Schreibtisch und Gesichtspalme, von den Gesichtspalmen habe ich inzwischen so viele, dass ich ganz Berlin (und Brandenburg!) mit einem Palmengarten bepflanzen könnte. Ich traue mich kaum mehr, eine Zeitung aufzuschlagenrufen, weil ich genau weiß, dass wieder nur dieselben Worthülsen von denselben Leuten drinstehen, wieder nur dieselben Schreckensmeldungen. Im Westen nichts Neues. Im Norden, Süden und Osten genauso wenig. Die Tage und Meldungen unterscheiden sich nur noch darin, dass sie das scheinbar Unmögliche tun: und die Grenze des möglichen Entsetzens wieder ein Stück weiter nach außen verschieben.

Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass nicht-Verstehen der falsche Terminus ist. Denn uns allen ist doch so was von klar, warum all das geschieht. Warum die ganze Welt überwacht wird, warum alle jetzt mal Drohgebärden inszenieren, warum jeden Tag weltweit völlig bedenkenlos Verfassungen und Gesetze gebrochen werden, die Umwelt zerstört wird, die Pressefreiheit egal ist, warum weltweit Gewalt eskaliert und niemand etwas unternimmt, warum Nazis vor Asylanten den Hitlergruß zeigen.

Weil sie es können.

 
Und weil niemand sie daran hindert. Weil niemand sie daran hindern kann, geschweige denn, will. Und mit “sie” meine ich Politiker, Regierungen, Geheimdienste, Verfassungs”schutz”, Polizei, Diktatoren, die Banken, die Wirtschaft, Nazis mit aus-der-Mitte-der-Gesellschaft-Hintergrund. Es ist nicht, dass wir all das nicht verstünden.

Die Dimensionen der Ungerechtigkeit, der alltäglich gewordenen Rechtswidrigkeit, der “uns doch scheißegal”-heit der Mächtigen, der Geldgeilheit, der Feindlichkeit, der “alles für die Diplomatie!”-heit um uns herum sind nur inzwischen so groß, dass wir sie einfach nicht mehr fassen können. Begreifen können.

Die offiziell wichtigsten Werte der meisten Länder sind immer noch die Würde, Freiheit und Gleichberechtigung jedes Menschen, Frieden und Gerechtigkeit, Freiheit der Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit.

Diese Werte sind aber, inzwischen sogar offiziell, den meisten Ländern einfach nur total egal. Weil längst andere Werte wichtig und zur Entscheidungsgrundlage geworden sind. Es läuft hinaus auf die Altbekannten: Geld, Macht und Wissen. Und weil in diesem System Geld gleichzeitig auch Macht und Wissen nach sich zieht oder direkt zu selbigem führt, ist das, worauf es immer hinausläuft: Geld. Geld, Geld, Geld, Geld, Geld. Antrieb, Schmiermittel, Erhalter des Systems, in dem wir leben. Ja, ich spreche hier über

Das System

 
Das war mal ein Kampfbegriff. Inzwischen ist es zum belächelten Schlagwort geschrumpft.

Wer nimmt denn heute noch Systemkritik ernst? Mal ehrlich – bislang konnte man es in diesem System noch ganz behaglich haben: sich mal ein bisschen ärgern, dass es wieder so scheiße läuft um uns herum, angefangen bei den ganz kleinen Dingen, endend beim großen Ganzen. Sich ärgern, dass die Gebühren für den öffentlichen Nahverkehr in der eigenen Stadt wieder steigen, und die Augenbrauen hochziehen, weil schon wieder irgendwo auf der Welt Bürgerkrieg herrscht.

Dann hat man die Zeitung zugemacht, ist mit dem eigenen Auto zur Arbeit gefahren, hat seine acht Stunden abgesessen, fuhr zum Abendbrot nach Hause, schaute irgendwas im Fernsehen und ging ins Bett. Und am nächsten Tag alles auf Anfang. So ging das ein paar Jahre lang ganz gut, es war nur irgendwie ärgerlich, dass der Blick in die Zeitung oder in die Nachrichten immer so einen Schatten auf das eigene, zwar nicht immer himmelhochjauchzende, aber doch ganz hübsch eingerichtete Dasein warf.

 

Nachrichten als Störfaktor zum Zuschlagen oder Ausschalten.

So war das mal. Und so funktionierte das ganz lange, wenn man nur rechtzeitig ausschaltete und nicht länger nachdachte. Ein guter Freund hat letztens gesagt, “es ist schwer, eine Revolution zu starten, wenn der eigene Job daran hängt”. Die meisten von uns haben sich in die wohl am weitesten verbreitete Abhängigkeitsspirale begeben – a job you hate to buy crap you don’t need to impress people you don’t like.

Wer Glück hat, macht das alles wenigstens für einen Job, der so was wie “Sinn” verspricht, persönliche Entfaltung, Verwirklichung verheißt. Also haben wir uns irgendwie eingerichtet. In unseren netten kleinen Jobs, Wohnungen, Filterbubbles, Freundeskreisen, Communitys, Netzwerken. Wir haben uns eine kleine, heile Welt gebaut, die immer wichtiger wurde, je mehr die Welt da draußen durchdrehte. Weil wir Schutzräume brauchen. Weil wir sonst durchdrehen würden, und weil jeder, der mehr als eine Gehirnzelle und eine Minute pro Tag darauf verwendet, über die gegenwärtigen Zustände nachzudenken, binnen kürzester Zeit dem Wahnsinn anheimfallen muss.

Mein Freundes- und Bekanntenkreis setzt sich in erster Linie zusammen aus halbwegs bis ziemlich politisch interessierten Menschen zwischen Mitte zwanzig und Anfang vierzig. Vor einiger Zeit bewegten sich die Diskussionen mit ihnen noch auf dem Level “Was können wir tun?”. Inzwischen haben sie binnen relativ kurzer Zeit dieses Niveau erreicht:

“Wir können nur noch zusehen, wie alles den Bach hinuntergeht.”

“Kommt, wir werfen unser weniges Geld zusammen, kaufen einen Bauernhof in Brandenburg, pflanzen Kartoffeln und richten uns so ein, dass wir im Fall der Fälle autark sind.”

“Hauptsache, weg aus Deutschland.”

Ich gehe nach Portugal und pflanze Rüben.

 
Und, von den etwas Optimistischeren: “Es wird schon weitergehen. Es ist immer irgendwie weitergegangen. Also wird es auch diesmal wieder weitergehen.”

Wir (und damit meine ich erst mal uns in der westlichen Welt) sind immer noch in einer wahnsinnig privilegierten Lage. Wir sind zwar permanenter Spionage und einer unfähigen Regierung ausgesetzt, aber weder Krieg, noch anderen existenziellen Bedrohungen wie Seuchen oder Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit.

Doch selbst, wenn das zunächst so bleiben mag, glaube ich, dass das mit dem Einrichten nicht mehr lange funktionieren wird. Und dass bald der Punkt kommt, an dem auch wir uns entscheiden müssen. An dem wir uns nicht mehr einrichten können, sondern klar Position beziehen müssen: ob wir einverstanden sind damit, dass die Welt den Bach hinuntergeht, so lange wir unsere eigene Haut dabei retten. Oder ob wir etwas tun wollen, damit sich etwas für mehr als nur für uns selbst ändert. Wir werden die Entscheidung treffen müssen, in was für einer Welt wir leben wollen. Und ich glaube, es gibt bald nur noch genau drei Optionen:

 

Option 1 – die Affen: Nichts sehen, hören, sagen, sich vollständig abschotten gegen alles, was passiert. Zusehen, dass man seine eigene Haut rettet. Und wenn die Welt dann untergeht, am Rand des Abgrunds stehen, freundlich winken und ein Erinnerungsfoto auf Facebook posten.

Option 2 – der Aufstand: Sich mit ähnlich Denkenden zusammentun, streiken, demonstrieren, die Welt mit kleinen Schritten und Maßnahmen verändern, neue Wege des Arbeitens und (Zusammen)Lebens probieren, Regierungen stürzen, alles tun für die Veränderung, und glauben und hoffen, dass es eine Veränderung zum Guten geben kann und wird.

Option 3 – das Einsiedlertum, auch möglich in Kombination mit 1 – Affen: Haus in Brandenburg oder irgendwo anders, vielleicht mit ein paar Vertrauten / Gleichgesinnten, oder alleine, zunächst noch einige Vorzüge des “Systems” nutzend (fließend Wasser! Strom! Internet!), gleichzeitig proben für die Unabhängigkeit von alldem, um im Ernstfall gerüstet zu sein.

In jedem Fall werden wir uns entscheiden müssen, wenn wir nicht sehenden Auges durchdrehen wollen in Anbetracht des Wahnsinns um uns herum. Und mit “wir” meine ich auch mich.

 

Das wird schon wieder.

Ich bin völlig unpolitisch erzogen worden. Dass ich mich mit Politik und den Weltgeschehnissen überhaupt auseinandersetze, ist ein Prozess, der vor wenigen Jahren erst begonnen und an Intensität stetig zugenommen hat.

Jetzt ärgere ich mich über mich selbst. Dass ich so lange so untätig war, zu lange gehofft habe, dass es schon von alleine besser wird. Geglaubt habe ich das nie, aber mich so verhalten, als wäre eine positive Veränderung aus dem bestehenden System heraus möglich.

Blödsinn. Is‘ nich.

Ich kann nicht weiter tatenlos zusehen, auf dem Status quo verharren und abwarten, während alles den Bach hinuntergeht. Klar habe ich kein Patentrezept, keine ultimative Lösung. Und meine Frustration, meine Wut, sind groß, aber noch nicht so groß, dass ich meine Wohnung gekündigt, mein Zelt geschnappt und mit fliegenden Fahnen das Land verlassen hätte. Wenn alles so weitergeht, wird es aber nicht mehr lange dauern, bis ungefähr das passiert.

Das alles klingt immer so wahnsinnig groß. Die Frage ist doch, wie sehr wir uns von diesem System abhängig machen durch das, was wir jeden Tag tun. Ob wir nicht vielleicht versuchen wollen, mit weniger auszukommen, vor allem mit weniger Geld, ob das nicht genug sein kann und ein erster Schritt hin zu einer Veränderung.

Wo weniger Geld ist, wo vor allem auch weniger Geld nötig ist, ist weniger Abhängigkeit. Und dabei geht es doch nicht nur darum, das ganz große Ding zu starten. Es geht auch um diese Alltäglichkeiten, die kleinen Schritte, in denen eine Veränderung möglich ist.

Wie oft haben wir über alternative Energien und Transportmittel gesprochen, über die völlig ekelhaften Industrien, die wir schon mit unserem Lebensmitteleinkauf unterstützen, über die Frage, wie und womit wir unser Geld verdienen und wen wir damit unterstützen? Das ist alles nicht das, was die Welt verändern wird, wenn nur Eine_r es macht. Es ist genauso scheiße, wie alleine eine Demo zu veranstalten. Aber es ist ein verdammter Anfang.

Wir leben in einer Zeit, in der es für jedes “Ja” ein “Aber” gibt, für das digitale, einst Freiheit und Unabhängigkeit versprechende Internet eine Überwachung, und für jeden freien Menschen eine Repression. Es ist eine Zeit, in der wir entweder unsere letzte Hoffnung und unseren letzten Veränderungswillen der Resignation zum Fraß vorwerfen. Oder endlich mal den Arsch hochkriegen und anfangen, etwas zu verändern.

 

Es ist an der Zeit.

 
Es ist an der Zeit, aus dem Bett aufzustehen.

 


 
Disclaimer: Ja, ich betrachte das in erster Linie aus der Perspektive einer Mitte 20-jährigen weißen Frau, die in einer deutschen Stadt lebt, und zwar kein Geld und es beileibe nicht immer, aber doch meistens halbwegs gut hat. Ja, das ist ein ziemlich großes Fass, das ich da aufmache, für jemanden wie mich. Ja, ich bin polemisch und ja, ich pauschalisiere hier. Ja, es sind nicht alle™ so. Und ja, es ist mir scheißegal.

Ich habe lange genug differenziert.

Jetzt bin ich einfach nur noch wütend.

 
Crosspost von Dies ist keine Übung.