Das vernetzte Hörspiel

| 05.10.2013 | 6 Kommentare

Zehn Thesen zur Zukunft des akustischen Erzählens - und ein bisschen was über Medienpolitik.

 

# Das akustische Erzählen ist die Kunst des Radios

Hörspiele, Features, Radiokunst, Reportagen und Lesungen sind akustisches Storytelling. Wenn im Radio Wörter und Klänge so anspruchsvoll gestaltet und kombiniert werden, dass sie eine erhöhte Aufmerksamkeit, das Zuhören, verdienen, spreche ich von einer akustischen Erzählung. Es ist die Kunstform, die durch das Medium Radio hervorgebracht wurde. Alles andere ist Musik, Literatur, Film, Theater oder etwas anderes.

 

# Akustische Erzählungen sind kulturelle Güter von bleibenden Wert, deren Währung die Aufmerksamkeit ist

Radio bedient ein Spektrum an Bewusstseinszuständen. Dieses Spektrum reicht vom Nebenbeihören bis zum gezielten Zuhören. Oder auch vom Formatradio bis zur Hörkunst. Vom Begleitmedium bis zum Einschaltmedium.

Alles, was sich am zweiten Pol des Spektrums befindet, hat in irgendeiner Weise mit Kultur zu tun. Das ist der Ort, an dem akustisches Erzählen stattfindet. Je mehr das Radio kulturell aufgeladen ist, je mehr es einen Informationswert jenseits des Tagesgeschäfts hat, umso mehr Relevanz besitzt es.

Akustische Erzählungen sind zum Klingen gebrachte Zeit, deren Wert und Bedeutung sich in der Regel erst retrospektiv erschließt. Formatradio ist flüchtig, akustische Erzählungen streben nach Ewigkeit.

 

# Zeitsouveränes Zuhören kann nur online stattfinden

Das Zuhören ist überlebensnotwendig für das akustische Erzählen. Daher müssen die Storyteller des Radios nach den medialen Bedingungen fragen, unter denen sie ihr Publikum erreichen. Die Digitalisierung ist gerade dabei, diese medialen Bedingungen zu revolutionieren. Durch das Internet entstehen neue Räume des Zuhörens. Diese neuen Räume entstehen, weil das Publikum selbst bestimmen kann, zu welchem Zeitpunkt es die akustischen Erzählungen des Radios hören will. Im Jargon der Medientheoretiker nennt sich das zeitsouverän. Zeitsouveränes Zuhören kann nur online stattfinden. Lineare Sendeschemen werden unter den Bedingungen des Medienwandels zum Feind des Zuhörens.

 

# Das Internet ist kein programmbegleitendes Medium. Es wird zum Medium und der technischen Infrastruktur, über die Radio empfangen wird

Der Medienwandel wird das akustische Erzählen verändern. Daher ist es essentiell, den Kern der Digitalisierung und dessen Bedeutung für das Radio zu verstehen.

Die Produktion von Radioprogrammen ist seit Langem digitalisiert. Mit dem Internet und dem Eintritt in eine Netzwerkgesellschaft entsteht der entscheidende transformatorische Schub erst durch die Digitalisierung der Übertragung und des Empfangs von Inhalten: Bild, Ton und Text werden in Netzwerken über den gleichen Übertragungsweg verbreitet und auf den gleichen Geräten verarbeitet.

Diese Veränderung ist so grundlegend, dass sie nicht umsonst digitale Revolution genannt wird. Sie setzt eine Rückkopplungsspirale zwischen Medien und Technologie in Gang, die beide Seiten unter den ständigen Zwang zur Innovation und Erneuerung setzt. Die Digitalisierung der Übertragungskanäle befeuert die Weiterentwicklung internetfähiger Endgeräte wie PCs, Tablets, Smartphones, Smart-TVs oder Game-Konsolen, mit denen sich gleichzeitig Online-Medien, Fernseh-und Radioprogramme sowie Presseerzeugnisse empfangen lassen.

Die technische Konvergenz von Empfangsgeräten treibt eine inhaltliche Konvergenz der klassischen Medien wie Fernsehen, Radio und Presse voran, die im Internet zunehmend nicht mehr voneinander unterscheidbar sind. Die Tagesschau-App ist gleichzeitig auch ein Presseerzeugnis, ein vorgelesener journalistischer Artikel auch eine Form von Webradio, eine Audio-Slideshow zu einer Radiosendung zugleich auch Fernsehen. Dieser Medienwandel ist erst im Anfang begriffen. Versuche, für das Radio einen eigenen digitalen Übertragungsweg zu etablieren, wie das am terrestrischen Paradigma ausgerichtete Digitalradio DAB+, können bestenfalls Brückentechnologien darstellen. Das Internet wird perspektivisch irgendwann die Universalplattform für Online-Medien, Fernsehen, Radio und die Presse sein.

 

# Die Medienkonvergenz rechtfertigt den Rundfunkbegriff nicht mehr

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat diese Entwicklung verstanden. Die Einführung des Rundfunkbeitrags Anfang 2013 ist eine Konsequenz aus dieser Einsicht. Der Rundfunkbeitrag wird nicht mehr geräteabhängig für Radio- und Fernsehempfänger erhoben, sondern für jeden einzelnen Haushalt.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich schon jetzt die Programme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über jedes internetfähige Endgerät empfangen lassen. Die Nutzer können nicht mehr aufgrund von nicht vorhandenen Radio- oder Fernsehgeräten vom Beitrag befreit werden, denn fast jeder Haushalt verfügt inzwischen über einen Internetanschluss. Der neue Rundfunkbeitrag trägt damit einem der wichtigsten Aspekte der digitalen Revolution Rechnung: der Medienkonvergenz.

Die Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet sind umstritten, da sie sich juristisch, inhaltlich und technisch nicht mehr eindeutig von Presseerzeugnissen abgrenzen lassen und in Konkurrenz zu den Angeboten der Privatsender treten (das Depublizieren von Internet-Inhalten ist eine Folge davon).

Gesetzlich geregelt wird der Online-Auftritt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch den Rundfunkstaatsvertrag (Download), dessen 9. Novelle im März 2007 zu einer Umbenennung in “Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien” führte. In der Zusammenlegung der Begriffe Rundfunk und Telemedien drückt sich die grundsätzliche Schwierigkeit aus, den Begriff Rundfunk in Zeiten der Medienkonvergenz überhaupt noch genau zu definieren.

Nach der verfassungsgerichtlichen Rechtsprechung werden vor allem Linearität und die inhaltliche Relevanz des Programms als Kriterium für den Rundfunkbegriff herangezogen (laut einer Studie des Büros für Technologiefolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, S. 188 ff). Danach fällt ein und dasselbe Programm in den Bereich Rundfunk, wenn es online als linearer Stream gesendet wird, aber wechselt in den Bereich der Telemedien, sobald es on-demand in einer Mediathek zum Angebot steht.

Hinsichtlich der inhaltlichen Relevanz von Rundfunkprogrammen für die Allgemeinheit wird die Unterscheidung zwischen Rundfunk und Telemedien noch fragwürdiger. In einer von der ARD in Auftrag gegebenen, umstrittenen Studie kommt der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier sogar zu dem Schluss, dass “Internetangebote, bei denen Texte, Bilder, Töne etc. als Datei vorliegen und über ein Netz abrufbar sind, grundsätzlich als Rundfunk zu qualifizieren” sind. Die ARD legt dieses Gutachten so aus, dass es einen “Telemedienauftrag” der öffentlich-rechtlichen Anstalten gibt, der Teil des Grundversorgungsauftrags ist.

Der Grundversorgungsauftrag oder public value des öffentlich-rechtlichen Rundfunks umfasst neben Informations- und Bildungsinhalten auch die Verpflichtung zur Schaffung kultureller Ereignisse. Die Enquete-Kommission “Kultur in Deutschland” forderte 2007 in ihrem Schlussbericht von den Anstalten ausdrücklich “den Fortbestand und die stärkere Förderung rundfunkspezifischer Kunstformen wie Hörspiel und Fernsehspiel” (S. 150 ff). Akustische Erzählungen gehören zum Kern des Kulturauftrags der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender.

Wenn der neue Rundfunkbeitrag auf dem Vorhandensein eines Internetanschlusses beruht, müssen sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten an einem umfassenden Online-Angebot an akustischen Erzählungen messen lassen. Wenn die Hörer akustische Erzählungen über Smartphones, Tablets oder Game-Konsolen empfangen wollen, müssen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Hörern folgen und ihre Inhalte auch auf diesen Geräten bereitstellen. Die Ausrichtung des Rundfunkbegriffs am Broadcastprinzip wird sich nicht aufrechterhalten lassen können.

Der Rundfunk ist eine historisch-technische Ausformung der Funkübertragung, die durch das Internet abgelöst und auf ihren Ursprung zurückgeführt wird: als Kommunikationsmittel von one-to-many zu many-to-many.

 

# Akustische Erzählungen müssen über das Internet verfügbar sein: on-demand, und für immer

Radio verwandelt sich in Zeiten der Hörersouveränität von einem Angebots- in einen Nachfragemarkt, vom push zum pull. Das betrifft Sender sowie einzelne Programminhalte. Der formatierte Radiosender als funktionaler Tagesbegleiter und als Mittel zur Stimmungssteuerung wird die dominierende Nutzungsart bleiben, wohl auch noch eine Weile als lineares Programm über UKW und vorübergehend DAB+.

Konkurrenz entsteht zwar durch zahllose neue Sender, die als Livestream im Internet gehört oder auch über IP- oder WLAN-Radios empfangen werden können. Entscheidend ist aber, dass diese Nutzungsart die des Nebenbeihörens ist. Diese Art des Hörens ist blind, da Augen und Hände mit anderen Dingen beschäftigt sind. Das Nebenbeihören ist ein Kind der terrestrischen Ausstrahlung, des linearen Programms und der vorhersehbaren Senderfärbung.

Anders sieht es beim Wandel des Radios in einen Nachfragemarkt für einzelne Programminhalte aus. Hörspiele, Features, Radiokunst, Reportagen oder Lesungen als Formen des akustischen Erzählens wollen zeitsouverän gehört werden. Die Hörer stellen sich in Mediatheken und Hörspielportalen online ihr individuelles, nicht-lineares Programm aus Qualitätsinhalten zusammen. “An die Stelle des linearen Programms tritt die Verfügbarkeit von Inhalten”, heißt es in den Thesen zur digitalen Grundversorgung von Mitarbeiten der Leuphana Universität Lüneburg.

Folgende Begriffspaare mögen das veränderte Rezeptionsverhalten abbilden:
 

  • Hörmodus: Nebenbeihören – Zuhören
  • Programmabfolge: lineares Formatradio – nicht-lineare Mediathek
  • Nutzungsform: Begleitmedium – Einschaltmedium
  • Interaktionsgrad: Senderauswahl – individuelle Programmgestaltung
  • Relevanz: flüchtig – nachhaltig
  • Zeitpunkt der Nutzung: live – zeitsouverän

 
Der Innovationsdruck des Medienwandels setzt also mit unterschiedlicher Intensität im Spektrum der Programminhalte des Radios ein und kommt zuerst bei den Produzenten und Sendern der anspruchsvollen Programme an: wenn dem sich verändernden Hörerverhalten nicht gefolgt wird, droht das akustische Storytelling, sein Publikum zu verlieren.
Akustische Erzählungen gehören ins Internet: on demand, und für immer.

 

# Ohne Navigation können akustische Erzählungen nicht gefunden werden

Das Hören von formatierten Radioprogrammen als Begleitmedium (und auch das Kulturradio ist oft nichts weiter als Formatradio) ist ein blindes Hören. Der gezielte Abruf von Radioinhalten im Internet setzt hingegen eine visuelle Interaktion voraus.

Die Auswahl von Programmen in Mediatheken oder Hörspielportalen erfolgt über ein Interface auf Endgeräten, die zwangsläufig einen Bildschirm besitzen. Diese profane Erkenntnis hat weitreichende Folgen: Der Bewusstseinszustand des Zuhörens rückt in die Nähe einer visuellen Kommunikation. Die “Blindheit” des Radios verschwindet ausgerechnet dort, wo das konzentrierte und “blinde” Zuhören bisher als essentiell galt: bei den anspruchsvollen Programmen und den akustischen Erzählungen.

Online findet das akustische Erzählen in unmittelbarer Nachbarschaft des Internet-Weltarchivs statt, das nächste mediale Angebot wartet nur einen Browser-Tab entfernt. Die akustischen Storyteller müssen sich dieser Tatsache stellen und Strategien entwickeln, um sich in einer Bild- und Textumgebung zu behaupten, den medialen Besonderheiten des akustischen Erzählens treu zu bleiben, und die kommunikativen Möglichkeiten des virtuellen Raums für ihre Anliegen zu nutzen.

Die Rundfunkanstalten, die die Inhalte zur Verfügung stellen, müssen sich überlegen, wie sie die Inhalte online zeitgemäß präsentieren, auffindbar machen und mit den Kulturtechniken des Web 2.0 vernetzen wollen. Online gilt: “Navigation ist wichtiger als Programmplanung”.

 

# Das Radio wird zur Plattform

All das hat unterschiedliche Konsequenzen für die Rundfunkanstalten und die Autoren von akustischen Erzählungen.

Beginnen wir mit den Rundfunkanstalten. Eine der wesentlichen Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es, Kontexte herzustellen, kulturelle Inhalte zu vermitteln und die Überfülle an Positionen in der neuen Medienwelt zu filtern und einzuordnen. Dieses müsste insbesondere auch für den heterogenen Bereich der akustischen Erzählungen gelten: die ARD produziert jährlich zwischen 300 und 400 neue Hörspiele und Features. Dazu zählen so unterschiedliche Genres wie Krimi, Mundart-Hörspiel, Kinderhörspiel, Essay, Ars Acustica und vieles mehr.

Das Online-Angebot der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender im Bereich der akustischen Erzählungen, der Hörspiele und Features, ist aber eher von Fragmentierung als von Kontextualisierung geprägt. Die Gründe dafür sind naheliegend: die Konzentration auf das Leitmedium Fernsehen, die föderale Struktur der ARD und das mangelnde Bekenntnis zur kulturellen Bedeutung der Hörspielproduktion. Letzteres lässt sich daran ablesen, dass in den Leitlinien der ARD für “das Erste” sowie für die Telemedien das Hörspiel allerhöchstens eine Randnotiz darstellt.

Es gibt gar keine öffentlich-rechtliche Selbstverpflichtung zur Produktion von Hörspielen, so wie es die Enquete-Kommission “Kultur in Deutschland” im Jahr 2007 von den Rundfunkanstalten gefordert hatte. Die Nichtbeachtung oder “liebevolle Vernachlässigung” des Hörspiels innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender hat zwar in der Vergangenheit immer wieder Nischen geschaffen, innerhalb derer mit neuen Technologien experimentiert werden konnte, aber von der Kunstkopfstereofonie über 5.1-Surround-Technik bis zu geodatenbasierten Hörstücken für Smartphones haben diese (notwendigen!) Experimente nicht die geringste Bedeutung für die Frage, wie sich die klassische, lineare, akustische Erzählung, das Hörspiel und Feature, im Internet darstellen will.

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzungen beim Deutschen Bundestag schreibt in seiner Studie zur Medienkonvergenz, dass sich “jede technische wie programmliche Weiterentwicklung an ihrem Verhältnis zum Internet messen lassen muss. Dieses Verhältnis muss nicht unbedingt ein verschmelzendes, konvergierendes, aber mit Sicherheit ein integrierendes und anpassendes sein” (S. 157). Genau diesem Anspruch sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Bereich einer ihrer Kernkompetenzen, der Produktion akustischer Kulturgüter, bisher nicht nachgekommen.

Die Forderung ist naheliegend: wir brauchen ein zentrales öffentlich-rechtliches Internet-Portal für akustische Erzählungen. Christian Wenger schreibt in einem Text zur Zukunft des Radios: “Das Radio muss sich (…) als Plattform verstehen, die den Nutzern bei Bedarf die Möglichkeit einer aktiven Mitgestaltung in der Auswahl der Inhalte bzw. des Programmflows bietet. Dadurch ändert sich letztlich auch die Rolle der Medienanbieter: von Produzenten eines Programms zu Dienstleistern rund um ein Programm, das die Nutzer in ihrem Alltag begleitet und unterstützt, ohne sie zu bevormunden.”

 

# Programmurheber müssen angemessen vergütet werden

Die Einrichtung einer solchen Internet-Plattform für akustische Erzählungen hätte profunde Auswirkungen auf die Arbeit der Kreativen und Redaktionen in den Hörspielabteilungen. Die ohnehin schon prekäre wirtschaftliche Lage der Programmurheber droht sich noch mehr zu verschlechtern. Wiederholungshonorare und Zweitverwertungen fallen unter Umständen weg. Es entsteht mehr Arbeit, da zusätzliche Inhalte für die Online-Plattform geliefert werden müssen. Die Redaktionen verlieren einen Teil ihrer Autonomie, wenn ihre Produktionen in einem zentralen Pool aufgehen. Die Sender werden argumentieren, dass der Aufbau einer solchen Plattform bei rückläufigen Beitragseinnahmen zu teuer wäre. All diese Einwände sind verständlich.

Aber trotz aller berechtigten Einwände überwiegen die Chancen. Wenn Hörspielmacher und Sender die Interessen ihrer Hörer in den Mittelpunkt stellen, so kann kein Weg an der Einrichtung einer zentralen Plattform für akustische Erzählungen vorbeiführen. Wenn die Hörer die Forderung nach Open Access bei öffentlich geförderten wissenschaftlichen Arbeiten auf den durch ihre Beiträge bezahlten öffentlich-rechtlichen Rundfunk übertragen, lässt sich schwer argumentieren, warum gerade kulturelle Güter, die auf keinem Markt mit anderen Produkten konkurrieren, nicht online zugänglich gemacht werden können. Das gilt auch für die Rundfunkarchive, die bisher aus urheber- und leistungsschutzrechtlichen Gründen der Öffentlichkeit größtenteils verschlossen blieben.

Die Notwendigkeit der Digitalisierung dieses Archivs steht schon seit längerem im Raum. “Der Grundversorgungsauftrag muss ergänzt werden um ein öffentliches Mandat zur Bewahrung und Nutzbarmachung des audiovisuellen kulturellen Erbes”, heißt es im Text zur Grundversorgung der Leuphana Universität Lüneburg. “Gleichzeitig sind die Programmurheber für die Zugänglichkeit ihrer Beiträge angemessen zu vergüten.” Die Vergütung der Urheber muss in einem veränderten digitalen Umfeld neu geregelt werden und eine Verbesserung zur heutigen Situation darstellen, in der künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten oft nur unter den Bedingungen der Selbstausbeutung möglich sind.

 

# Das vernetzte Hörspiel ist eine Art des akustischen Erzählens, die erst noch erfunden werden muss

Das vernetzte Hörspiel könnte die ästhetische Antwort des Radios auf den Medienwandel sein. Die akustische Erzählkultur des Radios hat sich in ihrer langen Geschichte technologische Erneuerungen immer kreativ zunutze gemacht: die magnetische Tonbandaufzeichnung hat das Hörspiel von den Einschränkungen der Livesendung befreit, die Tonblende war charakteristisch für den regressiven Stil der Innerlichkeit nach dem Trauma der Nazizeit, die Stereofonie eröffnete dem Neuen Hörspiel bisher ungehörte Räume, und die Demokratisierung der Produktionsmittel führte zu einer Explosion von Pop- und Zitathörspielen, die zunehmend von den Autoren selbst am Computer montiert werden konnten.

Nur auf die Herausforderungen der Netzwerkgesellschaft hat das Hörspiel bisher seltsam passiv reagiert. Das Internet wird von vielen Kreativen immer noch als Konkurrent des Radios gesehen, in dessen medialer Kurzlebigkeit die Kunst des Hörens nicht gedeihen kann. In diesem Abwehrreflex drückt sich auch eine Nostalgie für die einstige kulturelle Bedeutung des Hörspiels aus, die es heute längst verloren hat.

Diese kulturelle Bedeutung lässt sich nicht zurückholen, wenn man sich der digitalen Revolution verschließt. Das Internet wird das Radio, das Fernsehen und die Zeitung der Zukunft sein. Das akustische Erzählen muss sich in diesem neuen Meta-Medium selbstbewusst behaupten, auf seine Stärken bestehen – aber sich auch neu erfinden und fragen: wie kann das akustische Erzählen das Meta-Medium progressiv für sich nutzen?

Es gibt zwei Begriffe, die Impulse für das akustische Erzählen im Internet setzen können (Vorsicht: Buzzwords!): Trimedialität und transmediales Erzählen. Bevor ich des Bullshit Bingos bezichtigt werde: ich bin ein überzeugter Anhänger des linearen Hörspiels und glaube fest daran, dass das klassische Hören einer akustischen Erzählung über nur einen medialen Kanal auch in Zukunft die dominierende Rezeptionsform sein wird. Die Begriffe Trimedialität und transmediales Erzählen bezeichnen einen Möglichkeitshorizont, in dessen Richtung sich das Hörspiel behutsam öffnen kann, da es sich im Internet ohnehin schon in einem multimedialen Zusammenhang bewegt.

Trimedialität bedeutet auf der Ebene des individuellen Inhalteproduzenten eine neue Generation von Kreativen, die sich geschmeidig und selbstverständlich zwischen der Arbeit an Bild-, Ton- und Textmedien hin und her bewegen. Die Spezialisierung auf einen künstlerischen Bereich wird durch den einfachen und günstigen Zugang zu professionellen Produktionsmitteln gerade in der Fotografie, im Film und in der Audioproduktion zunehmend aufgeweicht: Das Publizieren von Texten, Videos und Klängen ist im Internet so leicht wie nie.

Ein moderner Typus des akustischen Erzählers wird sich mehrerer Medienkanäle bedienen und sie mit seiner akustischen Erzählung verknüpfen wollen. Akustische Erzählungen können in der Online-Welt mehrdimensional werden, den Hörern unterschiedliche Tiefen der Interaktivität anbieten, und damit auch das Potential für eine nachhaltigere Erfahrung ermöglichen. Dafür gibt es aber bisher noch keine Interfaces. Wir müssen eine schlüssige Form finden, die textliche und akustische Inhalte intelligent miteinander verbindet, in der die akustische Erzählung aber trotzdem “den Ton angibt”.

Transmediales Erzählen kommt ins Spiel, sobald die Online-Präsentation einer akustischen Erzählung nicht nur in einer punktuellen Veröffentlichung besteht, sondern sich prozesshaft auf verschiedenen medialen Kanälen über eine gewisse Zeit erstreckt.

Eine der wesentlichen Ideen des transmedialen Erzählens ist, dass die Storyteller ein Universum um ihre Geschichten herum kreieren, das sich in seiner Komplexität nur erschließt, wenn man der Geschichte auf allen Medienkanälen folgt. Die verschiedenen Medien sind durch Rabbit Holes, oder Kanäle miteinander verbunden und verweisen aufeinander.

Es darf nicht verschwiegen werden, dass auch die Werbung großes Potential im transmedialen Erzählen sieht. Ursprünglich wurde mit dem Begriff des transmedialen Erzählens die Strategie großer Medienkonzerne beschrieben, die gleiche Geschichte in Büchern, Filmen, Games und Comics jeweils in verschiedener Ausprägung und medialer Eigenheit zu erzählen.

Ich würde Transmedia so interpretieren, dass das Netz selbst aus verschiedenen Medien besteht, die für das akustische Erzählen bespielt werden können. Im Netz sind die Rabbit Holes die Links, die von einem Kanal zum nächsten führen. Das Ausrollen der Inhalte gleicht einem Prozess, der so inszeniert sein kann, dass am Ende die Veröffentlichung der akustischen Erzählung steht.

Durch das transmediale Erzählen entsteht ein kleines Universum an Texten, Musik, Bildern – eine Art Content-Wolke, die viel facettenreicher ist als ein insulares Hörspiel. Durch die soziale Interaktion auf den Blogs und in den sozialen Netzwerken wirkt die akustische Erzählung tiefer ins Netz hinein, als sie das als Datenbankeintrag in einer öffentlich-rechtlichen Mediathek je könnte. Dadurch verändert sich auch das Storytelling: es ufert aus, wird auf verschiedene Plattformen getragen, verliert vielleicht auch seinen Mittelpunkt, und endet potentiell nie.

Transmediales Erzählen ist eine dauernde Zumutung und dadurch eine Entsprechung des always on der Netzwelt. Es ist aber auch eine viel authentischere Art, über unsere zunehmend vernetzte Welt Geschichten zu erzählen. Das vernetzte Hörspiel ist eine Form des akustischen Erzählens, die wir noch gar nicht erfunden haben. Wie auch immer dieses vernetzte Hörspiel aussehen wird: Ohne Wurzeln im Netz zu schlagen, werden akustische Erzählungen keine Zukunft haben.
 

Für das Radio-Feature </pasted> von Andreas Bick wurde ein eigener Webplayer mit vielen Hintergrundinformationen programmiert. Es ist ein Beispiel für transmediales Erzählen und eine vielfältige Vernetzung des Hörspiels. </pasted> wird am 7.10. 2013 um 23:00 Uhr auf WDR 1LIVE und am 23.10. 2013 um 0:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur gesendet