21st Century BILD

Die deutschen Leitmedien reagierten ziemlich verschnupft auf den Mediendeal des Jahres. Allerdings aus den falschen Gründen.

Auf Mathias Döpfner sind die Journalisten derzeit nicht gut zu sprechen. Ausgerechnet der Mann, der am stärksten gegen das Internet hetzte, legt sich ihm nun zu Füßen. Ausgerechnet der Mann, der die anderen Verleger in die Schlacht ums Leistungsschutzrecht trieb, zuckt nun mit den Achseln. Die Verleger-Koalition der Willigen steht plötzlich da wie ein Rudel begossener Pudel, während Springer fröhlich ins gegnerische Lager wechselt. Selten ist eine ganze Branche von einer kleinen Gruppe entschlossener Veränderer so verarscht worden.

Springer hat vorgemacht, was Unternehmertum heißt: Entwicklungen vorantreiben „durch neue Kombinationen von Dingen und Kräften“ (Joseph A. Schumpeter). Nicht Routine verwalten oder Tradition besingen, sondern Neues wagen. „Die fabelhaften Springer-Boys“ haben ihre 68er-Lektion beherzigt. Sie wollen es Steve Jobs, Larry Page und Mark Zuckerberg nachmachen. Friede Springer bestätigt: “Das Alte ist vergangen, wirklich vergangen”.

In Deutschland herrschen deshalb Trauer und Sarkasmus („Journalismus im Schlussverkauf“). Das deutsche Erbe Axel Cäsars: verschleudert! Die deutsche Seele: verloren! Der deutsche Journalismus: durch einen faustischen Pakt mit der kalifornischen Ideologie zerstört.

 

Kampfmaschine BILD

Der gelernte Musikkritiker Döpfner hat die Verhältnisse zum Tanzen gebracht, indem er ihnen „ihre eigene Melodie“ vorspielte (Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Sofort stieg der Kurs der Springer-Aktie steil an. Und damit diese Nachricht nicht so weh tut, unken die beleidigten Journalisten, Springers Sprunghaftigkeit könne auch schnell zum Absturz führen. Man wisse ja, was Döpfner für einer sei: ein hoch gewachsener Schönfärber und Charmeur. Was immer so klingen soll wie Hochstapler.

Döpfner hat die Wende eingeleitet – und es ist wohl kein Zufall, dass just im gleichen Jahr offenbar wurde, wie vorteilhaft die Digitalisierung der Kommunikation für die Mächtigen sein kann. Dieses Ausmaß an Kontrolle muss einen politischen Verlag doch reizen!

Die Reduzierung Springers auf das Kerngeschäft bedeutet in Wahrheit: höchste Konzentration auf die Kampfmaschine Bild. Springer wird sich auf das konzentrieren, was der Verlag am besten kann: Kampagne, Einflussnahme, Lobbygeschäft. Döpfner: „Zeitungsjournalismus, egal ob gedruckt oder gesendet, braucht mehr denn je eine Haltung … ein bestimmtes Weltbild.“

Den langweiligen Servicejournalismus, das ewige Ratgebergeschreibsel, die Provinzpostillen sollen andere machen. Frauenzeitschriften passen eh nicht zu den virilen Springer-Boys, Programmzeitschriften sind längst in die Fernbedienung integriert, und Regionalblätter sind in Städten wie Hamburg oder Berlin (wo bald jeder über ein Pad verfügt) unnötig.

Springer wird sich auf die Internet-Plattform Bild und das Bewegtbild konzentrieren. Wobei Letzteres gut in ersteres integriert werden kann. Bildfernsehen im Netz, das wäre Fox News auf Deutsch, angesiedelt im neuen Berliner Medienzentrum. Dieser strategische Umbau des Konzerns ist folgerichtig und clever.

Für die Demokratie bedeutet er allerdings nichts Gutes. Denn Springer wird den verbliebenen Traditions-Verlagen an digitaler Schlagkraft weit überlegen sein und alles, was politisch „in“ oder „out“ ist, noch stärker bestimmen.