Wolfgang Michal

21st Century BILD

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Die deutschen Leitmedien reagierten ziemlich verschnupft auf den Mediendeal des Jahres. Allerdings aus den falschen Gründen.

29.07.2013 | 

Auf Mathias Döpfner sind die Journalisten derzeit nicht gut zu sprechen. Ausgerechnet der Mann, der am stärksten gegen das Internet hetzte, legt sich ihm nun zu Füßen. Ausgerechnet der Mann, der die anderen Verleger in die Schlacht ums Leistungsschutzrecht trieb, zuckt nun mit den Achseln. Die Verleger-Koalition der Willigen steht plötzlich da wie ein Rudel begossener Pudel, während Springer fröhlich ins gegnerische Lager wechselt. Selten ist eine ganze Branche von einer kleinen Gruppe entschlossener Veränderer so verarscht worden.

Springer hat vorgemacht, was Unternehmertum heißt: Entwicklungen vorantreiben „durch neue Kombinationen von Dingen und Kräften“ (Joseph A. Schumpeter). Nicht Routine verwalten oder Tradition besingen, sondern Neues wagen. „Die fabelhaften Springer-Boys“ haben ihre 68er-Lektion beherzigt. Sie wollen es Steve Jobs, Larry Page und Mark Zuckerberg nachmachen. Friede Springer bestätigt: “Das Alte ist vergangen, wirklich vergangen”.

In Deutschland herrschen deshalb Trauer und Sarkasmus („Journalismus im Schlussverkauf“). Das deutsche Erbe Axel Cäsars: verschleudert! Die deutsche Seele: verloren! Der deutsche Journalismus: durch einen faustischen Pakt mit der kalifornischen Ideologie zerstört.

 

Kampfmaschine BILD

Der gelernte Musikkritiker Döpfner hat die Verhältnisse zum Tanzen gebracht, indem er ihnen „ihre eigene Melodie“ vorspielte (Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Sofort stieg der Kurs der Springer-Aktie steil an. Und damit diese Nachricht nicht so weh tut, unken die beleidigten Journalisten, Springers Sprunghaftigkeit könne auch schnell zum Absturz führen. Man wisse ja, was Döpfner für einer sei: ein hoch gewachsener Schönfärber und Charmeur. Was immer so klingen soll wie Hochstapler.

Döpfner hat die Wende eingeleitet – und es ist wohl kein Zufall, dass just im gleichen Jahr offenbar wurde, wie vorteilhaft die Digitalisierung der Kommunikation für die Mächtigen sein kann. Dieses Ausmaß an Kontrolle muss einen politischen Verlag doch reizen!

Die Reduzierung Springers auf das Kerngeschäft bedeutet in Wahrheit: höchste Konzentration auf die Kampfmaschine Bild. Springer wird sich auf das konzentrieren, was der Verlag am besten kann: Kampagne, Einflussnahme, Lobbygeschäft. Döpfner: „Zeitungsjournalismus, egal ob gedruckt oder gesendet, braucht mehr denn je eine Haltung … ein bestimmtes Weltbild.“

Den langweiligen Servicejournalismus, das ewige Ratgebergeschreibsel, die Provinzpostillen sollen andere machen. Frauenzeitschriften passen eh nicht zu den virilen Springer-Boys, Programmzeitschriften sind längst in die Fernbedienung integriert, und Regionalblätter sind in Städten wie Hamburg oder Berlin (wo bald jeder über ein Pad verfügt) unnötig.

Springer wird sich auf die Internet-Plattform Bild und das Bewegtbild konzentrieren. Wobei Letzteres gut in ersteres integriert werden kann. Bildfernsehen im Netz, das wäre Fox News auf Deutsch, angesiedelt im neuen Berliner Medienzentrum. Dieser strategische Umbau des Konzerns ist folgerichtig und clever.

Für die Demokratie bedeutet er allerdings nichts Gutes. Denn Springer wird den verbliebenen Traditions-Verlagen an digitaler Schlagkraft weit überlegen sein und alles, was politisch „in“ oder „out“ ist, noch stärker bestimmen.
 

 

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14 Kommentare

  1. Freddy Schlimm |  29.07.2013 | 12:36 | permalink  

    Diese Fixierung auf Springer und die “Bild” bei älteren Menschen oberhalb des Bildungsdurchschnitts nenne ich grotesk.

  2. Klaus Jarchow |  29.07.2013 | 15:57 | permalink  

    Zu kurz gedacht: Springer wird sich meines Erachtens auf das konzentrieren, was den Zeitungen jüngst verlorenging. Das ist eben nicht die ‘Bild’, sondern es sind vor allem Kleinanzeigen, also Portale für den Immobilienmarkt, für Handwerksarbeiten, für Autos, für ‘Lebensmittel online’, für ‘Bekanntschaften’ oder für Jobangebote. Da sind sie auch massiv am expandieren. Journalismus, ob im Bild-Stil und gar in gedruckter Form, das wird letztlich alles – kommerziell gesehen – nur noch Beifang sein …

  3. Thomas Matterne |  29.07.2013 | 20:23 | permalink  

    Ich hab eine ähnliche Befürchtung wie mein Vorkommentator. Sicher könnte man sagen, Springer konzentriert sich jetzt auf BILD (und wenn noch Zeit ist, ist da ja auch noch die Welt), aber das ist eben nur die halbe Wahrheit.

    Spannend wird die Frage werden, inwieweit Springer tatsächlich noch Journalismus mit BILD oder Welt betreiben will. Sprich, wie groß deren Anteil am digitalen Gemischtwarenladen bleiben wird, als der sich ja nicht nur Springer positioniert. Bleibt BILD wirklich das (reale) Flaggschiff, oder wird es nur zum Feigenblatt der Vergangenheit, während man lieber Geschäfte mit Plattformen wie idealo & Co. macht? Das man sich von Zeitungen und Magazinen trennt, und damit ja auch von deren Online-Ablegern, könnte auch als Zeichen in diese Richtung gesehen werden.

  4. Art Vanderley |  29.07.2013 | 20:34 | permalink  

    Also tatsächlich keine Digitalisierung , eher eine Radikalisierung.
    Aus Lesersicht ist mir schleierhaft , warum sich da so Viele aufregen , wer bei brauchbarem Journalismus an Springer dachte , ist selber schuld und regt sich vielleicht auch deshalb auf , weil ihm jetzt (noch deutlicher) der Spiegel vorgehalten wird, die BILD als Leitmedium…?!?

    Das Argument , daß etwa die HÖRZU schlecht digitalisiert werden könne , hinkt ohnehin , als ob die Nachfrage nach Fernsehzeitschriften dadurch entfallen würde.

  5. Wolfgang Michal |  29.07.2013 | 20:43 | permalink  

    Ich habe nicht geschrieben, dass sich Springer auf die Bild-Zeitung konzentriert, sondern, dass Springer sich auf die Internetplattform Bild konzentriert. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Auf der Plattform Bild läuft dann alles mögliche: von der Partnervermittlung über Fußball bis zu Politkampagnen.

  6. A. G. |  29.07.2013 | 21:22 | permalink  

    “Journalismus bleibt das Kerngeschäft.” Mit Bild und Welt. Clevere Verarschung.

  7. Pantalaimon |  29.07.2013 | 21:55 | permalink  

    Ihr tut FoxNews unrecht, so rechtslastig FoxNews auch sein mag, die haben wenigstens interesante Köpfe wie Bill O’Reilly. Außerdem machen die kein Unterschichten TV (analog bei Bild wären das dann alle “großen” Nachrichten.)

  8. Michael Bechtel |  29.07.2013 | 22:19 | permalink  

    Ich sehe das ganz genauso. Mit dem Kleinklein halten sich die großen Medienkonzerne nicht mehr auf – genauso wie die großen Werbeagenturen mit dem Zielgruppenpuzzle von immer kleinteiligeren Printprodukten nicht mehr gerne befassen. “Den langweiligen Servicejournalismus, das ewige Ratgebergeschreibsel” – das nehmen die PR-Leute online und mobil direkt in die Hand. Auch den Funkes + Co., die vom Aufstieg zu nationalen Medien-Imperien träumen, dürfte das Geschäft und das Publikumsinteresse schneller wegbrechen, als sie ihre Schulden zurückbezahlen können. Für Journalismus interessiert sich derzeit kaum jemand (ich kenne da ein paar Ausnahmen in der deutschen Zeitungslandschaft). “Für die Demokratie bedeutet er allerdings nichts Gutes” – na, wenn ich mich so umschaue – ob’s so viel schlimmer werden kann, als es schon ist? Der Journalismus wird ganz von unten neu aufgebaut werden müssen – wie die Biobauern sich in der Welt industriellen Landwirtschaft durchgesetzt haben und sogar davon leben können.

  9. Wolfgang Michal |  29.07.2013 | 23:13 | permalink  

    Schöner Vergleich – Journalisten als Biobauern.

  10. stilstand» Blogarchiv » Gleichfalls notiert. |  30.07.2013 | 08:38 | permalink  

    [...] Der Journalismus wird ganz von unten neu aufgebaut werden müssen – wie die Biobauern sich in der W… [...]

  11. Ulrich Hottelet |  30.07.2013 | 11:59 | permalink  

    Interessante pointierte Analyse! Ich stimme ihr zu. Ob der digitale Kleinanzeigenmarkt vorwiegend auf bild.de oder anderen Springer-Plattformen betrieben wird, bleibt abzuwarten.

  12. #LSR: Ab 1. August greift das famose Leistungsschutzrecht | ... Kaffee bei mir? |  30.07.2013 | 15:12 | permalink  

    [...] sich ja bekanntlich ausschließlich am Busen der Mainstreammedien. Ach, das wird ganz wunderbar: nur noch die werden gefunden, die auch wirklich was zu sagen haben (bis auf die Ausnahmen oben, [...]

  13. Sanctusdominus |  30.07.2013 | 16:49 | permalink  

    Es gibt noch eine ganz andere Facette. Wenn das LSR am 1. kommt hat ja Springer bei Google Opt-In vollzogen (zumindest vorläufig). Viele kleinere Zeitungen haben dies bis heute nicht getan. Was passiert also?

    Eine Nachricht ist faktisch nur noch eine Nachricht wenn sie von Springer kommt. Andere Meldungen werden einfach nicht mehr erscheinen.

    Und der Trend der gegenseitigen Referenzierung in den Blogs wird sich noch mehr verstärken, da faktisch nur noch Kommentare und keine Verlinkung auf die entsprechenden Artikel möglich sind.

  14. Wolfgang Michal |  30.07.2013 | 17:49 | permalink  

    Dass Springer sich weiter bei Google News listen lässt, wird dem Haus viel zu wenig um die Ohren gehauen.

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