Springer-Funke Deal: Um Journalismus geht es niemandem

Die Axel Springer AG verkauft für 920 Millionen Euro einen Großteil ihres Printgeschäfts an die Funke Gruppe. Es ist ein absoluter Mega-Medien-Deal. Doch er zeigt: Mit Journalismus hat dieses Geschäft nichts zu tun.

Was für ein Paukenschlag: Die Regionalzeitungen und die Programm- und Frauenzeitschriften des Axel-Springer-Verlags wechseln den Besitzer. Die Funke Mediengruppe (früher WAZ-Gruppe) zahlt 920 Millionen Euro, um ab 2014 Besitzer unter anderem des Hamburger Abendblatts, der Berliner Morgenpost und der Hörzu zu sein.

Dieser Deal ist so schwerwiegend, dass er eine ganze Reihe von Deutungen und Erkenntnissen zulässt. Sie alle haben jedoch eines gemeinsam: Der Journalismus selbst spielt in den Entscheidungen der Beteiligten keine Rolle. Das ist eine traurige Nachricht, die viel über den Stellenwert des Journalismus in unserer Demokratie aussagt.

Nicht wenige schreiben am heutigen Donnerstag, dass Verlagsgründer Axel Springer sich ob dieser Entscheidung im Grab umdrehen wird: Peter Turi etwa kommentiert, der Weg des Unternehmensgründers wäre sicher ein anderer gewesen.

Tatsächlich trennt sich Springer nicht nur von Marken, denen das Unternehmen keine große Zukunft zugesteht, sondern auch von seinen Wurzeln. Abendblatt und Hörzu waren die Publikationen, die am Anfang der Erfolgsgeschichte des Verlags standen. Bis zuletzt verblieben sie in Hamburg, auch, nachdem der überwiegende Teil der Hamburger Springer-Niederlassungen nach Berlin umzog. Mit dem Verkauf an die Funke-Gruppe trennt sich Springer also nun auch weitestgehend vom Medien- und Gründungsstandort Hamburg. Von den großen Namen verbleiben einzig Computerbild und Autobild in der Hansestadt – nicht ausgeschlossen, dass auch sie bald gen Osten umziehen sollen.

Ein Umzug dürfte auch den Frauen- und Programm-Titeln bevorstehen. Den künftigen Standort ließ die Funke-Gruppe bislang offen. Dass sie nicht zu den bereits bestehenden Magazintiteln des Unternehmens ziehen werden, ist wohl auszuschließen. Die Funke-Gruppe muss mit ihren Neuerwerbungen nun nämlich vor allem eines: Geld verdienen. Viel Geld.

Die Familie Funke musste bereits einen Kredit aufnehmen, um die WAZ-Gruppe aufzukaufen. In den letzten Monaten gab es eine Stellenstreichung nach der anderen. Die Westfälische Rundschau wurde gar ganz entkernt und besteht nur noch als Titel ohne eigene Redaktion.

Nun muss in den nächsten Jahren auch mindestens der Kaufpreis für die neuen Titel wieder hereingeholt werden, andernfalls wäre der Deal wirtschaftlich ein massiver Fehlgriff. Diese Wette gehen die neuen Eigner aber offenbar ein. Wie das Geld erwirtschaftet werden soll, ist indes offen. Angesichts der bisherigen Strategie der Essener dürfte als gesichert gelten, dass zu allererst versucht werden wird, die Ausgaben so gering wie möglich zu halten. Das wird bedeuten: Zusammenlegungen, Stellenstreichungen, Lohnkürzungen. Es wird Journalismus gekauft, nicht jedoch in ihn investiert.

Was die Funke-Gruppe geritten hat, den Kauf zu tätigen, ist aber auch für Brancheninsider schwer zu erahnen: Um die Förderung des Journalismus geht es ihnen nicht, sonst wäre der Verlag in der Vergangenheit bereits mit der Westfälischen Rundschau anders umgegangen. Wirtschaftlich lässt sich sagen: Die Frauen-Titel könnten noch einige Zeit gut laufen, die Programmzeitschriften sind angesichts der technischen Entwicklung und der Zunahme von Video-on-demand jedoch zum Tode verurteilt. Die Synergien des NRW-Unternehmens mit Lokaltiteln in Hamburg und Berlin sind zudem gering. Hier lässt sich nur im Mantel zusammenarbeiten.

Der Versuch, durch Expansion und deutschlandweite Reichweite in einem vermeintlich sterbenden Markt eine Trendwende hinzulegen, ist bereits bei M. Dumont Schauberg grandios gescheitert – die Frankfurter Rundschau lässt grüßen. Außerdem bleibt offen, wie viel Abendblatt an die Welt verloren geht, und ob das Essener Content-Desk dies für die Abonnenten zufriedenstellend kompensieren kann. Oder liefert etwa die Welt demnächst auch Inhalte für die WAZ?

Interessierter als an den gekauften Titeln scheint Funke-Geschäftsführer Thomas Ziegler gemäß der Pressemitteilung denn auch an der vereinbarten Gründung von Gemeinschaftsunternehmen für Anzeigenvermarktung und Vertrieb zu sein. Allerdings: In beiden wird Springer die Federführung übernehmen. Außerdem leihen die Berliner der Funke-Gruppe einen großen Anteil der Kaufsumme.

Mit anderen Worten: Die Funke-Gruppe ist künftig eng an Springer gebunden und gleichzeitig hoch bei ihnen verschuldet. Wenn man so will, hat Axel Springer heute die Funke Mediengruppe gekauft.

Ob Mathias Döpfner und Kollegen wirklich mit dem Gedanken spielen, das NRW-Unternehmen zu kontrollieren, ist zweifelhaft. Etwaige Reste würde man aber sicher aufsammeln. Gängiger ist daher die Deutung, dass das Darlehen verdeutlicht, wie dringend Springer seine Papier-Marken loswerden wollte, bevor der Preis sinkt.

Man kommt nicht umhin, Springer zu attestieren, das bessere Geschäft gemacht zu haben. Die Firma erhält frisches Geld, um digital zu wachsen. Dass man zu einem führenden Digital-Unternehmen werden will, betonen die Manager schon lange. Nun wird klar: Springer will nicht in diese Bereiche expandieren, Springer will in sie wechseln – und gibt dafür auch die Tradition auf. „Wenn wir jetzt nicht handeln, müssten wir uns ernsthaft Sorgen machen“, soll Mathias Döpfner an die Mitarbeiter geschrieben haben.

In Hamburg gab es Buhrufe aus der Belegschaft, berichtet Spiegel Online. Springer-Vorstand Andreas Wiele habe den dortigen Kollegen gesagt: „Wir haben für Sie ein nettes neues Zuhause gefunden, machen Sie das Beste daraus.“ Das klingt nicht nach Mitgefühl oder nach großem Interesse am weiteren Schicksal der Arbeiter.

Mehr beachtet wird vermutlich die Börse: die notiert den Schritt mit Wohlwollen. Die Springer-Aktie schoss am Donnerstag um zeitweise 15 Prozent in die Höhe. Wirtschaftlich mag der Kurs aufgehen. Klar ist aber auch: Springer ist in Zukunft vielleicht noch ein Medien-Unternehmen, Journalismus spielt darin jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Wort Verlag strich man ohnehin schon aus dem Firmennamen. Spöttisch wird bereits angemerkt, wenn Springer nicht mehr presseähnlich sei, könne doch auch der Streit um die Tagesschau-App beigelegt werden.

Der Mega-Deal zeigt an allen Ecken vor allem eines: Journalismus ist nur Mittel zum Zweck. Beim vielleicht meistbeachteten deutschen Verlag, Axel Springer, gehen Rendite und Wachstum über publizistische Relevanz und Reichweite. Bei der Funke-Gruppe werden die erworbenen Publikationen dazu verdonnert sein, ihren Kaufpreis zu erwirtschaften. Guter Journalismus ist zweitrangig. Anderswo schaut das nicht anders aus, es sei nur an die Einstellung der Financial Times Deutschland erinnert.

Journalismus des Journalismus wegen – den gibt es vielleicht bei Journalisten, nicht aber bei Verlagen. Das ist die traurige Wahrheit, der sich ein jeder Journalist, aber auch jeder mündige Bürger in einem demokratisch-marktwirtschaftlichen Land stellen muss. Dies bedeutet vielleicht auch, das Verhältnis zum oft zu Recht kritisierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu überdenken.

Man kann beklagen, dass nun das Erbe von Axel Springer verscheuert werde. Doch ob die großen Verleger – Springer, Rudolf Augstein, Henri Nannen – auch noch in den Journalismus investiert hätten, wenn damit kein Geld zu verdienen gewesen wäre, kann man sie nicht mehr fragen. Wer behauptet, dass sie es getan hätten, ist vielleicht etwas zu romantisch.
 
Andreas Grieß bloggt auf YOUdaz und Elbmelancholie
 

 

 
Auffällig: Nur zwei neue Frauenzeitschriften, die nach wie vor Geld bringen, aber fünf neue Programmzeitschriften, die wahrlich keine Knüller mehr sind – selbst dann nicht, wenn es die Hörzu ist.
 

Grafik: Statista, CC BY-ND

Grafik: Statista, CC BY-ND