Warum wir einen neuen Medienjournalismus brauchen

Medienjournalismus ist zunehmend Journalismus für Medienmanager. Was fehlt, ist ein Medienjournalismus für Journalisten und angehende Journalisten.

Als ich vor einiger Zeit einen Beitrag über eine neue journalistische Darstellungsform recherchierte und potentiellen Abnehmern anbot, erhielt ich Absagen. Mitunter hieß es, das Thema sei zwar interessant, aber man richte sich mehr an Medienmanager. Der Beitrag solle daher beschreiben, was dieses neue Format Verlagen finanziell einbringe.

Medienjournalismus bedeutet in Deutschland meist nicht Journalismus über Themen, die für Journalisten oder Journalismus-Interessierte relevant sind, sondern Journalismus für Verlagsmanager. Fast täglich Meldungen über Personalwechsel im Management. Welche Wechsel es von Journalisten gibt, lässt sich oft nur erahnen, wenn man nach einem Jahr zum Beispiel das Impressum von Spiegel Online mit dem des Vorjahrs vergleicht. Medienjournalismus ist fast ausschließlich eine Untergattung des Wirtschaftsjournalismus. Über die Automobilbranche berichten Journalisten vielschichtiger, als über ihre eigene Branche. Es braucht einen neuen, zusätzlichen Journalismus- und Journalisten-konzentrierten Medienjournalismus.

Wo bleibt die Publikation,

  • die über neue journalistische Projekte und Startups schreibt, welche nicht von den etablierten Medienhäusern betrieben und mit Anzeigen und Pressemitteilungen beworben werden?
  • die sich ohne Stimme einer Gewerkschaft zu sein wirklich kritisch mit Stellenstreichungen und Lohndumping auseinandersetzt, statt diese als alternativlos darzustellen?
  • die beschreibt, was verschiedene journalistische Ausbildungen wert sind, die Anlaufstelle für Berufseinsteiger sein kann?
  • die kritisch hinterfragt, ob Volontäre und Praktikanten ausgebildet werden oder als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, die recherchiert, wie viele Praktikanten in den Redaktionen sitzen?
  • die erklärt, was medien- und urheberrechtlich legitim ist?
  • die erklärt, was in Sachen Steuer, KSK und Selbstständigkeit zu beachten ist?
  • die vergleichbar zu Transfermarkt.de zeigt, welche Journalisten von welcher Redaktion in welche Redaktion oder Pressestelle wechseln und aus welchen Karrierewegen sich Redaktionen zusammensetzen?
  • die sich mit neuen Ergebnissen aus der Journalismusforschung auseinandersetzt und ihnen einen Raum bietet?
  • die Fehltritte und Fehler in der Berichterstattung aufdeckt, ohne reines Watchblog zu sein?

Auch wenn die Tendenz dahin geht, dass es bald anders sein könnte, so gibt es noch immer deutlich mehr Journalisten als Verlagsmanager. Die Zielgruppe ist entsprechend groß genug. Ich erinnere mich an meine Zeit als HiWi an der Hochschule, als mich jüngere Semester mehrfach fragten, auf welchen Seiten sie die oben beschriebenen Dinge finden können. Die Antwort: Verstreut auf einigen Blogs und zum Teil politisch geprägt in den Publikationen der Gewerkschaften, sowie hier und da mal in den  Branchendiensten. Eine Medium oder ein Ressort eines Mediums, das dies konsequent und gebündelt anbietet, gibt es nicht – im Übrigen kein rein deutsches Problem.

Der Medienwandel ist komplex. Ein neuer Medienjournalismus könnte helfen, in ihm mehr Chancen als Risiken zu sehen.

 
Andreas Grieß bloggt auf YOUdaz und Elbmelancholie