Im Bunker

In Zeiten der Totalüberwachung ist aus dem Internet eine Angriffszone geworden. Was jetzt? Volle Deckung? Notizen aus dem Schutzraum

Ja, ich gehöre auch zu denen, die all das vorher gewusst haben. Seit 1999 verschlüssele ich E-Mails mit PGP und GnuPG, falls der Adressat ebenfalls für diese diskrete Art der Kommunikation zu haben ist … also vielleicht zehn Mal im Jahr. Die Festplatten meiner Computer sind mit eCryptfs gesichert.

Natürlich bin ich mit meinem Kalender, Adressbuch, Dateien aller Art in der “Cloud” angesiedelt – nur dass deren physischer Standort nicht irgendwo da draußen in den lecken Rechenzentren von Amazon, Google, Apple oder Microsoft liegt, sondern in meiner Wohnung, wo ein kleiner schwarzer Kasten mit vier Terabyte Speicherkapazität traulich vor sich hin blinkt: My server is my castle. Ins Netz gehe ich grundsätzlich über ein Virtual Private Network, nutze gelegentlich auch mal zusätzlich das Anonymisierungsnetzwerk TOR. Ich hatte nie einen Facebook-Account, trotz der beruflichen Nachteile, die solche Enthaltsamkeit mit sich bringt, nutze für Internettelefonie nicht Skype, sondern einen hiesigen Anbieter in Verbindung mit der quelloffenen IP-Telefonie-Software Jitsi

Die Liste der persönlichen Sicherheitsmaßnahmen ließe sich fortsetzen, und sie beschreibt nur den Stand vor den Prism-Enthüllungen. Über Jahre hinweg habe ich mir von milde lächelnden Zeitgenossen Bunkermentalität attestieren lassen, und das trifft’s halbwegs, wenn man die Duden-Definition zugrunde legt: “Haltung der Abwehr, die aus einem Gefühl besonderer Bedrohung entsteht”.

An der besonderen Bedrohung kann niemand mehr zweifeln, wenn er nicht gerade Bundesinnenminister oder sonstwie mit einer Mischung aus patziger Dummheit und einem metternichschen Demokratieverständnis ausgestattet ist, doch zur Gefühlssache möchte ich meine bisherige Abwehrhaltung denn doch nicht machen lassen. Sie beruhte auf der realistischen Bewertung des technisch Möglichen und auf begründeten Vermutungen über die Verkommenheit von Regierungen und ihren Geheimdiensten – oder muss es heißen: von Geheimdiensten und ihren Regierungen?

Nein, natürlich habe ich nichts gewusst; das Ausmaß dieser Verkommenheit, dieser Korruption demokratischer Strukturen habe ich naiv unterschätzt. Und zum ersten Mal spüre ich wirklich die dumpfige Enge und Dunkelheit meines Bunkers. Bei allem, was ich so zum Schutz meiner Privatsphäre und meines in Artikel 10 des Grundgesetzes garantierten Rechts getrieben habe, war mir bewusst, dass ich dadurch technisch gesehen nicht “auf der sicheren Seite” bin. Wer das will, muss tatsächlich in einen Bunker ziehen, mit Kupferarmierungen im Beton, mit autonomer Stromversorgung und ohne Telefonanschluss und Internetzugang.

Die Angreifbarkeit meines digitalen Bunkers war mir immer bewusst – schon wer mit einem Smartphone unterwegs ist, bringt es bestenfalls zu einem Bunker mit geklapptem Küchenfenster. Aber diese technische Verletzlichkeit hat mich nie gestört, schließlich bin ich kein tibetischer Unabhängigkeitskämpfer, kein prominenter Opponent Putins und kein US-amerikanischer Whistleblower. Als Durchschnittsbürger eines demokratischen Landes liegt mein Risiko denkbar niedrig, Opfer staatlicher Repression zu werden. Niedrig, aber nicht bei null. Schließlich haben es statistisch-mathematische Verfahren wie die algorithmenbasierte Auswertung von Kommunikation so an sich, auf Wahrscheinlichkeiten abzuzielen, nicht auf Tatsächlichkeit. Da kann jemand durch zufällige Verknüpfung von individuellen Merkmalen schon mal mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit als Terrorist ausgemacht werden – aber zu 100 Prozent keiner sein.

Was soll’s, selbst solch eine “falsch-positive” Klassifizierung wird in Deutschland den Kopf nicht kosten, habe ich gedacht, und denke noch heute so. Trotzdem ist alles anders geworden. Die britischen Telefongesellschaften Vodafone und BT haben mit dem Geheimdienst GCHQ kooperiert, um den kompletten Datenverkehr abzusaugen, der über das Vereinigte Königreich fließt. Wie sieht es mit “meinem” Telekomanbieter aus? Steckt er mit dem BND unter einer Decke? Gibt es da nicht dieses European Telecommunications Standards Institute (ETSI), dessen Abteilung für Lawful Interception seit Jahren schon Standards für Überwachungsschnittstellen für jede Form elektronischer Kommunikation ausarbeitet? Und wofür wären solche Standards gut, wenn Hersteller von Endgeräten, Netzwerkausrüster, Telefonfirmen, Internet Service Provider sie nicht implementierten?

Dass Geheimdienste unreinliche Geschäfte jenseits von Recht und Gesetz betreiben, ist nun wirklich keine Neuigkeit, das liegt offensichtlich in der Natur ihres schwach kontrollierten Schattendaseins. Wie weit sich allerdings der Bundesnachrichtendienst in Allianz mit den amerikanischen Freunden der NSA zur verfassungsfeindlichen Organisation entwickelt hat, erstaunt nun doch. Ob der BND die Bürger, die er zu schützen vorgibt, tatsächlich im stealth mode verrät, oder aber mit Wissen und im Auftrag der Bundesregierung, macht sehr wohl einen Unterschied – allerdings nicht fürs Alltagsleben der Netzbewohner.

Da gilt: Wer heute Vertrauen fordert, ob zu ITK-Konzernen oder zum Staat, ist ein Idiot. Nur leider ist es keine Lösung, sich als klarsichtiger Zyniker im Misstrauen einzurichten. Misstrauen ist für den Einzelnen auf Dauer unbekömmlich, auf die Gesellschaft wirkt es zersetzend wie ein Säurebad – kein soziales System kommt ohne ein gewisses Maß an Vertrauen aus, ohne funktionsunfähig zu werden.

Jetzt sitze ich also in meinem Bunker mitten in Hamburg und weiß nicht so recht weiter. Soll ich die Armierungen verstärken? Technisch wäre das kein Problem, bis hin zum Abtauchen in Darknets wie I2P. Andere haben diesen oder ähnliche Wege schon genommen, wie etwa mayleen, das ehemalige Mitglied eines Linux-Forums. In einem langen und lesenswerten Forenbeitrag schreibt mayleen unter anderem über die höchst überflüssige Kontroverse, ob man seine E-Mails nun verschlüsseln oder eine politische Lösung für die Pest der Massenüberwachung suchen sollte. Und zu guter Letzt auch über seine “persönliche Konsequenz”:
 

“Ich bin dann mal raus aus dem unverschlüsselten öffentlichen Teil des Internets. Wie schon an einigen Stellen erwähnt, ist der Punkt erreicht, an dem ich das zu gruselig finde, was abgeht, um einfach weiter zu machen, als wäre nichts. [email protected] und danke für die coolen Diskussionen …”

 
Einer weniger. Einer von denen, für die ein bewohnbares Netz wichtiger ist als die Display-Auflösung des nächsten iPhones. Einer, der das Internet nicht konsumiert, sondern auf seine Weise mitgestaltet hat, durch Tausende von Debattenbeiträgen und Hilfestellungen in seiner Community.

Bye, mayleen, ich bleibe noch ein bisschen. Aber du hast ja recht: Dass wir im Krieg um das Netz stehen, ist noch die gute Nachricht – dass wir ihn wahrscheinlich längst verloren haben, die schlechte.