Verschlüsselkinder

Sollen wir uns wirklich zu unserem Schutz mit Kryptographie befassen? Oder setzen wir dadurch vielleicht die Überwachungsspirale erst recht in Gang?

2013: Der Mensch ist dem Menschen eine Wanze.

Sollen wir also unser Online-Dasein verschlüsseln? Mails codieren, IPs verschleiern, amerikanische Anbieter meiden (wie Innenminister Friedrich rät)? Sollen wir uns selbst beschränken, Daten sparen, nur noch Briefe schreiben, mit YPS-Zaubertinte? Können wir uns denn überhaupt anders gegen Ausspähung durch Geheimdienste fremder und eigener Nation wehren? Wer schützt uns, wenn nicht wir selbst?

Für unsere Politiker, auf unseren Schutz vereidigt und von unserer Gunst abhängig (echt jetzt!), scheint die Überwachung strategisch notwendig und persönlich nichts Ungewöhnliches: “politiker, zumindest die etwas exponierteren, sind ständige überwachung und beobachtung gewohnt”, schreibt Felix Schwenzel. Von Marionetten der Aufmerksamkeit scheint man keine echte Gegenwehr erwarten zu können, wenn Aufmerksamkeit perverse Formen annimmt. Zumal offenbar ein Großteil unserer politischen Größen von den jüngsten Skandalen wusste, was auch immer genau dahinter steckt, man will es gar nicht wissen.

Man will sich nur verstecken.

Auf den ersten Blick scheint die informationelle Aufrüstung mündig und schlau. Motto: Wenn sie sowieso mitlesen, dann machen wir’s ihnen wenigstens so schwer wie möglich.

Jacob Appelbaum vom Tor Project, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, formulierte es letzte Woche berghainesk: “Don’t bareback with the internet. Don’t bareback with Big Brother. Use cryptography.” Sein Appell: Schützt euch vor den Immunkrankheiten des Netzes. Alles andere scheint töricht. Denn, Achtung: “Überwachung und Ausspionieren sind ein inhärenter Teil der digitalen Technik. Sie sind ein allgemeiner Habitus in der Welt, die ein digitales Panoptikum geworden ist. Jeder ist Big Brother und Insasse zugleich. Jeder ist Täter und Opfer zugleicht”, meint zumindest Professor und professioneller Schwarzseher Byung-Chul Han. “War doch eh klar”, haben es plötzlich viele andere schon immer gewusst und üben sich in Zynismus.

Und die Hobby-Verschlüsselung ist ja keine Alchemie: Hilfreiche ServiceArtikel haben Konjunktur, Kryptographie ist das neue Stricken, let´s have a Prism Break. Schon boomen verschlüsselte Suchmaschinen wie Ixquick und sichere Mail-Dienste wie Posteo, feiern die Piraten NRW eine “Crypto-Party”, wollen “Hacker Helfen“. Bald schenkt man Kleinkindern (namens Verschlüsselkinder) einen eigenen Code zum ersten Tag in der Kryppe, an Volkshochschulen wird “Krypto für Dummies” gelehrt, und die Bundesregierung finanziert eine aufwändige Kampagne mit dem Titel: “Mach´s mit!”

Das fordert sogar Netzpolitik.org-Macher Markus Beckedahl, bisher kaum als Cyber-Pessimist aufgefallen. Ähnlich argumentiert auch Felix von Leitner aka Fefe und legitimiert seine Forderung nach Datendiät mit der alten Personaler-Legende: “Heutzutage kann man sich ja nirgendwo mehr auf einen Job bewerben, ohne dass die erst mal Facebook auf peinliche Party-Fotos durchstöbern.”

So weit, so Orwell,  der hatte ja immerhin kürzlich Geburtstag.

Doch fragt man sich angesichts der Nonchalance der eilig Verschlüsselnden: Würden sie – dürfte die Polizei anlasslos Hausdurchsuchungen durchführen – eine Stahltür einbauen und das Klingelschild abmontieren? Wer lackiert sein Auto regelmäßig um, obwohl er keine Banken damit überfällt? Begegnet man Grundrechtsverstößen mit vorauseilender Selbstverteidigung? Kauft die Polizei dann nicht einfach mehr Rammböcke, bezahlt mehr Spitzel?

Die bittere Wahrheit ist: Individuelle Verschlüsselung setzt eine Negativ-Spirale in Gang. Individuell wie politisch. Denn jeder bauernschlaue Geheimdienst wird, seiner Logik gemäß, folgern: Wer verschlüsselt, hat etwas zu verbergen.

Geht man nach Prism und Tempora davon aus, dass Metadaten digitaler Kommunikation massenweise überwacht und im Muster- bzw. Verdachtsfall auch Inhalte gelesen werden, ist Verschlüsselung der sicherste Weg, sich “verdächtig” und Mails erst interessant zu machen. Ironischerweise findet man geheime Militär- und Geheimdiensteinrichtungen auf Google Maps nach einem ähnlich todsicheren Prinzip: Es sind die verpixelten Flecken in der sonst unverpixelten Landschaft.

Wenn zwei Prozent der Nutzer  ihre Mails verschlüsseln und der Rest nicht, welche Mails werden dann bevorzugt näher analysiert? Wer zieht die Aufmerksamkeit von Streifenpolizisten auf sich: Die Fahrer mit den abmontierten Nummernschildern und getönten Scheiben – oder der unauffällige Rest? Am besten, man fährt gar nicht mehr, im Sinne der Datensparsamkeit, denn: “bei der benutzung von computern fallen unmengen daten an. so wie bei der benutzung von autos ortswechsel anfallen.” (Felix Schwenzel)

Will man also verdachtsloser Überwachung ernsthaft mit verdächtigem Verhalten oder Totstellen begegnen? Gibt man nicht damit indirekt den Naiven recht, die dieser Tage ernsthaft Sätze mit “Wer nichts zu verbergen hat …” in Kameras plappern (unverpixelt!)?

Was für ein Menschen- und Staatsbild verrät das, wie verhalten sich demnach Obrigkeit und Bürger zueinander? Wie Wächter und Gefangener? Jäger und Hase? Hase und Igel?

Je mehr Menschen verschlüsseln, desto mehr ‚Legitimation‘ erfahren gigantische Überwachungsapparate. Wenn immer mehr Menschen weltweit ihre Kommunikation immer geheimer machen, braucht es der Logik der Exekutive nach auch immer mehr Geheimdienst, um trotzdem informiert zu sein.

Im Moment der Verschlüsselung unverfänglicher Kommunikation lenkt man die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Wurzel des Übels ab: dass unverfängliche Kommunikation massenhaft ausgespäht wird. Ganz zu schweigen von den Kollateralschäden der hohldrehenden Überwachungsschraube, die Michael Budde beschreibt: Mit massenhafter Ausspähung kann man vielleicht eine paar Verbrecher fangen, aber sicher auch “eine Großzahl falsch positiver Gefährder fabrizieren, also völlig harmloser Bürger, die vom Staat zu Unrecht als Gefahr gesehen werden.” Solche Fälle sind wiederum ein Grund, zu verschlüsseln, was mehr Überwachung fordert, was … usw. usf.

Und die digitale Elite, die sich nun radikalisiert? “Prism und Tempora könnten sich insofern als Geburtshelfer einer militanten Netzguerilla entpuppen – was letztlich die These bestärkt, dass unkontrollierte Geheimdienste immer genau das hervorbringen, was sie zu bekämpfen vorgeben”schließt Wolfgang Michal. Doch unter dem Vorwand, die Assanges und Snowdens dieser Welt zu jagen, wird eher mehr überwacht werden, denn weniger. Spezifisch eingesetzte Kryptographie, die Whistleblower, politische Aktivisten gegenüber imperialen Mächten, Journalisten vor Überwachung schützt, ist nötig. Existentiell wichtig. Assange mag megaloman sein, ganz Unrecht hat er hier nicht.

Es bleibt dennoch die ewige Dialektik des Informationswettrennens. Und wenn wir massenhaft mithecheln, statt massenhaft “Stopp!” zu rufen, sind wir mit dafür verantwortlich.

Gleichzeitig reißt Kryptographie einen neuen Grand Canyon in den Digitalen Graben zwischen Neuland-Nutzern und Nerds: Anonymität und Sicherheit wird zum Gut, das man sich leisten können muss – durch Know-how oder Geld. Die Doofen werden das Netz entweder lassen oder zu Spähvieh. Leicht überspitzt ausgedrückt: Meine Oma checkt openPGP nicht? Ab mit ihr nach Guantanamo!

Auch wenn es erst mal hilflos macht: Vorauseilender Selbstschutz ist der Anfang vom Ende des Netzes, wie wir es (als Ideal) kennen. Statt frei und anonym zu sein, wird es überwacht und verschlüsselt. Wie Marina Weisband in der WELT warnt: “Dann hat der Terror gewonnen.”  Denn Terror, das bezeichnet die durch Angst erzwungene Änderung meiner Lebensweise, schließt auch Felix von Leitner. Und Andreas Kissler unkt:  “Am Anfang wird die Unfreiheit sein. Der digitale Mensch wird in Ketten geboren.”

Politisch betrachtet behindert also Verschlüsselung den Kampf, den man eigentlich führen will und muss, und der so aussichtslos nicht ist. Weil Verschlüsselung zwar  anstrengend ist, aber definitiv nicht so anstrengend, wie dagegen auf die Straße zu gehen.

Selbstverständlich sollte man hygienisch mit Daten umgehen, Sensibles hüten, niemals diese ominöse Erbschaft in Nigeria antreten. Doch vor Ausspähung sollten nicht Verschlüsselung, sondern Gesetze schützen. Ansonsten wird aus Kryptographie bald das Kryptonit der Idee von einer informationellen Selbstbestimmung, und damit der Freiheit im Netz. Und man hätte wenig aus zwei Diktaturen gelernt.

Die Alternative? Endlich diese schweigende Mehrheit aktivieren, für die Überwachung und Verschlüsselung Nerd-Kram ist – und bitte bleiben soll. Ihr muss klar werden, dass sie verwanzt ist. Dass sie nicht passiv aushalten muss. Dass auch Wanzen Rechte achten müssen.

Bisher hatte die digitale Generation wenig, wogegen sie geschlossen antreten konnte. Man stritt sich ein bisschen untereinander oder mit den netzfremden Eltern. Das gemeinsame politische Projekt fehlte. Aber jetzt sind wir alle Verschlüsselkinder.

Crosspost von Friedemann Karig