Realismus-Kotau

Inzwischen übertreffen sich die (männlichen) Bescheidwisser in der Einschätzung, dass die Überwachung durch die Geheimdienste total normal ist. Staaten sind halt so. Worüber regt ihr euch auf?

Ja, auch Frankreich überwacht. Und China und Russland sowieso. Sogar der BND überwacht. Haben sie immer gemacht. Werden sie auch weiter machen. Was technisch geht, wird gemacht.

Habt ihr wirklich geglaubt, die hätten uns nicht im Visier? Ulrich Wickert in der Bildzeitung:

„Wir alle mussten doch davon ausgehen, dass unsere Gespräche abgehört und unsere E-Mails gelesen werden können – natürlich auch von Geheimdiensten.“

Seit es Geheimdienste gibt, machen Geheimdienste ihren Job. Auch Stefan Aust wundert sich in der Bildzeitung:

„Ich finde die Aufregung über den NSA-Skandal sonderbar, weil doch alles seit Jahren bekannt ist.“

Jeder wusste es doch. Wo ist das Problem?

So cool tönt es immer häufiger aus den (zu 100 Prozent männlichen) Kommentaren. Auch Polit-Feuilletonisten, die keinen Nagel in die Wand hauen können, brüsten sich mit ihrem abgeklärten Super-Realismus. War doch klar. Überrascht es jemanden, dass Spione spionieren? Oh, ihr politischen Romantiker des Internets!

Den Vogel schießt in dieser Hinsicht Harald Martenstein ab:

„Die Aufregung, die es zur Zeit in Deutschland gibt, hat etwas Künstliches und Naives. Seit es Staaten gibt, schnüffeln sie sich aus…“

Martenstein vergleicht die Geheimdienst-Spionage mit der Kontrolle von Töchtern durch besorgte Mütter. Na, dann ist ja alles in Ordnung!

 

Wer sich aufregt, ist naiv

Man nennt dieses Verhalten „Realismus-Kotau“. Gemeint ist die Verbeugung vor dem „Unabänderlichen“, dem „Alternativlosen“. Es ist die freiwillige Selbstaufgabe von Leuten, die ihre Resignation oder ihr Ich-will-mit-diesem-Scheiß-nicht-behelligt-werden als Realismus maskieren.

Bei manchen (in den Foren), die sich nun über die entrüsteten „Naivlinge“ lustig machen, könnte es auch das Stockholm-Syndrom sein: Um das totale Ausgeliefertsein irgendwie erträglich erscheinen zu lassen, machen sich die Abgehörten mit den Abhörern gemein.

Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, die ihrem Hang zur Unterwürfigkeit auch etwas Lustvolles abgewinnen kann. Siehe „50 Shades of Grey“. Die Abgehörten fantasieren sich in die Rolle der Studentin Anastasia, und der abhörende Staat ist nicht Mutti (wie bei Martenstein), sondern Mister Grey – Daten-Bondage inklusive.