Klaus Jarchow

CDU/CSU: Fremde Lorbeeren

 | 6 Kommentar(e)


Die Union macht sich stets verspätet – aber dann doch irgendwie zum richtigen Zeitpunkt – linke Positionen zu eigen. Die einfallsreiche Linke hat das Nachsehen, die Alt-Konservativen meckern.

05.07.2013 | 

Es ist die beste SPD, die es je gab. Ich rede natürlich von der Union. Mit dem rhetorischen Verzicht auf ihre letzte ‘Kernkompetenz’, die ja so recht nie eine war, räumen die Konservativen jetzt auch die einzige Bastion, die ihnen noch verblieben war, eine immer sanktionsbewehrtere und radikalere Innenpolitik:
 

“Mit dem Segen von Merkel und Seehofer vollzieht die Union den nächsten radikalen Kurswechsel: CDU und CSU verabschieden sich nach jahrelangem Kampf von der Vorratsdatenspeicherung.”

 
Gut, der Friedrich steht jetzt zwar blöd da, aber der war eh nie der Hellste, also passt das schon. Sofern diese nicht abreißende Kette von CDU-Abschieden aus alten Selbstgewissheiten uns eines beweist – Homo-Ehe, Mindestlohn, Atomausstieg usw. – dann nur eines: Dass ‘die Linken’ eigentlich immer richtig liegen, und dass der Konservatismus mit der gebotenen Verspätung diese Wendungen irgendwann unter Windungen nachvollziehen wird, selbst wenn sie zunächst nur an den Worthülsen klempnern. Die ‘Linken’ und die ‘Öko-Faschisten’ von den Grünen wären also die eigentlichen gesellschaftspolitischen Schnellmerker – ihr Problem: Sie stehen zu früh auf.

Für ihr Hinterherhinken wird die Union jetzt im September gewählt – für eine im Kern immer linkere Politik, die dabei stets so verspätet kommt, wie beispielsweise auch der ICE in deutsche Hauptbahnhöfe einläuft. Was mag bloß als nächstes dran sein? Drogenfreigabe? Euro-Bonds? Vermögenssteuer?

Einige altkonservative Dinosaurier löcken zwar noch wider den Stachel, mehr als ein im Kern religiöses Vokabular ist aber auch ihnen nicht geblieben. So mosert der Professor Biedenkopf, längst mehr FDP als CDU, heute im ‘Handelsblatt-Newsletter’:
 

“Die Politik erliegt der Versuchung, ihre Wahlchancen durch Manipulation des Verhältnisses von Leistung und Gegenleistung zu verbessern.”

 
Dröseln wir uns diesen rhetorischen Galimathias mal auf, dessen Qualität wohl kaum die Anschaulichkeit ist: ‘Die Politik’ – das wäre natürlich Bundeskanzlerin Merkel samt ihrer Entourage. Die anderen können ja nicht gemeint sein, weil diese notorischen Frühaufsteher zurecht ‘bloß Opposition’ sind. Diese Kanzlerin betreibe ferner eine waschechte ‘Manipulation’, also ein Hütchenspiel, nur um an der Macht zu bleiben. Mit anderen Worten: Sie macht doch tatsächlich eine mehrheitsfähige Politik. Mit dem ‘Verhältnis von Leistung und Gegenleistung’ meint Biedenkopf dann vermutlich jene unaufhörlichen Milliardengeschenke an Banken und Großanleger – – – obwohl, hmmmhmmm, vielleicht zielt er ja auch auf all das unnütze ‘Sozialgedöns’ für den vernachlässigenswerten Plebs, also auf jene absolut entbehrlichen ‘Geschenke’, die einem echten Liberalen schon immer deshalb ein Graus waren, weil sie in die falsche Richtung fließen.

Die große ‘Versuchung’, der unsere notgeile Politik dann ‘erliegt’, das wäre schließlich eine durch und durch religiöse Kategorie: Satan, der große ‘Versucher’, naht sich mit sardonischem Lächeln unseren politischen ‘Leistungsträgern’, um durch sein teuflisches Spiel uns alle in die ewige Verdammnis zu führen, weil das verfügbare Geld nun mal zum höheren Ruhm Gottes im sakralen Bereich stets nach oben zu fallen hat. Eine solche Sicht widerspricht zwar den Naturgesetzen, aber konnte unser Herr Jesus nicht auch übers Wasser wandeln? So ähnlich jedenfalls habe ich mir das Gebrabbel des alten Herrn übersetzt – ganz schlau bin ich daraus leider nicht geworden.

 

Nachtrag

Weil’s in den Kommentaren als bloß ‘rhetorische Wende’ glossiert wurde, es soll wohl doch mehr werden:
 

“Unter dem Eindruck der amerikanischen Internetspionage erwägt die CSU jetzt offenbar eine bemerkenswerte Kehrtwende. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drängt Parteichef Horst Seehofer (CSU) auf eine Abkehr von der bisherigen Position zur Vorratsdatenspeicherung.”

 
Crosspost vom Stilstand
 

  • Kai Biermann hat sich auf dem Neusprech-Blog ebenfalls Gedanken über die rhetorische Volte gemacht: Mindestspeicherdauer
  • ZDF: Union streitet um Vorratsdatenspeicherung
  • Alle Klarheiten beseitigt:
     

     

 

Mehr zu : | | | | | | | | | | | | | | | |

CARTA Kaffeekasse

6 Kommentare

  1. Peter |  05.07.2013 | 15:33 | permalink  

    Oh Mann. Bitte genauer lesen und nicht auf jeden primitiven Wahlkampftrick reinfallen! Die Union verabschiedet sich mitnichten von der Vorratsdatenspeicherung: sie benennt sie nur aus wahltaktischen Gründen um in “Mindestspeicherdauer von Verbindungsdaten”. Der simpelste Trick der Welt und alles fällt drauf rein.

  2. Tim |  05.07.2013 | 15:43 | permalink  

    Leider auf den typischen Unionsquatsch hereingefallen.

    Richtig wäre:
    CDU und CSU verabschieden sich nach jahrelangem Kampf vom Wort “Vorratsdatenspeicherung”.

  3. Vera Bunse |  05.07.2013 | 15:50 | permalink  

    @Peter
    Bitte genauer lesen: “Mit dem rhetorischen Verzicht auf ihre letzte ‘Kernkompetenz’ [..]” ,)

  4. Links 2013-07-05 | -=daMax=- |  05.07.2013 | 17:30 | permalink  

    [...] carta: CDU/CSU: Fremde Lorbeeren: [...]

  5. M. Boettcher |  06.07.2013 | 14:38 | permalink  

    @Vera Bunse: Bitte genauer lesen. Zitat: “Die Union macht sich stets verspätet – aber dann doch irgendwie zum richtigen Zeitpunkt – linke Positionen zu eigen.”

    Welche “linke Position” soll das sein, die sich die Union zu eigen macht, mit diesem zu Anfang des obigen Beitrags herausgestellten “rhetorische Verzicht” der Union “auf ihre letzte ‘Kernkompetenz’”? Oder leistet etwa “die einfallsreiche Linke” irgendwo Vergleichbares, übt sich in Verzicht bzw. macht sich die Linke irgendwelche Positionen anderer Parteien zu eigen? Hier wird ein Popanz aufgebaut, indem, wie von den Kommentatoren zutreffend festgestellt, eine von der Union betriebene Wortkosmetik zur Politikänderung umgedeutet wird. Etwas, was bereits die Presse schon manipulativ kolportiert. Solchen Quark zu lesen tut schon weh. Den noch zu verteidigen geht m. E. gar nicht.

  6. Thomas |  09.07.2013 | 20:55 | permalink  

    Es gibt keinen linken Positionen. Der Sozialstaat, die Rente, die Sozialversicherung ist mehrheitlich von konservativen aufgebaut worden. Die Linken fordern abwechselnd, das zu erhalten oder auszubauen. Deswegen wird die Linke abgestraft, nachdem sie mit großen Tönen gestartet ist. Der Kommunismus ist an seiner praktischen Umsetzung ziemlich blutig gescheitert, aber heute hat man keine Vorstellung davon, wo man eigentlich hin möchte, man lechzt nur noch ebenso nach Pöstchen wie die anderen Parteien. Die Kons tun das auch, aber ihr Pragmatismus erscheint vielen als das kleinere Übel, wenn Gysi, Lafontaine und ihre Kinder die Alternative sein sollen. Mal ehrlich, was haben die Herren isubstatielles zustande gebracht außer rhetorischen Metzchen?

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.