Die Entdeckung der digitalen Langsamkeit

Wie oft soll man bloggen? Bringt es überhaupt etwas, sich selbst eine Messlatte aufzustellen? Und gilt das auch für Wissenschaftsblogs?

Ich bin, glaube ich, in meiner ersten digitalen Krise: Während die Welt um mich herum immer schnelllebiger wird, werde ich selbst irgendwie immer langsamer. Dabei habe ich alles versucht, um mitzuhalten: Twitter, Blog, RSS-Reader, Smart Phone – es nützt nichts. Sogar der Blogbeitrag, der mich dazu bewogen hat, mir die hier stehenden Gedanken zu machen, ist mittlerweile zwei Wochen alt.

Dort gibt Sabine Scherz sehr gute Hinweise für bloggende Wissenschaftler, wie sie ihre Themen finden können. Unter anderem geht es auch um die optimale Postfrequenz:
 

Als ersten Schritt für eine gewisse Regelmäßigkeit habe ich mir vorgenommen einmal wöchentlich einen Blogpost zu veröffentlichen. Für das Bloggen wird das allgemein als unteres Limit angesehen.

 
Das saß. K.o. in der ersten Runde. Einmal wöchentlich. Das kenn ich wo her … das hab ich doch vor einer Weile irgendwie … Ah ja, hier isses: 15.02.2013, mein erster Blogeintrag:
 

Ich habe mir […] vorgenommen in der Regel vier Mal im Monat Beiträge zu veröffentlichen.

 
Ein Blick auf die rechte Seite zeigt schnell, was aus diesem Versprechen geworden ist. Nach übermütigen acht Beiträgen im Februar zunächst ein „leichter“ Einbruch auf einmal pro Monat. Die letzten zwei Monate dann in Zahlen 0, in Worten „null“ Beiträge.

Selbstverständlich – das habe ich beim Krisenmanagement eines ehemaligen Politikers plagiiert – bin ich gerne bereit, zu prüfen, ob bei so wenigen Beiträgen der Fehler daran eventuell bei mir zu suchen ist, und was genau mich daran gehindert hat, regelmäßiger zu schreiben. Hier stichwortartig einige Ergebnisse dieser Selbstkritik:

  • Nicht immer haben die eigenen Aktivitäten oder Ideen eine veröffentlichungswürdige Relevanz
  • Manche Idee braucht einfach Zeit, um sich zu entwickeln und zieht sich daher in die Länge
  • Bloggen kann ich nur in meiner „Freizeit“ neben Jobs und Dissertation. Hier frisst aber der schnöde Alltag extrem viel Zeit und vor allem Konzentration.

Das sind sicherlich Standardgründe oder Ausreden. Machen wir doch mal eine Gegenprobe, was ich, statt zu bloggen, mit meiner Zeit so angefangen habe:

  • An erster Stelle natürlich Lohnarbeit
  • Um diese entbehrlich werden zu lassen, an zweiter Stelle Stipendienbewerbungen
  • Hier vor allem Zeit für das Exposé inklusive diverser Überarbeitungen
  • Für das Projekt habe ich daneben vor allem praktische Dinge erledigt, etwa mittelalterliche Bibliothekskataloge gesammelt und für die Untersuchung vorbereitet
  • Außerdem habe ich angefangen, die modernen Handschriftenkataloge zu sichten
  • Gerade konzipiere und erstelle ich eine Datenbank, in die ich meine Daten einhegen werde
  • Für ein kleineres Nebenprojekt war ich in Basel und Karlsruhe und habe ein paar Handschriften untersucht. (So eine Idee, die Zeit braucht, s.o.)

Faul war ich also nicht unbedingt. Dass ich nur wenig Zeit fürs Bloggen gefunden habe, liegt meiner Ansicht nach eher an der Tatsache, dass ich nicht „on the fly“ schreiben kann. Um einen Beitrag zu schreiben, muss ich mich hinsetzen, ihn konzipieren, recherchieren und dann teilweise durchaus mühsam niederschreiben.  Dazu brauche ich Zeit und vor allem Ruhe, die nicht immer zur Verfügung steht. Ich bin immer von den Vielschreibern unter den Bloggern beeindruckt, die es schaffen, regelmäßig interessante und qualitativ hochwertige Beiträge zu liefern – ich selbst kann das nicht.

Aber, und das ist eine der wertvollen Erkenntnisse, die ich aus dieser Diskussion mitnehme: Das ist völlig in Ordnung so!

Das Problem liegt nicht in der Anzahl, Frequenz oder dem Umfang meiner Blogbeiträge, sondern in den zu großen Erwartungen, die ich an mich selbst gestellt habe. Gerade Anfänger im Web 2.0 neigen zu der Annahme, mit der Geschwindigkeit von Twitter, Blogs und Kommentaren mithalten zu müssen, als ob sie sonst etwas verpassen würden oder kein vollwertiges Mitglied der Netzgemeinde wären.

Das ungeheure Geschwindigkeitspotential der digitalen Kommunikation entwickelt so eine normative Kraft des Faktischen, dem man angestrengt versucht, hinterherzurennen. Genau das ist aber ein Trugschluss, insbesondere für das wissenschaftliche Bloggen.

Im Gegensatz zum Druck kennt das Blog zum Beispiel keine Deadline, die man einzuhalten hätte. Ich entscheide, wann ein Text fertig ist und wann ich ihn veröffentliche. Auch haben kleinere Blogs in der Regel keinen festen Leserstamm, der eine gewisse Beitragsfrequenz einfordert (für Institutionenblogs oder größere Portale ist das sicherlich anders).

Das große Angebot an Informationen, das das Internet bereithält, führt zu einer selektiveren Rezeption von Information durch den Leser. Er reagiert über Kanäle wie Twitter, RSS oder Ähnliches auf einen Beitrag, weil er ihn interessiert, unabhängig vom Datum des letzten Beitrags. Gerade im Internet funktioniert das besonders gut, da potentielle Leser – Google sei Dank – zu jeder Zeit für sie relevante Beiträge lesen und finden können, auch wenn diese schon etwas älter sind.

Das Internet bietet daher nicht nur die Möglichkeit rasend schneller Informationsvermittlung, sondern ermöglicht auch das Gegenteil: die Verlangsamung. Daher fand ich den Kommentar von Mareike König zum oben genannten Beitrag sehr treffend:

Das Schöne am Blog ist ja gerade die große Freiheit, die man als Bloggende in Bezug auf Textlänge, Stil und Publikationsrhythmus hat. Da sollte man sich auch nicht wieder einschränken oder unter Druck setzen lassen […].

Wichtig ist, denke ich, sein eigenes Tempo zu finden, sowohl, was die Produktion als auch die Rezeption digitaler Information angeht. Gerade was Ersteres anbelangt, habe ich mich da etwas überschätzt: vier Mal pro Woche lassen sich – zumindest für mich und im Moment – nicht einhalten. Solche Richtlinien möchte ich mir gar nicht mehr setzen, sondern die neuentdeckte digitale Langsamkeit genießen – wo doch schon die analoge Welt immer schneller wird.

Statt über das Wann habe ich mir aber ein paar Gedanken über das Was der Veröffentlichung gemacht. Zum Abschluss daher eine kleine Liste, was hier als nächstes geschehen wird:

  • Ich möchte ein paar Seiten einfügen und Informationen ergänzen
  • Vor allem möchte ich als Ergänzung zu der kurzen auch eine detaillierte Projektbeschreibung bieten
  • Meine kleinen Nebenprojekte möchte ich vorstellen
  • Außerdem möchte ich meine Datenbank vorstellen und zur Diskussion stellen.

Astreines Krisenmanagement, würde ich sagen.

Crosspost von Quadrivium