Keine Ziele haben. Eine Frage zur Grinsekatze im Wunderland.

Die Autorin hatte mal wieder eine Begegnung der dritten Art: Eine der Situationen, in denen sie auf Menschen trifft, denen sie das, was sie sagen will, partout nicht vermitteln kann.

Der Witz an der Begegnung war nun, dass sie im Rahmen einer Fortbildung stand, die ich genau zum Thema “Ideen anderen vermitteln” machen wollte.

Vielleicht war es ein bisschen naiv von mir, zu glauben, dass es solche Fortbildungen wirklich geben könnte. Jedenfalls stellte sich bei dem Seminar recht schnell heraus, dass die Veranstaltung eigentlich daraufhin konzipiert war, anderen Dinge zu verkaufen. Es ging um Werbung, nicht um Vermittlung von Ideen.

Zum Beispiel diskutierten wir über das Kommunikationsmodell AIDA, wonach eine erfolgreiche Kommunikation vier Stationen umfassen muss: Attention (Aufmerksamkeit), Interest (Interesse), Decision (Entscheidung) und Action (Handlung). Ich kann nachvollziehen, dass das Kriterien für eine Werbekampagne sind, denn wenn ich Werbung schalte, will ich damit nicht nur Aufmerksamkeit generieren, sondern auch erreichen, dass es konkrete Folgen hat, also eben zu Handlungen führt.

Vielleicht hängt es mit dem Internet zusammen, dass ich dieses Modell aber nicht mehr für Kommunikation generell akzeptieren kann. In gewisser Weise ist dieser Blog hier ja auch Werbung in dem Sinn, dass er eine Plattform für meine Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschläge sein soll. Und erfolglos wäre der Blog, wenn er nicht die nötige Aufmerksamkeit hätte. Aber schon der zweite Schritt, nämlich das Interesse, ist aus meiner Sicht offen. Denn es gibt Leute, die an meinen Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschlägen nicht interessiert sind, und das ist natürlich ihr gutes Recht.

Wenn also jemand auf diesen Blog kommt und dann feststellt, “das interessiert mich nicht”, würde ich das durchaus als erfolgreiche Kommunikation einordnen. Misslungen wäre die Kommunikation lediglich, wenn jemand, obwohl sie oder er sich inhaltlich eigentlich dafür interessiert, durch die Art der Präsentation abgeschreckt würde, also glaubt, es sei uninteressant für sie oder ihn, obwohl es in Wahrheit doch interessant wäre.

Wie auch immer: Angesichts der schier unendlichen Fülle von Informationen, die durch das Internet zugänglich sind, ist es wirklich die Pest, wenn durch Marketingkonzepte sozusagen falsche Interessen suggeriert werden, wenn ich also zehn Mal klicken muss, weil ich anfangs denke, dass mich etwas interessiert, nur, um dann hinterher festzustellen, dass es mich eben doch nicht interessiert. Ich bin inzwischen sehr, sehr intolerant gegenüber Leuten geworden, die mich so auf falsche Fährten locken und also meine Zeit verschwenden. Umso schlimmer, wenn das mit Absicht geschieht.

Würde ich Kurse zum Ideenvermitteln geben, würde ich in etwa Folgendes raten: Versucht nicht, Leute für das zu interessieren, was euch im Kopf oder wichtig ist, sondern versucht, eure Ideen, Thesen und Vorschläge in eine konstruktive und hilfreiche Beziehung zu dem zu setzen, was andere interessiert. Nur dann könnt ihr nämlich mit gutem Gewissen deren Aufmerksamkeit beanspruchen

Ein anderes Thema, das während dieser Fortbildung aufkam, war die Frage der Ziele.

Ich bin gegen Ziele, weil sie den Raum des Unvorhersehbaren einengen. Ich versuche, mir möglichst keine Ziele zu setzen, sondern offen zu bleiben für Entwicklungen, die ich mir momentan noch gar nicht vorstellen kann (und das Problem an Zielen ist ja, dass sie vom jetzigen Zeitpunkt her die Zukunft definieren wollen).

In diesem Zusammenhang brachte die Seminarleiterin das Beispiel von Alice im Wunderland und der Grinsekatze. Der entsprechende Dialog geht so: Alice trifft auf ihrem Weg durch das Wunderland eben diese Grinsekatze und fragt sie, welchen Pfad sie einschlagen soll. Die Katze antwortet: “Das kommt ganz darauf an, wo du hin willst.” – “Das ist mir ziemlich egal”, erwidert Alice, woraufhin die Grinsekatze sagt: “Dann ist es egal, welchen Weg Du nimmst.”

Als ich eben wegen des genauen Wortlauts nach dieser Geschichte googelte, stellte ich fest, dass das in Fortbildungen und Coachings offenbar ein weit verbreitetes Beispiel ist, das nicht nur von meiner Seminarleiterin gestern, sondern generell als Parabel dafür genommen wird, wie wichtig es ist, Ziele zu haben, weil man sonst nicht weiß, wo man lang laufen soll.

Ich hingegen hatte die Geschichte spontan ganz anders verstanden, nämlich so, dass, wenn ich keine Ziele habe, ich frei bin, jeden beliebigen Pfad einzuschlagen und mich einfach auf das einzulassen, was mich dort erwartet. Mich also von der Zukunft überraschen zu lassen. Das ist jedenfalls bisher meine Praxis, und damit bin ich in den vergangenen 48 Lebensjahren recht gut gefahren.

Jetzt würde mich interessieren, wie diese Episode in der Geschichte von Alice und der Grinsekatze eigentlich im Kontext gemeint ist, aber ich habe keine Lust, die ganze Alice im Wunderland-Geschichte zu lesen. Vielleicht ist es ja auch zweideutig. Und mich würde mal interessieren, wie Ihr das mit den Zielen handhabt und welche Erfahrungen Ihr damit habt.
 
Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit