Die Telekom weiß nicht, bis zu welcher Datenmenge Daten ungedrosselt fließen

| 06.06.2013 | 2 Kommentare

In den vergangenen Tagen fand zwischen dem Autor und der Deutschen Telekom via Twitter ein Gespräch statt, das tief blicken lässt.

Es geht dabei um die von der Telekom für 2016 in Aussicht gestellte “Drosselung” (andere sagen dazu “funktionale Kaputtmachung”) der im Festnetz-Internet tariflich bereitgestellten Bandbreite. Diese soll ab Erreichung einer übertragenen Datenmenge in Höhe von 75 Gigabyte auf 384 Kilobit pro Sekunde vermindert werden, wobei in diese Rechnung sowohl die Downloads als auch die Uploads einfließen.

Alles begann mit einer Frage nach der eigentlichen Datenmenge, ab der gedrosselt werden soll – und zwar in der Maßeinheit Bit, dem kleinsten möglichen digitalen Informationsschnipsel, mit dem Computer arbeiten.
 


 
Nun ist meine Frage durchaus erklärungsbedürftig. Zum einen ist nicht für jedermann offensichtlich, weshalb ich gerade nach den Bits gefragt habe, wenn doch die Zahl 75 Gigabyte im Raum steht und damit eigentlich (!) schon alles klar sein müsste. Zum anderen: Wie kommt es eigentlich zu den beiden Werten “600.000.000.000″ und “644.245.094.400″?

 

Vorweg eine kurze Erläuterung zu den Zahlen

Wer sich schon einmal eine Festplatte mit einem Terabyte Speicherkapazität gekauft hat, wunderte sich wahrscheinlich, weshalb sein Computer auf der die Platte nur rund 931 Gigabyte erkannte. Das Problem rührt daher, dass Computer auf Zweierpotenzen basieren, die Angaben Kilo, Mega, Giga, Tera und so weiter jedoch Zehnerpotenzen ausdrücken.

Festplattenhersteller beispielsweise berechnen die Kapazität ihrer Produkte nach folgendem Schema:

Kleinste mögliche Einheit = 1 Bit.

8 Bit ergeben 1 Byte.

1.000 Byte ergeben 1 Kilobyte.

1.000 Kilobyte ergeben 1 Megabyte.

1.000 Megabyte ergeben 1 Gigabyte.

1.000 Gigabyte ergeben 1 Terabyte.

 

Computer hingegen – ich hatte es bereits erwähnt – kennen nur Eins und Null und arbeiten entsprechend mit einem Zweierpotenzsystem. Die Rechnung sieht demnach ein bisschen anders aus:

Kleinste mögliche Einheit = 1 Bit.

8 Bit ergeben 1 Byte.

1.024 Byte ergeben 1 Kibibyte.

1.024 Kibibyte ergeben 1 Mebibyte.

1.024 Mebibyte ergeben 1 Gibibyte.

1.024 Gibibyte ergeben 1 Tebibyte.

 
Kibi/Mebi/Gibi – bitte was? Klingt auf den ersten Blick komisch, ist aber so. Weil Angaben wie “Kilo” nun einmal 1.000 und nicht die für Computer relevanten 1.024 ausdrücken, wurde eines Tages die so genannte IEC-Notation eingeführt, die wiederum Ordnung in den ganzen Schlamassel bringt. Die IEC-Notation führt erstmalig Binärpräfixe (also das Kibi, Mebi, Gibi usw.) ein und erlaubt eine sinnvolle, weil aus Kundensicht eindeutige Angabe einer Speicherkapazität.

Zum besseren Verständnis: Die Angabe “600.000.000.000 Bit” entspräche der Rechenart eines Festplattenherstellers und somit 75 Gigabyte bzw. 69.84 Gibibyte. Wohingegen “644.245.094.400 Bit” dem entspräche, was man eigentlich erwarten würde, 75 Gibibyte. Was man hierbei wissen muss: Ein Windows-Betriebssystem rechnet intern mit IEC-Notation, also in Gibibyte, stellt die Größe einer heruntergeladenen Datei jedoch in Gigabyte dar. Es ist daher wichtig, zu wissen, wie viel denn nun wirklich geladen werden kann.

Ich habe mich also gefragt: Wenn Angaben von Festplattenherstellern und Betriebssystemen aus Kundensicht verwirrend sind, weshalb sollten ausgerechnet Telekommunikationsdienstleister hier eine Ausnahme machen?

Um eine hieb- und stichfeste Angabe über das maximal übertragbare ungedrosselte Datenvolumen eines Telekom-Datentarifs zu erhalten, fragte ich also an, wie viele Bits man übertragen darf, bevor die Drosselung greift.

Das zu beantworten sollte für die Telekom ja eigentlich nicht so schwer sein. Immerhin sind ja schließlich sie diejenigen, die sich ihre Verträge und das Konzept der Drosselung ausgedacht haben. Aber denkste!, wie der nachfolgende Antworttweet beweist:
 


 
“Na gut, fragt mal!”, dachte ich mir. Ich warte dann so lange am Empfang. Lang können die Gänge bis zum Kollegen ja selbst in einem großen Unternehmen wie der Telekom nicht sein. Ich wartete also … bis zum nächsten Tag – worauf ich dann doch noch einmal nachfragte:
 


 
Wenige Minuten später dann die Antwort:
 


 
Das war am 1. Juni. Alles klar, die Gänge sind offenbar doch länger, als ich erwartet hatte. Lassen wir den Damen und Herren in ihren magentafarbenen Hemden doch noch eine Weile. Lange kann es ja nicht mehr dauern!

Zwei Tage später, es war bereits der 3. Juni, hatte ich leider noch immer keine Antwort erhalten, fragte erneut nach und erhielt auch prompt eine Reaktion:
 


 


 
Okay ..? Die “Fachabteilung” kann Stand Juni 2013, zu einem Zeitpunkt also, an dem die Telekom ihren Kunden bereits eine funktionale Zerstörung ihrer Internetbandbreite in Aussicht gestellt hatte, sobald eine bestimmte Menge an Daten geflossen ist, nicht zweifelsfrei benennen, wie groß die ungedrosselte Datenmenge denn nun eigentlich ist?

Ernsthaft?

Wohlgemerkt: “Fachabteilung”. Und das, obgleich die Verträge bereits stehen! Mein Gesprächsverlauf war inzwischen auch Dritten (möglicherweise Telekom-Kunden) aufgefallen, die sich zu Wort meldeten:
 


 
Und so fragte ich dann doch noch einmal nach …
 


 
– und erhielt am Folgetag eine Antwort, die eigentlich nichts sagt und doch so vieles offenbart:
 


 
Bleibt eigentlich nur noch die Frage offen, ab wie viel übertragenen Bits der Internetzugang funktional kaputt gemacht wird.

Die Kernfrage. Nicht irgendein unwichtiges Detail am Rande.

Es ist ja nicht so, dass es hier um Erbsenzählerei ginge. Der Unterschied beträgt immerhin 7,37 Prozent beziehungsweise 5.15 Gibibyte beziehungsweise 5.53 Gigabyte.

Und unabhängig davon, ob meine Ausführungen zu Gigabyte und Gibibyte nun verständlich waren oder nicht: die besagten Fünf-komma-Qietsch Giga/Gibibyte sind eine Größenordnung, für die es sich zu fragen lohnt – besonders, wenn man sich vor Augen hält, dass der Datenhunger künftiger Internetdienste weiter wachsen wird, und zwar unabhängig davon, ob der gebuchte Tarif nun der eines Singlehaushalts oder einer Familie mit drei internetbegeisterten Kindern ist.

2006 warb die Telekom noch mit dem Slogan “Hallo Zukunft!”. Was Telekomkunden 2013 respektive 2016 bekommen, sieht man ja. So plus minus 5 Giga/Gibibyte jedenfalls …

 

tl;dr · Fazit

Die Telekom kann nicht genau sagen, bis zu welcher Datenmenge Daten ungedrosselt fließen, obwohl die Drosselung bereits heute in den Verträgen steht. Das ist mindestens peinlich.

Um Klarheit zu schaffen, muss von der Telekom bloß angegeben werden, ob das magentafarbene Gigabyte nun aus 8.000.000.000 oder 8.589.934.592 Bits besteht.

Tut sie dies nicht, ist davon auszugehen, dass der kleinere Wert zieht. Die Drosselung griffe demnach bereits bei einer übertragenen Datenmenge, die kleiner ausfiele, als dem Kunden suggeriert wird. Ähnlich wie bei dem Problem mit den Festplatten – statt bei 75 wäre bereits bei rund 69.8 Schluss mit Highspeed.

Kunden der Telekom sollten von ihrem Dienstleister Klarheit einfordern – jetzt, und nicht erst ab 2016. Auch alle übrigen Telekommunikationsanbieter sollten ihr Verständnis von Gigas und Gibis öffentlich klären – und zwar zumindest im Kleingedruckten.
 
Crosspost von piksa.info