Die Angst des Spiegel vor den Frauen

Der Spiegel-Ressortleiter Thomas Tuma hat der Spiegel-Redakteurin und ProQuote-Vorsitzenden Annette Bruhns im Spiegel eine Vermischung von Lobbyarbeit und Journalismus vorgeworfen. Ausgerechnet Tuma.

Unter dem provozierenden Essay-Titel „Die ScheinriesInnen“ watschte der Spiegel-Mann den Frauen-Förderverein ProQuote regelrecht ab. Der Verein, obwohl zahlenmäßig klein, missbrauche die reichweitenstarken Medien für seine feministische Lobbyarbeit. Und das schade wiederum dem unabhängigen Journalismus. Denn die bei ProQuote Organisierten würden sich anderen Karriere-Frauen nur in wohlwollender Weise nähern, diese völlig unkritisch befragen, ja sich „ideologisch“ bei ihnen „unterhaken“. Der Vorwurf lautet auf Kumpanei und falsche Rücksichtnahme. Zuletzt habe man solches Verhalten gegenüber der Facebook-Vizechefin Sheryl Sandberg und der Yahoo-Chefin Marissa Meyer beobachten können.

Eine pikante Note erhielt Tumas Polemik noch dadurch, dass er seine Spiegel-Kollegin Bruhns namentlich im eigenen Blatt vorführte. Die ProQuote-Vorsitzende Annette Bruhns, so Tuma, habe sich von der Kollegin Anne Haeming für das MediumMagazin ungefähr so schleimerhaft interviewen lassen wie eine DDR-Staatsratsvorsitzende von einer Mikrophonhalterin des Staatsrundfunks. Besorgtes Fazit von Tuma: „Sollte derlei moderne, geschlechtspolitisch-korrekte Berichterstattung die Zukunft sein, geht es mit der ganzen Branche und ihrer Glaubwürdigkeit nun endgültig den Bach runter.“

 

Frauen kuscheln, Männer sind Terrier!

Als Vorsitzender einer kleinen Männerpartei, deren einziges Mitglied ich bin, kann ich mir lebhaft vorstellen, welche Albträume den Kollegen Tuma nachts plagen: Wie da die Glaubwürdigkeit (männlich, gefesselt) immer wieder von einer martialischen Geschlechterpolizei (weiblich, in Leder) in ein reißendes Bächlein gestoßen wird. Und wie Tuma dann schweißgebadet aufwacht und an die untergehende Branche denkt.

Gerade er als Wirtschafts-Ressortleiter (und ehemaliger Medienjournalist) weiß ja, wie wahnsinnig kritisch und furchtlos nachhakend männliche Wirtschaftsredakteure sind, wenn sie Vorstandsvorsitzende interviewen oder porträtieren. Wie sie Mannesmut vor Königsthronen beweisen und Matthias Döpfner oder Josef Ackermann erbarmungslos ins Kreuzverhör nehmen. Richtige Terrier!! In der Finanzkrise kaum zu bändigen.

Frauen dagegen wollen immer nur kuscheln. Zeigen zu viel Verständnis, muntern auf, vergessen über all der Empathie, wozu sie ihren Job haben: „Sich nie gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten!“ (Hanns Joachim Friedrichs)

Das ist im Journalismus gar nicht so leicht. Immer wieder bilden sich dort innige Paare, die über Jahre hinweg „kritische Interviews“ miteinander simulieren. Weil die Chemie einfach stimmt. Thomas Tuma und Thomas Gottschalk sind so ein Paar.

Schon 2007 talkten sie gemeinsam an der Uni Köln über „Das letzte deutsche TV-Lagerfeuer Wetten dass…“ 2008 folgte ein inniges Spiegel-Gespräch über „Die Arroganz der Eliten“, 2010 das unter die Haut gehende Spiegel-Gespräch „Man ist ganz allein“, und 2012 das lustige Spiegel-Gespräch „Tanz der taumelnden Titanen“. Das nächste Spiegel-Gespräch ist für 2014 avisiert. Und immer fragt Thomas Tuma Thomas Gottschalk. Das ist wohl so eine Art Abo.

 

Über das merkwürdige Paarungsverhalten im Journalismus

Unerwähnt bleibt bei diesen Gesprächen, dass Thomas Tuma Thomas Gottschalk nebenbei auch beraten hat. Aber Beraterjobs lassen sich bei Männern ja wunderbar mit unabhängigem Journalismus vereinbaren. Kai Hinrich Renner hat darüber im Dezember 2010 berichtet, das NDR-Magazin Zapp hat darüber berichtet, und das von Tuma durch den Kakao gezogene MediumMagazin hat die medienethische Frage gestellt: „Darf man … verschweigen?“

Es ging dabei um jenes exklusive Spiegel-Gespräch, das Thomas Tuma nach dem Wettendass-Unfall des jungen Stuntman Samuel Koch mit Wettendass-Moderator Thomas Gottschalk geführt hat, und das in der Hausmitteilung des Spiegel groß angekündigt war. MediumMagazin-Kolumnist Stefan Niggemeier schrieb damals:
 

„In der „Hausmitteilung“ des „Spiegels“ las es sich wie ein glücklicher Zufall, dass es gelungen war, ein Interview mit Thomas Gottschalk nach dem „Wetten, dass …?“-Unfall zu bekommen: Es sei eine „private Verabredung“ gewesen, die „schon monatelang feststand“: Redakteur Thomas Tuma und Gottschalk „wollten sich bei den Vorbereitungen zum ZDF-Jahresrückblick treffen“.

Das ist so haarscharf um die Wahrheit herum formuliert, dass es wie eine besonders dreiste Lüge wirkt: Die beiden trafen sich nicht bei den Vorbereitungen, sondern zur Vorbereitung des Rückblicks. Der „Spiegel“-Redakteur hat den ZDF-Moderator dabei journalistisch beraten….

Tuma sagt, er habe für die Beratung Gottschalks kein Honorar genommen. Vermutlich soll das die Sache weniger heikel machen, doch warum sollte Tuma kostenlos für Gottschalk arbeiten, es sei denn als Freundschaftsdienst? Und dann führt er nicht nur ein Interview unter Freunden, sondern bestätigt seinem Kunden oder Kumpel in der „Hausmitteilung“ auch noch mit der Autorität des unbefangenen „Spiegel“-Redakteurs, sich „als gereifter und sogar angriffslustiger Krisenmanager“ gezeigt zu haben, der sich seiner Verantwortung durchaus bewusst sei.

Wenn die Chefredaktion tatsächlich meinte, dass es unproblematisch ist, Tuma dieses Interview führen zu lassen, hätte sie die Verbindung der beiden nicht verschleiern müssen.“

 
Die Chefredaktion des Spiegel hat also seinerzeit die für das Blatt nützliche „Lobbyarbeit“ eines Redakteurs verschleiert, während sie die allgemeinpolitische und sturmgeschützlich eher gebotene „Lobbyarbeit“ einer Redakteurin heute anprangern lässt. Wie verrückt ist das denn?

Nach dieser Logik wäre es verwerflich, wenn sich ein Journalist nebenher für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzt (wie das ProQuote tut). Tolerabel hingegen wäre es, wenn er Leute interviewt, mit denen er nebenher freundschaftliche oder geschäftliche Beziehungen pflegt. Männer lassen sich da ja nicht so leicht einwickeln.

 

Fragetechnik im Gender-Test

Wenden wir uns deshalb zum Schluss der männlich-herben Fragetechnik von Thomas Tuma zu, die so ganz anders ist als die feminin-verständnisvolle des MediumMagazins. Ein kleiner Ausschnitt:
 

„SPIEGEL: Blieb Samuel schon während des Sprungs am Autodach hängen?

Gottschalk: Er fiel mir quasi vor die Füße, aber ich habe den Moment selbst nicht gesehen. Und glauben Sie mir: Ich werde mir diese Bilder auch nie wieder anschauen.

SPIEGEL: Ihr Millionenpublikum war Zeuge, wie Sie ihn vor dem Start der Wette noch gebeten haben, sofort aufzuhören, wenn er merkt, dass es nicht klappt…

Gottschalk: … und er sagte: Kommt gar nicht in Frage. Er war einfach hochmotiviert. Aber auch vernünftig genug, bei den Proben und dann auch in der Sendung vor dem heranrollenden Auto abzustoppen, wenn er merkte, dass etwas nicht passte ()

SPIEGEL: Fühlt man sich in diesen Momenten nicht trotz Tausender Menschen um einen herum sehr einsam?

Gottschalk: Sicher, man ist da ganz allein. Aber ich habe nun wirklich keine Veranlassung, mich zum Opfer zu stilisieren. Mein Job ist es, in jeder Situation so professionell wie möglich zu funktionieren. Vor einer Kamera kann mir nichts passieren, habe ich früher gern gesagt: außer Not und Tod. Und plötzlich war ich in so einer Situation (…)

SPIEGEL: Sie sollen die Begabung haben, sich unangenehme Dinge vom Leib zu halten …

Gottschalk: … aber wenn sie mich treffen, versuche ich, damit umzugehen und dabei den nötigen Ernst zu zeigen.“

 
Von so viel journalistischem Biss können ScheinriesInnen nur träumen.