Nicht-Kolumne im Nicht-Nicht-Blog

To blog, or not to blog: that is the question: / Whether 'tis nobler in the mind to suffer / The slings and arrows of outrageous fortune, / Or to take arms against a sea of troubles, / And by opposing end them?

Hab ‘ne Kolumne geschrieben, diese Woche bin ich aber gar nicht dran. Huch! Zum Glück habe ich ein Blog.

Ich mach mich dann mal einsnullig. Sascha Lobo hat in seinem Blog geschrieben, dass wir alle mal was machen sollen, anstatt immer nur vor uns hinzubloggen. Stimmt ja schon irgendwie, was bringt das, zehn Jahre lang was ins Internet bloggen, und was kommt raus? Gute Gespräche, interessante Hinweise.

Das kann natürlich nicht im Sinne Sascha Lobos sein, der mir immer interessante Hinweise gab, wenn wir uns zu einem guten Gespräch trafen, aber was solls.

Diese ganze Blogosphäre ist durch, sich als Blogger zu bezeichnen, taugt nur noch als Hobby. Leserkommentare haben ja auch keinen guten Ruf, und für die hoch auf ihrem Ross sitzenden Intellektuellen und Texteschreiber ist es leicht, angesichts der praktisch überall schlecht kuratierten Kommentarbereiche gleich mal die ganze Idee des Web 2.0 ad acta zu legen – die Menschen sind eben doch zu dumm. Nicht so schlau wie der Intellektuelle oder der Texteschreiber.

Manche Orte machen ja auch dumm. Ab und zu habe ich Probleme mit Leuten, die von Facebook in meinen sorgfältig kuratierten Kommentarbereich kommen und diesen mit kurzen Wortfetzen beleidigen. Die verjage ich dann wieder; manche sehen das als Unfreundlichkeit, und dann kann wieder gesprochen werden.

Eigentlich mag ich das Bloggen, aber wenn es out ist und man sich dafür als blöd hinstellen lassen muss, dann lasse ich es halt und mache etwas anderes. Das waren ja auch schöne Jahre mit der Hoffnung auf ein Lese-Schreibe-Internet. Nun werden die Zeiten wieder normal.

Nun werden wir sehen, wie die Firmen die Internet-Pionierzeit endgültig beenden. Die Telekom sagt: Schluss mit Internet, ist nicht mehr genug da, hört doch mal auf, Dinge hoch- und runterzuladen und kommt ins Wunderland, da gibt es viele Filme. Und nebenbei könnt ihr noch ein bisschen einkaufen. So kommt es, die Leute mögen ja auch Spotify anstatt Bittorrent, und Linux benutzt auch so gut wie keiner.

Die jungen Leute sind gestresst vom Bachelor, vom Arbeitsmarkt oder von Twitter und haben keine Zeit, sich in politische Themen einzuarbeiten. Und haben keine Energie, denn sie denken, keine Zukunft zu haben. Oder sie haben keine Zeit, weil sie noch ihren letzten Lauf von 7,4 Kilometern, absolviert in 1,2 Stunden, auf Facebook posten müssen.

„Zeit ohne Zukunft“ schrieb ich mal in diese Kolumne. Eine falsche Einschätzung, denn eine Zukunft gibt es ja immer. Auch wenn alte Männer angesichts der Tatsache, dass sich Angelina Jolie die Brüste abgeschnitten hat, den Untergang des Abendlandes herbeireden. Aber so was machen alte Männer eben gern, sie denken, wenn sie schon keine knackigen Brüste anfassen und Angelina sich ihre auch noch abschneiden lässt, dann soll bitteschön alles den Bach hinuntergehen.

Es ist nicht alles okay, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer, in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch, und die Sozialsysteme werden in den Krisenländern abgebaut. Aber vielleicht kriegen sie es ja hin in Europa, immerhin sind da Menschen betroffen, und die wollen ja eine Zukunft haben. Über die könnte man ja mal bloggen. Aber nein, lieber nicht, Blogs sind ja out.
 
Crosspost von Julia Seeliger. Text is Sex.