Der Terminator in unserer Mitte

| 22.05.2013 | 24 Kommentare

Keine hübsche Vorstellung, sich auf die guten Absichten von Ingenieuren und Programmierern verlassen zu müssen - zumal, wenn sie vom Militär beauftragt werden.

Gestern Abend stolperte ich über folgende Botschaft:
 

 
Bevor ich die Botschaft kommentiere, sei darauf hingewiesen, dass es mir ausdrücklich nicht darum geht, Werbung für die Piratenpartei zu machen. Nichtsdestotrotz freut es mich sehr, dass es mit den Piraten eine Partei gibt, die gewillt ist, den Themenkomplex Robotisierung und Automation von Militär und Polizeiarbeit zu thematisieren.

Auch wenn die jüngsten Entwicklungen auf diesem Terrain noch bei weitem nicht in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung gedrungen sind, muss man kein Phantast sein, um denkbare Szenarien an die Wand zu malen, die schon binnen der nächsten zehn, vielleicht fünfzehn Jahre auf diese Gesellschaft zukommen werden. Ich will mit diesem Beitrag versuchen, sie unter die Lupe zu nehmen.

 

Der Terminator ist schon Realität

Was die meisten Menschen für alberne Spinnerei von Jugendlichen, die zu viele Science Fiction Filme gesehen haben, halten mögen, ist bereits Realität. Roboter, die sich selbstständig selbst durch widriges Terrain bewegen, ja sogar Häuserfassaden erklimmen können, sind 2013 keine Zukunftsvision, sondern Stand der Technik.

Der Grundstein hierfür wurde in den frühen Neunzigerjahren gelegt. Um genau zu sein, 1992, als die heute im US-amerikanischen Waltham, Massachusetts, ansässige Firma Boston Dynamics sich aus der Arbeit des Massachusetts Institute of Technology abspaltete und in die kommerzielle Entwicklung solcher Maschinen einstieg.

Boston Dynamics entwickelt beispielsweise Roboter, die zur Unterstützung militärischer Bodentruppen konzipiert wurden. Bodentruppen standen schon immer vor einem Dilemma: Zur Steigerung der Schlagkraft wird technisches Equipment benötigt; muss dieses auf dem Fußweg über längere Distanzen transportiert werden, führt das in absehbarer Zeit zu Ermüdung und Erschöpfung. Ein Roboter namens LS3 oder Legged Squad Support System schafft Abhilfe. Wer sich einen Eindruck des LS3 in Aktion verschaffen möchte, dem sei das nachfolgende Videodokument empfohlen:
 

 
Ausweislich der Informationen auf Wikipedia ist der LS3 imstande, rund 180 Kilogramm Beladung aufzunehmen. Ausgestattet mit moderner Sensorik zur Wahrnehmung seiner Umgebung und damit Steigerung der Autonomie, stellte der LS3 sich bereits ernstzunehmenden Herausforderungen:
 

On September 10, 2012, two LS3 prototypes were demonstrated in an outdoor test. One of them had done so earlier in the year. The LS3 prototypes completed trotting and jogging mobility runs, perception visualization demonstrations, and a soldier-bounded autonomy demonstrations. They were roughly “10 times quieter” than the original platform. Other improvements included a 1 to 3 mph walk and trot over rough, rocky terrain, an easy transition to a 5 mph jog, and a 7 mph run over flat surfaces. Testing will continue approximately every quarter at military bases across the country.

 
Der LS3 ist eine Weiterentwicklung eines Vorgängermodells, dem BigDog, auch AlphaDog genannt. Mit einem Gewicht von etwa 108 Kilogramm bringt der etwa einen Meter lange und 76 Zentimeter hohe Roboter erstaunliche Fähigkeiten mit. In den folgenden Videos werden sie dokumentiert:
 

 
Vor meinem inneren Auge sehe ich schon Bilder von Straßenschlachten in Ländern, deren Regierungen mittels Robotern wie diesem versuchen, “Recht und Ordnung” (wieder) herzustellen. Wer sich klar macht, dass das syrische Staatsoberhaupt Baschar al-Assad im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs durchweg skrupellos Teile der syrischen Bevölkerung ermorden ließ, wird eine Vorstellung von dem Unheil bekommen, das solche Roboter anzurichten imstande sind, sofern sie von den falschen Personen kontrolliert werden.

Die Rede ist von Fähigkeiten, die man einfach einmal auf sich wirken lassen sollte, während man sich vor Augen führt, dass es an allen Orten dieser Welt politische Entscheidungsträger gibt, denen Begrifflichkeiten wie “Technikfolgenabschätzung” ebenso fremd sind wie die nötige Phantasie respektive Weitsicht über die möglichen Probleme beim Einsatz dieser Technik. Die schmutzige Wahrheit ist: Es braucht keinen Baschar al-Assad. Es genügt ein Innenminister Hans-Peter Friedrich, der die jährlich in Deutschland stattfindenden Maikrawallen unter Zuhilfenahme entsprechend entwickelter Roboter zu bekämpfen versucht. Widerstandsfähig sind sie ja, wie in dem nächsten Video eindrucksvoll präsentiert wird:
 

 

Stählerne Armee im Landesinnern

Wer die jüngsten Entwicklungen der Flugdrohnen im Blick hat, wird sich leicht gruselige Szenarien vorstellen können. Was sollte etwa einen autoritären Viktor Orbán davon abhalten, die nächste Schwulendemonstration von der Luft aus zu überwachen und die untereinander per Funk kommunizierenden Drohnen zur Koordinationen weiterer Bodeneinheiten einzusetzen, die den Teilnehmern der ungeliebten Schwulendemo die Parade vermiesen?

Einen per Flugdrohne kontrollierten Bodenroboter wie den ebenfalls von Boston Dynamics entwickelten Cheetah könnte man spielend durch die Menschenmenge treiben – ganz ohne den Einsatz von müden Polizeikräften, die ggf. sogar aufgrund von moralischen Bedenken den Dienst quittieren. Eine Kostprobe:
 

[entspricht 45,5 km/h]
 
Die technischen Grundlagen zur Kommunikation der Drohnen untereinander laufen inzwischen in die Entwicklung von Personenkraftwagen ein, die in naher Zukunft untereinander kommunizieren, um so beispielsweise Auffahrunfälle zu vermeiden. Doch mit den personenähnlichen Robotern Atlas und Petman liefert Boston Dynamics gleich zwei Roboter aus, die der Science-Fiction-Vorlage aus den Filmen von James Cameron bereits verdächtig nahe kommen:

 

Boston Dynamics: Modell Atlas

 

 

Boston Dynamics: Modell Petman

 

 

Bedauerlich an derlei Technologie: Forschung und Entwicklung werden von den falschen Menschen und Institutionen vorangetrieben, vom Militär und den Wasserträgern von Repressionsapparaten. Millionen-, wenn nicht Milliardenbeträge in Form von Steuergeldern werden weltweit investiert, und am Ende erhält man eine Technologie, die gegen die eigene Bevölkerung missbraucht werden kann.

 

Guter Bot, böser Bot

Natürlich ist nicht alles bösartig und auf Repression programmiert. Doch schon beim Einsatz von so genannter Deep Packet Inspection-Technologie in den Geräten, die unser weltweites Datennetz darstellen, scheiden sich die Geister: Was für den einen ein willkommenes technisches Hilfsmittel zur Stabilisierung der Netze ist, ist für den anderen ein Werkzeug zur Überwachung und Unterdrückung der Bervölkerung.

Der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur besteht nur noch in Form einer Konfigurationsdatei.

Meinen ersten Terminatorfilm habe ich mit etwa 13 Jahren gesehen, heute bin ich 27. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass mir mit 40 auf der Straße eine Maschine in Polizeiuniform begegnet. Das Problem an der Sache: Ich habe keinerlei Gewissheit, dass sie keine bösartige Konfigurationsdatei geladen hat.

Was, wenn die in Europa grassierende Austeritätspolitik auch meine Rente auffrisst, und was, wenn ich im Zeitalter des Terminators auf der Straße demonstrieren will?
 
Crosspost von Peter Piksa

 

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