Rocky Mountain Picture Show

In Denver hat die Rocky Mountain News ihren Betrieb eingestellt, eine Zeitung, die fast 150 Jahre lang erschienen ist. Wie aber verbreiten sich künftig Nachrichten in einer Stadt ohne Zeitung?


Sie haben einen sehr eindrucksvollen Schlussakkord gesetzt: Die Rocky Mountain News, eine Tageszeitung in Denver, musste aus wirtschaftlichen Gründen ihren Betrieb einstellen. Die Mitarbeiter haben davon ein Video gemacht.

Dieses Video geht derzeit buchstäblich um die ganze Welt und bietet wieder einmal Anlass zu fragen, ob und welche Zukunft Zeitungen im Internet haben. In Denver stellt sich diese Frage nicht mehr: Die Stadt hat zwar noch ein zweites Blatt, das aber deutlich stärker auf den Boulevard zugeschnitten ist.

Wie kommen ab jetzt in dieser Stadt (seriöse) Nachrichten und Kommentare an den Mann? Und wo platzieren lokale Unternehmen ihre Werbung und ihre PR? Den eben entlassenen Journalisten und Redakteuren der Rocky Mountain News sollte nicht bange sein, denn sie werden schon sehr bald wieder gebraucht – nur in einer ganz anderen Art und Weise.

In einer Stadt ohne Zeitung, aber mit funktionierender Internetinfrastruktur, dürfte sich ein Netz aus Medien der neuen, digitalen Art herausbilden. Denn jeder, der etwas bekannt zu geben hat, tut dies am besten auf seiner Website, oder besser noch, in seinem Blog.

Natürlich wird es diesen Medien zunächst an Reichweite fehlen. Unübersichtlich wird es auch, wenn jede Institution ihr eigenes Nachrichtenorgan ist. Das aber wird nicht lange so bleiben, denn wenn erst einmal genug „Sender“ arbeiten, entsteht ein Nährboden für Blogs, die sich einzelne Bereiche herausgreifen und diese beobachten („Watchblogs“). So filtern und verstärken sie Nachrichten und kommentieren zugleich. Ein Medium wie Twitter kann diesen Prozess unterstützen.

Dazu können dann aggregierende Medien treten (Rivva wäre ein Beispiel aus Deutschland). Diese arbeiten derzeit noch überwiegend themenzentriert, können aber problemlos auch in regionaler Hinsicht fungieren.

Was auf den ersten Blick kompliziert wirkt und eher eine Verschlechterung zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine substanzielle Verbesserung. Denn die klassische Zeitung bietet zwar einen bequemen Überblick über Nachrichten, schert aber zwangsläufig alle Leser über einen Kamm. Ältere Zeitgenossen mögen das gut finden, die „Digital Natives“ jedoch nicht: Sie sind es heute schon gewohnt, sich Interessantes und Unterhaltsames selbst im Netz zu suchen und sich auf Plattformen wie Facebook gegenseitig Empfehlungen zu geben.

Die Zukunft gehört daher eindeutig Kommunikationsmustern wie auf Facebook oder Twitter: Jeder folgt hier seinem individuell zusammengestellten Strom von Mitteilungen und bestimmt dabei gleichzeitig über Art und Menge der Inhalte. Die Verbreitung von Nachrichten wird in Zukunft damit wesentlich granularer sein.

Wo aber finden da die Journalisten der Rocky Mountain News ihren Platz?

Journalisten werden künftig an vielen Stellen gebraucht, nur eben nicht mehr zentral in großen Redaktionen. Sie werden für Unternehmen aller Art schreiben, sei es fest angestellt, sei es freiberuflich. Einige werden sich als Blogger selbständig machen. Ihre Aufgabe wird es aber nicht nur sein, Artikel zu schreiben, sondern auch als Social Community Manager dafür zu sorgen, dass ihre Botschaften in den richten Kanälen landen und dass Dialoge dazu in Gang kommen und moderiert werden.

So gesehen muss der Abschied von der Zeitung in Denver gar nicht negativ gesehen werden. In jedem Ende liegt bekanntlich schon der Anfang von etwas Neuem. Allerdings sieht es in Denver derzeit eher danach aus, dass man diesen Neuanfang noch hinausschiebt: Die Denver Post hat nämlich angekündigt, eine Reihe von Mitarbeitern der Rocky Mountain News zu übernehmen. Zudem erhalten deren Abonnenten ab jetzt automatisch das (bisherige) Konkurrenzblatt.

Der Denver Post mag das noch einige Zeit helfen. Am grundsätzlichen Medienwandel ändert es aber nichts, ebenso wenig wie die derzeit verstärkt wieder aufkommende Debatte um Paid Content. Hier sollte sich niemand in falschen Hoffnungen wiegen, denn der entscheidende Punkt ist, dass die Medien mit dem Internet ihre monopolartige Vermittlerrolle und damit auch ihr altes Geschäftsmodell verloren haben.

So gesehen sollten die jetzt auf der Straße stehenden Journalisten und Redakteure der Rocky Mountain News konsequent nach vorne schauen. Mit ihrem Video haben sie schließlich eindrucksvoll gezeigt, dass sie die neue Medienwelt verstehen.