Wie werde ich ein britischer Euro-Skeptiker?

Andreas Müllerleile hat eine Anleitung für Briten geschrieben, die auch bei uns Adepten finden dürfte. Kerstin Ludwig hat sie übersetzt.

Europaskepsis ist ja schwer in Mode – vor allem im Mutterland der EU-Skepsis: Grossbritannien. Die Debatte in Grossbritannien unterscheidet sich aber von ahnlichen Debatten in anderen Ländern. Es gibt hier eine einzigartige Mischung von rhetorisch brillanten Polikern, die aber, wenn es um Europa geht, nicht mit Sachwissen auffallen – und dann auch allerlei krude Thesen aufstellen.

Dann gibt es eine meinungsstarke – traditionell europaskeptische – Medienlandschaft, in der Nuancen gerne verloren gehen und in der grosse Überschriften wichtiger sind als Fakten. Da überrascht es nicht wirklich, dass auch die öffentliche Meinung europaskeptisch geprägt ist. Natürlich ist es wichtig, die EU zu kritisieren – und es gibt ja wahrlich genug Gründe dafür. Aber jede konstruktive EU-Kritik muss sich leider dem schrillen Diskurs auf der Insel unterordnen – was weder Grossbritannien noch Europa wirklich weiterhilft. Und weil die ganze Debatte über Europa so festgefahren ist, hilft nur noch eine Prise Humor, um sie zu verstehen:
 

  1. Tu nicht so, als wärest du tatsächlich skeptisch. Du hasst die EU, also bist du ein Skeptiker. Stell diese Logik nicht in Frage. Das Wort “Skeptiker” klingt gut, denn es zeigt, dass du in der Lage bist, die Dinge zu hinterfragen.
  2. Verschwende deine Zeit nicht mit Faktenchecks, die ruinieren dir nur dein Argument. Keiner wird jemals intensiver nachfragen. Die EU ist langweilig – nutze das zu deinem Vorteil. Und immer dran denken: Es gibt keinen Grund, irgendetwas über die EU zu wissen.
  3. Verlange bei jeder sich bietenden Möglichkeit ein EU-Referendum – weil du genau weißt, dass es das Establishment verärgern wird: Die Parteispitze, den Premierminister, Twitterfollower, etc. Wenn du ein Politiker bist, weißt du genau, dass sich die Presse jetzt auf dich stürzen wird. Du brauchst nicht wirklich zu wissen, warum du ein Referendum haben willst (im Grunde genommen willst du eins, weil du weißt, dass das die einzige Möglichkeit ist, Großbritannien endlich aus der EU rauszukriegen). Es reicht, dass du eins verlangst – schließlich hört sich das nach Demokratie an.
  4. Die Daily Mail berichtet sehr ausführlich über alle EU-Angelegenheiten – alles, was du über die EU wissen musst, findest du in diesem Qualitätspresseerzeugnis. Wenn du ein eingefleischter Euroskeptiker bist, findest du auch noch passende Artikel im Daily Express. Du kannst dich auf den Boulevard verlassen, dass er dir dabei hilft, “gesunden Menschenverstand” in die Politik zu bringen. Denn schließlich: Wenn es in einem Massenblatt steht, muss es gesunder Menschenverstand sein. Aber du kannst auch andere Presseerzeugnisse nutzen – es ist ja nicht so, dass Journalisten wirklich Ahnung von der EU haben. Und immer dran denken: Wenn du keinen passenden Artikel findest, ruf einfach eine Redaktion an und erzähle ihnen eine ungeheuerliche Geschichte – sie wird wahrscheinlich einige Tage später in der Zeitung stehen. Vergiss niemals: Die Medien sind deine Freunde.
  5. Ein sehr nützlicher Satz: “Ich liebe Europa. Aber ich hasse die EU.”
  6. Beschwer dich über das Ausmass der Bürokratie und diese ganzen unsinnigen EU-Regeln. Mach dir nicht die Mühe, zu überprüfen, um welche Art von Regeln es geht, oder warum sie überhaupt existieren. Jede Art der Regulierung ist unnütz. Ach ja, benutze den Begriff “Regulierung” statt “Regel”, und diese aufgezwungenen “Brüsseler Regulierungen” sind natürlich immer eine schlechte Sache.
  7. Du solltest unbedingt Kompromisse verabscheuen.
  8. Einwanderung ist ein Problem. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
  9. Erkundige dich bei deiner Partei, was noch akzeptabel ist. UKIP erlaubt einen recht freien Umgang mit den Themen – bei denen kommst du mit jeder Art von Aussage davon. Wenn du allerdings ein Mitglied der Konservativen oder der Labour Party bist, versteck deine Anti-EU-Gefühle besser in einigen unzusammenhängenden Aussagen über die Notwendigkeit eines Referendums – oder in ein paar kryptischen Änderungen des Beitrittsvertrags. Sag, dass Großbritannien eine neue Beziehung zur EU braucht, ohne zu erklären, warum das aktuelle Arrangement so schlecht ist, oder welche Änderungen du genau möchtest – keine Sorge, das hinterfragt sowieso niemand.
  10. Wenn du kein Politiker bist, kannst du immer noch ein euroskeptischer Kommentartroll werden. Alle großen Zeitungen haben einen Platz für Leserkommentare – nutze ihn! Aber mach nicht den Fehler, den Artikel auch noch zu lesen. Bereite eine Auswahl euroskeptischer Phrasen vor und poste deine Kommentare unter jedem Artikel. Sei dabei kreativ: Nutze den Krieg und Churchill, die bösen Deutschen, irgendetwas über Europäische Gemeinschaft von 1970, erwähne undemokratische Richter, den Brüsseler Superstaat oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Möglichkeiten sind endlos.
  11. Du kannst dein politisches Programm erweitern, indem du dich als Klimaskeptiker profilierst, Schwule und Lesben schikanierst, dich als Unterstützer von ProLife positionierst, Politiker beschimpfst, gegen die Gewerkschaften bist, oder einfach gegen irgendwas. Das braucht allerdings etwas mehr Übung – da die Presse diese Themen oft anders sieht!
  12. Tu so, als wärst du libertär. Klingt gut, oder?
  13. Beschwer dich darüber, wie die EU Großbritannien zurückhält. Mach nicht den Anfängerfehler, andere Länder in Europa zu begutachten und zu schauen, wie es ihnen geht und was die so machen – das ruiniert dir womöglich deine Argumentation. Wenn du unter Druck stehst, kannst du dich immer noch auf Griechenland beziehen – um zu sagen, dass nichts in der EU funktioniert.
  14. Du bist der Retter des britischen Bankensystems und der Londoner City. Du schützt Großbritanniens Finanzinteressen. Es gab keine Finanzkrise. Wiederhole das ein paar Mal. Du wirst überrascht sein, wie leicht es ist, die Leute davon zu überzeugen, dass die EU bösartiger ist als – sagen wir – Banker, Politiker oder Journalisten …
  15. Zahlen sind in der öffentlichen Diskussion wichtig – aber du musst das durchhalten. Wirf ein paar einfache Zahlen in den Raum: Soundsoviel Prozent der Gesetze werden von Brüssel diktiert, dann irgendwas Tagesaktuelles über die Kosten pro Tag und pro Person. Andere Euroskeptiker müssen sich auf deine Zahlen beziehen können, also nimm welche, die sie sich gut merken können. Oder recherchiere bei deiner Lieblingszeitung oder deiner bevorzugten Denkfabrik, die haben womöglich die Arbeit schon für dich gemacht. Sieh dir bloß die Methodik nicht zu genau an, das ruiniert nur dein Argument.
  16. Das Westfälische Modell und der Nationalismus des 19. Jahrhunders ist deine Religion. Geteilte Souveränität gibt es nicht. Aber denk immer daran: Nur die EU bedroht die britische Souveranitaet – andere Dinge zählen nicht.
  17. Achte auf deine Sprache: Sag “Europäischer Superstaat” oder “Brüssel” statt “EU” und benutze “nicht demokratisch gewählte Bürokraten/Richter” so oft wie möglich. Vergiss nicht, ein paar einfache Argumente einzuwerfen: Das britische Pfund ist gut, der Euro ist schlecht. Die EU kann man nicht reformieren. Brüssel ist ein korrupter, bürokratischer Haufen Absahner. Benutze diese Argumente, so oft es eben geht.
  18. Behaupte, dass “das Volk” ein Referendum verlangt. Es kann dir dabei völlig egal sein, dass die größte Sorge “des Volkes” die wirtschaftliche Entwicklung und ein sicherer Arbeitsplatz ist.
  19. Du musst einen Überlegenheitskomplex entwickeln. Du bist Brite, also verstehst du die Welt ein bisschen besser als andere Europäer. Die meisten EU-Bestimmungen sind entweder so unnötig wie ein Kropf oder schlecht, also wäre sowieso alles besser ohne sie. Erinnerungen an die “guten alten Zeiten” sind ebenso wichtig, egal, ob diese alten Zeiten wirklich gut waren.
  20. Erlerne die Kunst, bei jeder Gelegenheit zu sagen, “Europa ist schuld”: An der Wirtschaft, übel schmeckenden Würstchen, Autounfällen, Verspätungen bei der Bahn – das Thema ist völlig egal. Erinnere die Menschen ständig daran, dass alles Europas Schuld ist.
  21. Die Angst ist mit dir. Angst vor Einwanderern, Angst vor Ausländern, Angst, die eigene Souveränität zu verlieren, Angst vor Europa und Angst vor dem kommenden Brüsseler Superstaat.

 
Das englischsprachige Original bei Kosmopolito: How to become a British eurosceptic. Aus dem Jahr 2011 stammt der Short guide to lazy EU journalism, der immer noch gilt (hier auf Deutsch). Kerstin bloggt in Tante Jays Café.