Im tiefen Tal der Exponentialität

Deutschlands düstere Internet-Zukunft: Statt die Auswirkungen der Digitalisierung zu analysieren und zu steuern, schaffen wir uns lieber Ersatzprobleme.


 

Digital – exponential – combinatorial

Mich treibt seit einiger Zeit das Gefühl um, wie absurd die komplette Diskussion über unseren deutschen Weg ins Digitale Zeitalter ist. Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität … – you name it.

Das sind Themen, die in absurder Weise an der digitalen Realität vorbei gehen und von ihr nur ablenken. Der gesamte Diskurs wirkt wie aus der Zeit gefallen, als sei die Welt in das bräunliche Sepia vergilbter Schwarz-Weiß-Fotos getaucht. Dazu passt das Ergebnis einer Studie der Initiative D21: “Die meisten Deutschen sind nicht in der digitalen Welt angekommen.”

Grafik zu Erik Brynjolfsson, Quelle: M. Konitzer

Grafik zu Erik Brynjolfssons Vortrag, Quelle: M. Konitzer

 
Die digitale Realität ist krass konträr zu unserer deutschen digitalen Befindlichkeit und bar jeder politischen Gestaltungslust – die Piraten eingeschlossen. Dabei bin ich mir sicher: Es wird alles so viel schneller – manche werden sagen, schlimmer – kommen, als wir erwarten oder befürchten. Die Entwicklung wird so rabiat, so grundsätzlich und so einschneidend sein, wie wir es uns in unseren kühnsten Alpträumen kaum auszumalen vermögen.

Mein ungutes Gefühl verdichtete sich zur Gewissheit, als ich auf TED.com den Vortrag von Erik Brynjolfsson “The key to growth – race with the machines” gehört habe.

 

Die unsichtbaren Gratis-Effekte des Internets

Brynjolfsson skizziert in seinem Vortrag die Produktivitätseffekte der digitalen Welt und deren Wirkung auf das wirtschaftliche Wachstum. Er ist ein ausgewiesener Fachmann für dieses Thema, denn er ist Direktor des MIT Center für Digital Business und Mitglied des amerikanischen National Bureau of Economic Research. Seine Studien zeigen, wie sehr sich die Alltagswirklichkeit, vor allem aber die Arbeitswelt verändern wird.

Schon eine seiner einleitenden Thesen gibt eine Vorahnung, wie sehr wir einer fatalen Selbsttäuschung erliegen, was etwa unsere wirtschaftliche Situation und unsere Produktivität betrifft. In allen statistischen Berechnungen von Wirtschaftsleistungen finden die vielfachen Wirkungen der vielen Gratisdienste des Internets wie Google, Wikipedia, Maps, Spotify & Konsorten keine Berücksichtigung. Da sie nichts kosten, finden sich ihre segensreichen Wirkungen in keiner Berechnung von Wirtschaftsleistung und Wirtschaftskraft, in keinem Bruttosozialprodukt und keiner Produktivitätsberechnung wieder.

 

Wir sind längst weiter, als wir denken

Rechnete man deren Wirkung ein, müssten alle Wirtschaftseckdaten um Abermilliarden nach oben gesetzt werden. Umso niederschmetternder wäre bei solch einer Neuberechnung, wie wenig diese hohen Steigerungsraten sich in den Geldbörsen von uns Bürgern, die wir die Wirtschaftsleistungen erbringen, wiederfinden.

So gesehen hat sich die Wirtschaftsdynamik längst von uns abgekoppelt. Kurz: wir sind längst sehr viel weiter, als wir denken, als wir selbst real wahrnehmen und realwirtschaftlich erleben. Und wir sind jetzt schon finanziell von der wahren Produktivitätssteigerung abgekoppelt, die bislang der wesentliche Faktor von Lohnsteigerungen war.

Diese Entwicklung wird sehr viel schneller fortschreiten, als wir uns vorstellen und die Politik wahrnehmen und darauf reagieren kann. Erik Brynjolfsson macht dafür drei essentielle Faktoren verantwortlich, die die Internet-Ökonomie der Zukunft definieren:

  • Digitalität
  • Exponentialität
  • Kombinatorik (Netzwerke und Multidimensionalität)

Die Digitalisierung mit ihren weitreichenden Effekten auf Leben und Arbeit ist in diesem Blog ausgiebig und vielschichtig beschrieben: Ubiquität, Interaktivität, Big Data, Skalierbarkeit, Replizierbarkeit, 24/7 und vieles mehr. Die Disruptionen, die dadurch entstehen können, sind erst ansatzweise erahnbar.

Eine digitale Welt ist eine komplett andere als unsere frühere, analoge Welt. Das sind zugegeben Binsen, aber noch werden sie weithin nicht wahrgenommen. Entlarvend der Satz eines hochrangigen Finanzmanagers, den ich zuletzt gehört habe: “Irgendwie ist das mit dem Internet dann doch nicht so ein Trend, der wieder vorübergeht. Das wird jetzt ernst.”

 

Die bedrohliche Exponentialität

Der zweite Effekt, die Exponentialität, ist typisch für digitale Effekte. Da alle digitalen Produkte beliebig oft und beliebig schnell replizierbar sind, Reichweite in nie zuvor möglicher Geschwindigkeit herstellbar ist, ist Exponentialität ein typisches Phänomen in der Digitalwirtschaft.

Exponentialität sind wir evolutionstechnisch und menschheitsgeschichtlich nicht gewohnt: Wir kennen nur lineares Wachstum. Das hat uns die Natur gelehrt. Exponentielles Wachstum erleben wir nur als Bedrohung, etwa bei Krankheiten (Krebs), Seuchen oder Atombomben.

Vor allem aber schätzen wir exponentielles Wachstum vorzugsweise falsch ein. Weil es zunächst langsamer ansteigt als lineares Wachstum, während es gleichsam Schwung holt für seine explosionsartige Entwicklung (siehe Grafik), unterschätzen wir sein explosionsartiges Potential. Und das stets massiv.

Das ist der entscheidende Grund, warum wir hierzulande das Internet so unterschätzt haben und uns über exzessive Erfolge wie Google, Facebook, YouTube etc. verwundert die Augen reiben. Und das ist auch der Grund, warum solche Erfolgsstories nicht in Europa geschrieben werden (können).

Growth, Quelle: M. Konitzer

Growth, Grafik zu Erik Brynjolfssons Vortrag, Quelle: M. Konitzer

 

Fremdschämen über Wachstumszahlen

Meine erste Begegnung mit Exponentialität war ganz am Anfang von Europe Online 1994/1995, als wir unsere Businesspläne bei möglichen Partnern, bei Werbepartnern, auf Kongressen und bei Verlagen vorstellten. Auf unseren Slides gab es Wachstumskurven, auf denen ich das erste Mal Hockeystick-Effekte zu sehen bekam: steil ins Unendliche empor strebende Wachstumskurven.

Mir waren diese Prognosen damals eher peinlich. Sie wirkten auf mich unvorstellbar. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Businessmanager damals wirklich selbst an solches Wachstum glaubten, oder ob das damals nicht eher wishful thinking war, und nur diese absurden Steigerungsraten das von ihnen präsentierte Businessmodell rechtfertigten. Ich gestehe, ich hatte damals öfter leise Anfälle von Fremdscham den eigenen Prognosen gegenüber.

Zu Unrecht. Als ich viele Jahre später die Papiere von damals noch einmal in die Hände bekam, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass fast alle dieser Prognosen stimmten, ja sogar eher von der Realität überholt worden waren. Mit einer Ausnahme: die Einnahmen von Werbeerlösen stimmten erst mit etwa drei bis fünf Jahren Verzögerung. Das war unser Pech damals bei Europe Online – aber das ist eine andere Geschichte …

 

Die Kombinatorik und Multidimensionalität

Den dritten Faktor, der unsere digitale Zukunft prägen wird, nennt Erik Brynjolfsson “combinatorics”, deutsch Kombinatorik. Er meint damit aber nicht die gleichnamige Teildisziplin der Mathematik, sondern Kombinatorik in dynamischen Systemen, wie hier im Fall Internet.

Jede Neuerung im Internet wird nicht nur in dem Umfeld genutzt, für das sie entwickelt wurde, sondern ist stets Basis von Entwicklungen in ganz anderen Bereichen. Jede neue Funktion wird so nicht nur für den gedachten Zweck genutzt, sondern auch für ganz andere Ziele – und das im globalen Rahmen.

Brynjolfsson bringt als Beispiel für diese dynamische Kombinatorik, wie die Abermillionen an Facebook-Apps auf der Facebook-Plattform basieren. Facebook selbst baute auf der Plattform des Webs auf, das Web auf dem Internet, und so fort. Jede Innovation ist so die Basis für viele neue Innovationen, die darauf aufbauen. So eröffnen sich stets Anwendungen in multiplen Dimensionen – und das bringt einen zusätzlichen exponentiellen Effekt.

 

Das Trio exponential

Jeder dieser drei Faktoren, digital – exponentiell – kombinatorisch, hat schon für sich allein die Kraft, unser Leben und vor allem unsere Arbeit massiv und radikal zu ändern. In der Kombination von diesen Dreien haben sie dann aber eine ganz spezielle Sprengkraft: wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial. Diese Kraft nimmt an Dynamik stetig zu. Sie wirkt – dank der Kombinatorik – in immer mehr Bereichen unseres Arbeits- und Privatlebens. Die Folgen werden sehr bald sehr deutlich spürbar werden – im Positiven wie im Negativen.

Vor allem im Arbeitsumfeld werden die Auswirkungen sehr bald und drastisch zu erleben sein. Immer mehr Tätigkeiten werden automatisiert und damit immer mehr Jobs obsolet werden. Arbeit wird schon bald keine Selbstverständlichkeit mehr sein, sondern ein Privileg. Damit wird unsere gesamte Gesellschaft, wie sie heute funktioniert, ebenso völlig auf den Kopf gestellt werden, wie unser wirtschaftliches und soziales System. Derartige Herausforderungen werden uns in nicht allzu ferner Zukunft nach solchen Miniproblemen wie einer Eurokrise zurücksehnen lassen.

Eigentlich wäre das ein echtes Wahlkampfthema. Aber es ist zu unangenehm.

Es gibt keine Lösung, beziehungsweise müsste sie zu radikal ausfallen, als dass damit Stimmen gewonnen werden könnten. Also dann lieber Augen zu und Ersatzprobleme schaffen: Leistungsschutzrecht, Bandbreitendrosselung, Gema-Rechthaberei, Netzneutralität …

 

Mehr von Erik Brynjolfsson zum Thema der Entkoppelung von Produktivität, Arbeit und Wohlstand auf McKinsey.com (Productivity Paradox)

Crosspost von The Difference