Attrappentappen mit Gunter Dueck und der Deutschen Telekom

Ein #rp13-Interview und ein offener Brief mit Empathie für die Deutsche Telekom.

Lieber Gunter Dueck,

in Ihrem re:publica-Gespräch mit Philip Banse plädieren Sie (Min. 14:47) für mehr Empathie für die Deutsche Telekom. Einverstanden. Spielen wir mal die „Telekom-Versteher“.

Lassen wir zunächst die aufgekochte Drossel-Diskussion beiseite und riskieren wir einen Blick auf die Unterseite der magentafarbenen Oberfläche. Wenden wir uns dem Wesen, dem ureigenen Geschäftsmodell zu. „Liebe Telekom, Du bist ein Kabel“ titelte Timo Hetzel seinen Blogpost, der den Stein ins Rollen brachte. Was tut die Telekom? Das Unternehmen stellt die technische Infrastruktur zur Weiterleitung von analogen und zunehmend digitalen Daten zur Verfügung. Sie ist die „Mutter aller Kabel“ und macht damit richtig viel Kohle.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, gäbe es da nicht solche merkwürdigen Typen im Unternehmen, deren Lebensaufgabe darin besteht, den Gewinn permanent zu steigern. Ja, genau – Manager nennt man diese Vögel, die den Aktionären immer erklären müssen, warum man sie eigentlich benötigt. Und diesen Managern ist etwas aufgefallen, was sie sehr gekränkt hat. Sie waren nur Kabel. Zuverlässig, unscheinbar und treu bis zur letzten Meile. Die Helden des Alltags, DIN-genormt und tief verbuddelt. Aber sie waren leider nicht sexy.

Dafür ist das, was durch ihre Kabel fließt, sehr sexy. Es ist das neue wunderbare digitale Leben, mit dem sich Milliarden verdienen lassen. Es war der digitale Stoff, das neue Öl aus Daten. Musik, Videos, Spiele und die Versprechungen der sozialen Netzwerke. Facebook, Google und Youtube waren plötzlich die Stars – unendlich reich, unendlich mächtig. Und die Telekom-Manager fühlten sich wie ökologisch wichtige und staatlich geschützte Kellerasseln und sannen auf Abhilfe, um etwas von dem neuen Gold und Ruhm abzubekommen. Und sie kamen auf eine altbewährte Strategie: Teile und herrsche!

Die Ausgangslage war denkbar ungünstig: Der Konkurrenzdruck unter den Telkos hatte für schwierige Wettbewerbsbedingungen zugunsten der Verbraucher gesorgt. Man war gezwungen, seine Kabel zu marktfairen Preisen anzubieten und gewöhnte die Verbraucher an performantes und bezahlbares Internet. Man verdiente dabei immer noch prächtig, wenn man vertraulichen Quellen glauben kann, dass ein Gigabyte an Datenverkehr die Telekom unter einem Cent kostet.

Aber je mehr die Gesellschaft in einen Internet-Flow geriet und die digitale Evolution das Wirtschaftsleben veränderte, wollte die Kabel-Mentalität an diesem Prozess partizipieren. Das Ziel war klar definiert: Wir sind das Kabel! Wir bestimmen, welche Inhalte, in welcher Kombination, zu welchen Tarifen und an wen durch uns fließen. Wir sind die Kabel. Widerstand ist zwecklos. YouTube war gestern. Heute ist Telekom Entertain. Innovation ist irrelevant. Wir sind das Kabel.

Das ließ sich natürlich in dieser Form nicht am Markt kommunizieren, geschweige denn durchsetzen. Ein Ablenkungsmanöver musste her. Also erfanden die pfiffigen Manager ein neues Narrativ:
Die Mehrzahl der Kunden sind vernünftige Internet-Nutzer. Aber es gibt da einige wenige Daten-Nassauer, die auf Kosten der anderen die Kabel und Datenverkehre exorbitant belasten. Um die braven Telekom-Kunden nicht durch den übermäßigen Daten-Verbrauch zu benachteiligen, müssen diese Viel-Sauger nach Überschreitung eines großzügig bemessenen Datenvolumens gedrosselt werden. Selbstverständlich können diese Mega-Verbraucher ihren Datenhunger durch zusätzliche Tariferweiterungen stillen. Den Erlös daraus steckt die Telekom in den Ausbau ihrer Infrastruktur.

Diese Manager sind findige Fritzen. Sie spielten erste Versionen diese Narrativs der aufgeklärten Netzgemeinde zu (z.B. Timo Hetzel), um den Kommunikationsprozess in Gang zu bringen. Es war der geplante Stich ins Wespennest. Der Shitstorm baut sich auf und schafft es bis in die Tagesthemen. Die Strategie ging auf, und alle arbeiten sich brav daran ab. Und die „HobbyLobby“ diskutiert über die Höhe des überlebenswichtigen Datenvolumens.

Das Kabel ist ein beständiges und vor allem ein gerissenes Wesen. Die Drossel war, wie wir nun wissen, eine geschickte Ablenkung, eine Nebelkerze. Denn während sich die Nerds über die Verletzung der Netzneutralität echauffieren, hat sich das Kabel längst gehäutet und ist zu einem neuen Wesen mutiert: dem Content-Controller. Na – das hört sich blöd an. Nennen wir es „Managed Services“.

Das neue Geschäftsmodell ist denkbar simpel und höchst profitabel: Das Kabel hat sich in eine ultraschnelle Powerline und eine lahme, nasse Schnur aufgespalten. Wenn nun ein Unternehmen, das vom Video- oder Musikstreaming lebt, seinen deutschen Benutzern weiterhin ruckelfrei HD-Filme bieten möchte, muss sie sich bei den „Managed Services“ einkaufen. Dem Endkunden bietet man im Gegenzug ein speziell gebundeltes Internet-Paket an – natürlich zu marktgerechten Konditionen. Da hat das Kabel den Überfliegern aus dem Silicon Valley mal gezeigt, wo der deutsche Hammer hängt.

Mein Schwager findet das gut. Er erinnert mich etwas an Sie, Herr Dueck. Er besitzt auch ein Handy und kommt mit einem Gigabyte im Monat lässig über die Runden. Für meinen Schwager ist die Telekom-Drossel eine heilsame Entschleunigung. „Dann starren die Leute in der Bahn nicht immer in diese Dinger und wischen albern rum. Dann können sie endlich wieder etwas Müßiggang pflegen, aus dem Fenster gucken oder Zeitung lesen!“ Wie viele andere der digital abgehängten Generation, würde er Ihre Aussagen bei dem re:publca-Interview sofort unterschreiben. Sind Sie der neue „hero of the digital losers and generation mediocrity“?

Ich habe leider noch nicht fertig. Sie haben sich durch Ihre recht unterhaltsame Vortragsperformance zu einem Querdenker der Netzgemeinde entwickelt. Man schenkt Ihnen Gehör und vertraut Ihren Einschätzungen. Deshalb hat mich gerade Ihre naive Vermittlungsattitüde irritiert: „Ich verstehe die ganze Aufregung um die Drossel nicht.“

Ich schon! Denn was passiert mit uns und unserem Wirtschaftsstandort, wenn die „Managed Services“ Wirklichkeit werden? Dann wird der „digital flow“ unterbrochen, zerstückelt und dem Herrschafts- und Profitdenken eines Konzerns unterworfen. Was passiert mit den Ideen und Plänen tausender Start-ups, deren mobile Konzepte natürlich die vorhandenen WLAN-Inseln als wichtiges Brückenglied mit einbezogen haben? Die haben nicht das nötige Kleingeld, die „Managed Services“ zu bezahlen. Sie träumen vom „Internet der Dinge“. Träumen Sie weiter und perfektionieren Sie Ihr Attrappentappen.

 
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