Wolfgang Michal

Über Austausch und Austauschbarkeit

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Auch reinen Online-Medien kann die Puste ausgehen. Was bedeutet das für den Medienwandel?

09.05.2013 | 

Netzpolitik und Carta werden seit geraumer Zeit von Zeit Online vermarktet, Rivva kooperiert mit sueddeutsche.de, die Handelsblatt-Gruppe übernimmt meedia, beim Spiegel fällt die Mauer zwischen Off- und Online und die Burda-Tochter Tomorrow Focus will die deutsche HuffPost zum Erfolg führen.

Was haben diese Meldungen gemeinsam? Der Austausch zwischen Print und Online nimmt zu, und diese Kooperationen begünstigen Synergieeffekte. Doch die Zielrichtung der Synergien scheint sich zu ändern: Die alten Print-Mütter übernehmen – gemäß ihrer Finanz-Stärke – wieder die geistige Führung. Sie arrondieren ihr Portfolio. Sie schicken ihre Internet-Scouts mutiger an die Medienfront: Die Kundschafter sollen die Spreu vom Weizen trennen und heimholen, was sich lohnt, was schmückt, was Potential birgt. Mal dockt ein Mediendienst an, mal eine Gruppe von Bloggern, mal ein Magazin: Spielmaterial. Man will mehr ausprobieren. Und das ist gut so.

Allerdings gibt es – auch 20 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web – noch immer kein reines Online-„Medienimperium“ in Deutschland. Online pur, das geht nicht. Noch nicht. Zum Umsteuern brauchen die Printtanker mehr Schon-Zeit. Also verlangsamen sie den Medienwandel – wie man an der Hinhaltetaktik gegenüber der Huffington Post studieren konnte. Sie nehmen Geschwindigkeit raus, picken Rosinen, gehen kleine, überschaubare Umwege, schrauben an möglichen Abo-Modellen (= Volumentarifen) herum.

 

Der neueste Chic heißt Old School

Reinen Online-Medien – weiterhin notorisch finanzschwach – geht da schon mal die Puste aus. Die Begründung des Verlegers Dirk Manthey für den Verkauf des Online-Portals meedia.de ist aufschlussreich:

„Meedia (hat sich) wirtschaftlich immer etwas schwer getan. Das lag vor allem daran, dass Meedia bisher ein Internet-Only-Unternehmen ist. Für eine gute Rentabilität hätten wir – wie die Konkurrenz – um Meedia herum expandieren müssen: wir hätten einen großen Stellenmarkt einführen, Seminare und Kongresse veranstalten und auch noch ein Print-Produkt machen müssen. Davor haben wir immer zurückgeschreckt.“

„Wir hätten ein Print-Produkt machen müssen!“ Diesen Satz hätte man vor fünf oder vor drei Jahren nur unter dem Hohngelächter der Internetverfechter aussprechen können. Dazu Seminare und Kongresse! Der ganze Old School-Kram gilt heute wieder als Lösung!

Es ist auch interessant zu beobachten, dass die Lust auf Gedrucktes bei den Onlinern ausgerechnet in dem Moment wieder hochkommt, in dem selbst die stursten Verteidiger des Gedruckten sich den „grenzenlosen“ Online-Möglichkeiten zu öffnen beginnen.

Den grenzenlosen Online-Möglichkeiten? Eben nicht. Die Nachricht von der Telekom-Drosselung hat ein Signal gesetzt, das weit über den eigentlichen Sachverhalt der „Volumentarife“ hinausweist. Die Telekom signalisiert: Online wird teurer werden. Es beginnt das Zeitalter der Verknappung im World Wide Web. Und Verknappung ist gut fürs Geschäft. Springer und Burda werden bald Abos („Volumentarife“) für ihre Häuser präsentieren. Der Unterhaltungskonzern YouTube führt Paid Content-Kanäle ein.

Online war eine Zeit lang pure Verschwendung, Grenzenlosigkeit, Überfluss, Web-Kommunismus – das glatte Gegenteil eines Geschäftsmodells (deshalb konnte man auch keins finden). Nun sind wir ermattet von unserer Kostenloskultur.

Vielleicht werden wir eines Tages – rückblickend – bedauern, dass die Kämpfe zwischen Alt und Neu, Print und Online, Überfluss und Geschäftsmodell einfach zu kurz waren. Zu wenig Zeit, um echte Veränderungen, echte Neuerungen durchzusetzen.

Der Austausch zwischen den Lagern wird weitergehen. Mehr Austausch bedeutet aber auch: mehr Austauschbarkeit. Mehr vom Gleichen.

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5 Kommentare

  1. Thomas Knüwer |  09.05.2013 | 12:32 | permalink  

    Also Meedia taugt nicht recht als großes Beispiel. Der Dienst war von der Grundkonstruktion von Anfang an problematisch. So war das CMS nie wettbewerbsfähig, was wohl, ist aus unternehmensnahen Kreisen zu hören, maßgeblich daran lag, dass Manthey jeden Tag etwas Neues entschied. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht nochmal die Lektüre der ersten Blog-Kritiken zum Start.

    Diese technischen Defizite zogen sich durch: So war die Mobile App zu keinem Zeitpunkt auch nur durchschnittlich.

    Auch die angeheuerte Mannschaft war für ein Startup einfach zu teuer. Es wurde geprotzt wie es sonst eben nur Verlage tun. Warum? Weil Manthey allein dachte wie ein Print-Verleger.

    Trotzdem erzielte Meedia 2011 ja einen Jahresüberschuss laut Bundesanzeiger. Doch auch die Vermarktung ist nie so recht auf die Füße gekommen. Offensichtlich hat sich auch nie jemand über weitere Einnahmeströme Gedanken gemacht – oder die Umsetzung scheiterte (mutmaßlich in diesem Fall an den volatilen Entscheidungsströmen des Verlegers).

    Also: Meedia taugt nicht als Beispiel für einen Trend. Dass Manthey glaubt, mit einem Print-Produkt Erfolg gehabt haben zu können ist angesichts der Auflagenentwicklungen vergleichbarer Produkte realitätsfern. Nur zur Erinnerung: Die w&v gibt es an keinem Kiosk der Welt mehr zu kaufen…

  2. Wolfgang Michal |  09.05.2013 | 12:48 | permalink  

    Dann nimm halt Wired oder The European.

  3. petermock |  09.05.2013 | 16:15 | permalink  

    Glaube ich nicht. Die “volumentarife” werden von ganz anderer Seite kommen und deshalb ist die Telekom-Drossel der letzte sargnagel für die heimischen Medien. Ihre eigenen volumentarife werden unternehmen anbieten die sich das leisten können: amazon, Google, facebook und die kabelkonzerne wie liberty.

  4. christian |  10.05.2013 | 13:10 | permalink  

    Ich kenne einen reinen Online-Verlag, der ohne Print gut lebt: teltarif.de
    Der Verlag existiert seit über 10 Jahren, ist schlank und gut durchorganisiert. weiter Infos: http://www.teltarif.de/biz/

    Rein online funktioniert meiner Meinung nach, allerdings nur mit einer wesentlich kleineren Mannschaft als in Print.

  5. Art Vanderley |  10.05.2013 | 18:45 | permalink  

    “Mehr Austausch bedeutet aber auch: mehr Austauschbarkeit. Mehr vom Gleichen.”

    Weiß nicht , Einheitsbrei hatten wir jetzt 15, 20 Jahre lang , ich denke , die meisten (interessierten) Leute haben die Nase davon gestrichen voll.
    Egal in welcher Form , ohne mehr Vielfalt dürfte jedes Medium über kurz oder lang in die Krise geraten.

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