Die Telekom-Drossel ist völlig legitim

| 27.04.2013 | 6 Kommentare

-- solange jedes IP-Paket gleichberechtigt ist.

Einen Internetzugang nach Bandbreite oder Volumen oder einer Mischung daraus (‘kommst du über 50 GB, setzen wir dich auf 1 Mbit/s runter!) zu berechnen, ist total normal, alle mir bekannten (Profi-)Hoster rechnen so ab. Denn Bandbreite kostet Geld. Beim Hoster, im Backbone, auf der letzten Meile beim Endkunden.

Wer meint, das Netz bestünde nur aus Fixkosten, weil das Kabel im Boden schließlich bezahlt ist, möge mal einen Blick in die Preislisten bei Cisco, Juniper oder Alcatel werfen … (Oder besser nicht, wenn man an einem unzulässig bequem-simplen Weltbild festhalten möchte.)

Das Problem an den neuen Preismodellen ist ausschließlich die Privilegierung der Telekom-eigenen Dienste wie Entertain, die nicht in das normale IP-Volumen fallen. Interessanterweise ist das sogar technisch begründbar, aber das führt zu weit und lenkt vom wesentlichen Punkt ab: In der Konsequenz werden konkurrierende Anbieter von Streaming- oder Download-Videos wie Apple, Amazon und Watchever (oder Musikstreamer wie Spotify) massiv benachteiligt. Und der Traffic, den diese verursachen, nagt am Freivolumen (die Telekom plant 75 GB im Monat). Wenn das nächstgrößere Paket bei der Telekom 10 Euro mehr kosten sollte, entspricht das dem Preis von drei Filmen, kurz: ein Konkurrent wie Watchever kann mit seinen 9 Euro im Monat einpacken.

Die Diskussion muss unbedingt sauber geführt werden. Die Bandbreite von 384 KBit/s nach einer Drosselung ist zwar eine Frechheit, aber das ist nicht der Punkt. Auch das Volumen von 75 GB ist nicht der Punkt. Der Punkt ist einzig und allein, dass bestimmte IP-Pakete anders behandelt werden als andere. Und sich die Anbieter diese “Dienstleistung” bei der Telekom einkaufen können. Sprich: Sie sollen zahlen, damit dieser Traffic dann beim Kunden nicht gezählt wird. Am liebsten hätte die Telekom natürlich, wenn sie auf beiden Seiten – an der Datenquelle und der Datensenke – die Hand aufhalten könnte …

Wenn die Telekom nicht genügend Geld für die Modernisierung ihres Netzes verdient (ihr Argument), dann soll sie das der Regulierungsbehörde erklären. Dort konnte man komischerweise die Berechnungen der Telekom nie nachvollziehen.

Oder die Telekom muss bei den Hostern mehr kassieren. Wenn diese in ihrem Rechenzentrum ein 1-Gbit-Kabel inkl. 100 Terabyte Traffic für 20 Euro im Monat verkaufen, macht das 0,02 Cent pro Gigabyte.

Gehen wir jetzt einfach mal davon aus, dieser Preis wäre fair und kostendeckend: Liebe Telekom, behandle jedes Paket gleich, egal, ob es von Apple, Amazon oder von dir kommt, und verkaufe uns den Traffic auch zu diesem Kurs. Niemand wird meckern. (Man muss sich das mal vorstellen: Das Inklusivvolumen bei der Telekom kostet beim Hoster 1,5 Cent …)

Anders gesagt: Liebe Telekom, wenn du bei den Hostern nicht auf deine Kosten kommst, wälze dieses Problem nicht auf die (Privat-)Kunden ab und wirf dabei die Netzneutralität über Bord.

Die Telekom argumentiert übrigens ziemlich clever nicht mit einer bevorzugten Behandlung irgendwelcher Dienste, die dann beim Kunden nicht abgerechnet werden, sondern damit, dass das ein eigener Dienst ist, bei dem die Qualität von der Telekom sichergestellt wird (“Managed Service”). Das ist deswegen eine clevere Argumentation, weil das aus technischer Sicht sogar irgendwie stimmt. Wenn die Datenpakete von Diensten wie Entertain genauso behandelt würden wie “normale” Internet-Datenpakete, hätte die Telekom signifikant höhere Kosten. “Wir” sollten also aufpassen, dass wir sauber argumentieren, weil die Telekom aus streng technischer Sicht sogar ziemlich sauber argumentiert, es ihr aber natürlich um etwas ganz anderes geht. Sie kann daher genügend Nebelkerzen werfen.

Da nützen wild um sich geworfene Begriffe wie “Enteignen“, wenn man eher eine Übernahme der Telekom durch den Staat meint, nicht weiter. Oder Unsauberkeiten wie “Telekom bekam das Netz geschenkt” und gleichzeitig völlige Ignoranz, dass der Staat den Aktionären die T-Aktien nicht geschenkt, sondern verkauft hat.

Der Staat hat für den Verkauf des Netzes Geld bekommen. Wenn auf diesem Niveau weiter diskutiert wird, müssen wir uns nicht wundern, wenn “wir” in Berlin mal wieder nichts durchsetzen. So wie beim “Internet auf dem Land”, dem Leistungsschutzrecht, etc.
 
Crosspost von Die wunderbare Welt der Wirtschaft