Hoeneß und die Medien: Wenn Aufklärung zu Abschirmung wird (2. Update)

Es gibt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle bei der Betrachtung des Falles Uli Hoeneß. Während Medien im Norden eine gewisse Härte im Angriff demonstrieren, formiert sich in Bayern eine flexible Verteidigungslinie.

Update 1.5. »

Viele Journalisten mögen Uli Hoeneß, weil er sie verlässlich mit dramatischen Geschichten versorgt – innerhalb und außerhalb der Allianz-Arena. Und weil sich männliche Journalisten fortgeschrittenen Alters demonstrativ für Fußball begeistern, haben sie auch einen gewissen Grundrespekt vor der Lebensleistung dieses Mannes. Sie wissen, dass der harte Uli – anders als der weiche Wulffi – seine Affäre überleben wird, und dass sie hinterher, wenn die Geschichte vergessen ist, mit dem Uli weiter zusammen leben müssen dürfen. Wenn der Uli dann einen Brass hätte auf sie (er vergisst ja nichts!!), wäre das ziemlich unangenehm.

Und weil man als männlicher Journalist fortgeschrittenen Alters in Südbayern ganz nah dran ist am Geschehen, überlegt man auch drei Mal, ob man sich einen Hoeneß zum Feind macht. Denn wenn der Uli zurück haut (weil er ein so großes Herz hat!!), tut das ziemlich weh.

Im eisenten-kalten Hamburg muss man sich darüber keine barocken Gedanken machen. Deshalb kann man in Hamburg gefahrlos auf den Uli eindreschen und sein asoziales Verhalten zu einem tiefen moralischen Fall ‘emporschreiben’: Während die Hamburger also die „Doppelmoral“ des Uli Hoeneß geißeln (weil sie froh wären, wenn sie wenigstens 1 Moral hätten), huldigt man in München – wenn’s drauf ankommt – der bewusstseinsvernebelnden Wurschtigkeit des „Leben und leben lassen“.

In süddeutschen Gefilden herrscht in diesen Frühlingstagen eine so einfühlsame Rücksichtnahme auf den „Zocker Hoeneß“, dass man den Schutzschirm, den sie ihm aus lauter verständnisvollen Beiträgen flechten, glatt für einen Lorbeerkranz halten könnte. Lion Feuchtwanger hätte seine Freude an diesem „Erfolg“ gehabt (in dem der Ort Miesbach – wie seinerzeit – eine tragende Rolle spielt).

Lassen wir uns aber nicht ablenken von der alten „Bayern gegen Preußen-Folklore“, sondern konfrontieren wir die barmherzigen Darstellungen der Süddeutschen Zeitung mit ein paar Verständnisfragen zum Stand der Recherchen:

 

1. Das Datum der Selbstanzeige

„Der Fußball-Promi wandte sich nach eigenen Aussagen an die Behörden, nachdem das Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz gegen Ende des Jahres endgültig gescheitert war.“ (SZ, 23.4., S.17)

Das wird in jedem Bericht wiederholt. Aber kann diese Erzählung stimmen? Sie suggeriert, dass sich Uli Hoeneß schon lange vor seiner Selbstanzeige/Enttarnung ehrlich machen wollte. Er habe seinen Fehler wieder gut machen wollen, aber eben anonym im Schutze des geplanten Steuer-Abkommens mit der Schweiz. Ob sich Hoeneß Mitte Januar vor oder nach der Veröffentlichung im Stern (16.1.) anzeigte, wissen wir noch nicht. Doch das Scheitern des Steuer-Abkommens war, wie man der Neuen Zürcher Zeitung entnehmen konnte, schon seit dem 30. März 2012 absehbar, als sich die Länder-Finanzminister der Opposition auf eine Ablehnung des Abkommens festlegten. Der Bundesrat und der Vermittlungsausschuss vollzogen im November/Dezember nur noch das Nein. Insofern liegt die Selbstanzeige sehr viel näher an der Stern-Veröffentlichung als am Scheitern des Steuer-Abkommens.

 

2. Das Spielgeld des Freundes

„Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat der damalige Chef von Adidas, Robert Louis-Dreyfus, im Jahr 2000 dem mit ihm befreundeten Hoeneß auf einem Konto der Schweizer Privatbankengruppe Vontobel 20 Millionen Mark für Spekulationsgeschäfte zur Verfügung gestellt.“ (SZ, 23.4., S.1)

Diese Erklärung ist so absurd, dass man sie tatsächlich für wahr halten könnte. Wer eine derart verrückte Geschichte als „Information“ auftischt, muss dafür einen handfesten Beweis auf den Tisch legen, sonst wirkt die kommentarlose Wiedergabe wie das berühmte Alibi, das die Tatort-Ehefrau dem Tatort-Ehemann gibt. Woher die SZ ihre „Informationen“ hat, wird sie nicht verraten. Aber wie glaubwürdig können diese sein? Vom „Spielgeldgeber“ Louis-Dreyfus können sie nicht stammen – denn der ist so tot wie Gunter Sachs, dessen Geldverschiebungs-Geschichte die SZ vor einigen Wochen präsentierte. Tote sind in solchen Fällen immer sehr praktisch, denn sie können nicht mehr aussagen. Stammen die „Informationen“ der SZ also von Hoeneß selbst? Hat ein Ermittler geplaudert? Kommen sie von einer Steuer-CD oder aus den Tiefen des jüngsten Leaks? Wie viele CDs mögen derzeit auf dem Medienmarkt angeboten werden? Die lapidare Auskunft „nach Informationen der SZ…“ reicht jedenfalls nicht aus. Mit solcher Wichtig- und Heimlichtuerei kann man den Lesern im WikiLeaks-Zeitalter nicht mehr imponieren.

 

3. Der Adidas-FC Bayern-Deal

„Im September 2001 verkündete Hoeneß, dass sich der (Adidas)-Konzern aus Herzogenaurach mit zehn Prozent am Klub beteilige und dafür 75 Millionen Euro in Aktien bezahle… Für einen Zusammenhang zwischen dem privaten Geschäft von Hoeneß mit Dreyfus und den Geschäften zwischen Adidas und dem FC Bayern gibt es keinen Hinweis.“ (SZ, 23.4., S.1) „Allein aus dem zeitlichen Zusammenhang dieses Privatdarlehens einerseits und der Klubgeschäfte andererseits ergibt sich aber – nichts“ (SZ, 24.4., S.2)

Anders als dem Unternehmer Hoeneß hat man dem Politiker Wulff von Anfang an nicht abgenommen, dass er seinen Privatkredit so ganz ohne Gegenleistung bekommen hat. Er hatte sich in den Augen der Kritiker abhängig gemacht. Nun ist der FC Bayern Gottseidank (noch) kein Staat im Staate, insofern war Hoeneß durch das geliehene Spielgeld politisch nicht korrumpierbar, aber dass der Zuschlag für die Ausrüstung des FC Bayern kurz darauf an Adidas und nicht an den Meistbietenden ging (etwa an Nike), ist bei einem so internationalen und kaltblütig rechnenden Verein wie dem FC Bayern nicht unbedingt mit bayrisch-patriotischen Gefühlen erklärbar. Dem Uli wird offenbar bereitwillig abgenommen, was man dem Wulffi immer verwehrte.

 

4.  Das Vontobel-Konto

„2001 oder 2002, ganz genau lässt sich das bisher nicht rekonstruieren, konnte Hoeneß die zehn Millionen Euro an Louis-Dreyfus zurückzahlen. Dann zockte er weiter. Er verlor viel Geld, gewann viel Geld. Da war er nicht der Einzige. Selbst die Mittelschicht zockte damals. Jeder wollte was abhaben von dem Wahnsinn. Es lag damals ein bisschen F.Scott Fitzgerald in der Luft, nur sahen die Leute halt nicht so gut aus…“ (SZ, 23.4., S.3)

Hier verlässt die SZ den Journalismus und begibt sich in die Welt der Hintertreppen-Literatur. Die Seite 3 will uns weiß machen, dass wir damals alle ein bisschen bluna waren und wild in der Gegend herum zockten. Dass wir alle den Hoeneß intus hatten. Diese rührselige Zocker-Story vom Doppelleben des Festgeld-Fanatikers verdeckt die eigentlich interessante Frage, wie Hoeneß mitten im Absturz der Börsen (die New Economy Blase platze bereits im März 2000!) so viel Gewinn machen konnte, dass er den Dreyfus-Kredit schon 2001 oder 2002 vollständig zurückzahlen konnte. Auch wenn die Seite 3 der Süddeutschen der literarischen Reportage vorbehalten ist, sollte sie dort keine Märchen erzählen.

 

5. Der Haftbefehl

„Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung war Hoeneß am 20. März von Strafverfolgern der Staatsanwaltschaft München II vorläufig festgenommen worden. Damals hatten Ermittler sein Haus durchsucht, um Unterlagen für das Steuer-Verfahren zu finden. Gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro wurde der Haftbefehl kurz darauf außer Vollzug gesetzt.“ (SZ, 24.4., S.1) „Es verblüfft freilich, dass die Justiz bei einem so bodenständigen, so verwurzelten Menschen wie Hoeneß “Fluchtgefahr” angenommen hat; ansonsten hätte es keinen Haftbefehl geben können… Massiver Vorwurf, also Fluchtgefahr, also Haftbefehl? Solche Automatismen sind bedrückend für den Beschuldigten, seinen Verein und alle, die Hoeneß schätzen. Auch die, die das nicht tun, müssen wissen: Es gilt die Unschuldsvermutung.“ (SZ, 24.4., S.4)

Wie generös die Süddeutsche doch sein kann! Wenn aber auf eine Selbstanzeige plötzlich eine Hausdurchsuchung und ein Haftbefehl folgen, scheinen die Ermittler doch erhebliche Zweifel an den Erzählungen des Selbstanzeigers zu haben. Vielleicht passten die Zahlen auf den Konten und die Geschichten, die dazu erzählt wurden, nicht mit den Ermittlungen zusammen? Aber irgendwie scheint man beim Uli die mediale Unschuldsvermutung so nachhaltig zu betonen wie bei Christian Wulff die Vermutung allergrößter Schuld. Man wird den Uli in München verteidigen, so lange es geht. Nach dem 4:0 gegen Barcelona sowieso.

 

Update, 27.4.

Das Nord-Süd-Gefälle in der Hoeneß-Berichterstattung existiert weiter. Am heutigen Samstag schreibt Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung über die Hausdurchsuchung bei Hoeneß:

„Der Hauptgrund für die Durchsuchung war eine Geschichte in einem Magazin, die drei Tage nach Eingang der Selbstanzeige erschienen war. Ohne den Namen Hoeneß zu nennen, war über ein ‚geheimes Fußballkonto’ eines ‚Spitzenvertreters der Bundesliga’ bei der Vontobel-Bank geraunt worden. Die in dem Artikel genannten Riesensummen und der geschilderte Sachverhalt passten nicht zur Akte Hoeneß, aber die Strafverfolger mutmaßten, Hoeneß sei durch die Recherchen gewarnt worden und habe deshalb rasch seine Selbstanzeige gemacht… Bei der Durchsuchung stellte sich heraus, dass der Autor der Geschichte damals nicht bei Hoeneß angefragt hatte. Erst vorigen Samstagnachmittag, als die Ermittlungen schon öffentlich waren, erhielt Hoeneß eines Anfrage des Magazins…“ (SZ, 27.4., S.23)

Drei Tage nach (!) dem Eingang der Selbstanzeige also „raunte“ das Magazin Stern. Und machte, laut SZ, seine Hausaufgaben nicht. Viel interessanter ist, was die Süddeutsche Zeitung zugunsten von Hoeneß weglässt.

Der Stern-Reporter Johannes Röhrig hatte nämlich sehr wohl im Januar wegen des ominösen Nummernkontos angefragt, aber nicht bei Hoeneß selbst, sondern bei der Schweizer Vontobel-Bank, und zwar am Morgen des 14. Januar (!), jenem Tag, an dem Hoeneß’ Steuerberater – offenbar in Eile – die Selbstanzeige seines Mandanten eingereicht haben soll. So steht es auf stern.de:

„Am Montagmorgen, dem 14. Januar, konfrontierte der stern die Bank.“

Bei dieser Anfrage war es um das ominöse Nummernkonto 4028BEA gegangen. Wenn dieses Konto, auf dem zeitweise bis zu 800 Millionen Schweizer Franken gelegen haben sollen, nichts mit dem Hoeneß-Konto zu tun hat, warum rief die Vontobel-Bank dann wegen der Schnüffeleien eines Stern-Reporters ausgerechnet bei Hoeneß an? Spiegel Online dazu:

„Anfang Januar schließlich erhielt Hoeneß einen Anruf eines Vontobel-Mitarbeiters, der ihn informierte, dass ein Reporter des “Stern” nach einem Prominenten aus dem Sportbereich recherchiere: “Da stellt einer blöde Fragen, nur dass Sie es wissen.” Wie der SPIEGEL erfuhr, soll Hoeneß daraufhin die Fassung verloren haben. Danach habe sein Steuerberater schnell eine Selbstanzeige basteln müssen.“

Ob diese Version stimmt, wissen wir nicht. Spiegel Online erwähnt aber die Nummer des Hoeneß-Kontos bei der Vontobel-Bank. Hoeneß soll …

„…bereits vor Weihnachten die Absicht gehabt haben, die bayerischen Finanzbehörden über die Existenz seines Kontos mit der Nummer 4028BEA bei der Zürcher Bank Vontobel in Kenntnis zu setzen.“

Falls Spiegel Online die beiden Konten richtig zuordnet, trägt das Hoeneß-Konto die gleiche Nummer wie das am 16. Januar im Stern-Bericht erwähnte des unbekannten „Spitzenvertreters der Bundesliga“: 4028BEA. Das lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass es bei der Schweizer Bank Vontobel zwei nummerngleiche Konten gibt. Das eine, das laut SpOn Uli Hoeneß gehört, und das andere, das laut Stern dem „Spitzenvertreter der Bundesliga“ gehört.

Zufälle gibt’s!


 

Update, 1.5.

Uli Hoeneß hat der ZEIT ein Interview gegeben. Und die ZEIT (obwohl aus Hamburg!) war so taktvoll, nicht allzu schmerzhaft nachzufragen. Hoeneß’ Strategie läuft nun offenbar darauf hinaus, auf Schuldunfähigkeit wegen Spielsucht zu plädieren und das Menschliche, Allzumenschliche in den Vordergrund zu rücken. Die Logik, warum Dreyfus seinem Freund einfach so 20 Millionen Mark zum Zocken gegeben haben soll, obwohl Hoeneß nach eigenen Angaben durch das Platzen der Internetblase gerade viel Geld verloren hatte, erschließt sich zwar noch immer nicht (und auch nicht das Rätsel der nummerngleichen Vontobel-Konten), aber… sind wir nicht alle kleine Sünderlein, haben wir nicht alle irgendwelche Süchte?
 

“In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin…”

“Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr…“

“Sie glauben gar nicht, was ich alles spüre. Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist. Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht, was ich eigentlich gar nicht kenne. Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich nochmal. Und denke nach, denke nach und verzweifle. Ich bin morgens auch manchmal schon eine Stunde nach dem Aufstehen völlig fertig.”

 
Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig hat gestern in der Satiresendung „Neues aus der Anstalt“ (ab Minute 11:15) überzeugend nachgespielt, warum es keinen Spaß mehr macht, heute reich zu sein. Ständig plagen einen die Sorgen und nachts kann man nicht mehr ruhig schlafen. Am besten, wir trocknen jetzt unsere Tränen und vergessen die Geschichte ganz schnell. Uli Hoeneß hat doch genug gelitten.