Kritik – Fremdwort für deutsche Journalisten

Deutschlands Medienmacher sind im internationalen Vergleich Schlusslicht in Sachen Kritikkultur.

Mehr als ein Drittel der befragten deutschen Journalisten kritisiert selbst nie oder fast nie Kolleginnen und Kollegen; zwei Drittel werden sogar von Kollegen oder Vorgesetzten nie oder fast nie kritisiert.

Obwohl deutsche Journalisten regelmäßig Politiker und Manager in die Mangel nehmen, sind sie gleichsam unerfahren darin, den kritischen Blick auf sich selbst zu richten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund, für die wir in 12 europäischen Ländern und zwei arabischen Vergleichsstaaten (Jordanien und Tunesien) 1.682 Journalisten aus allen Medienbereichen repräsentativ befragt haben.

Weiteres Ergebnis der Studie: Deutsche Journalisten bekennen sich zwar ausdrücklich zu Medienverantwortung als Voraussetzung für Pressefreiheit. Den traditionellen Instrumenten der Medienselbstkontrolle (z.B. Presserat) wie auch neuen medienkritischen Formaten im Internet (z.B. Medienblogs wie BildBlog) messen sie aber nur mäßigen Einfluss bei. Damit liegen sie im internationalen Vergleich im Mittelfeld – aber klar hinter ihren Kollegen aus Skandinavien, den Niederlanden und der Schweiz, die Presserat, Pressekodizes, Medien-Ombudsleute und Medienblogs für deutlich einflussreicher halten als ihre deutschen Kollegen. „Journalisten müssen das Thema Selbstkontrolle endlich ernster nehmen.”

Gefragt sind nun vor allem die Medienhäuser. Denn gerade sie können fühlbare Anreize für verantwortungsvolles Handeln im Journalismus geben – und wirkungsvolle Sanktionen verhängen, wie Studie ebenfalls zeigt: In deutschen Redaktionen wird im internationalen Vergleich im Schnitt am wenigsten gelobt. In Redaktionen, in denen gute Leistungen gelobt und schwarze Schafe gerügt werden, nehmen Journalisten das Thema Medienselbstkontrolle aber ernster.

Die Studie ist online abrufbar (PDF).